Technischer Fortschritt und Sex Grenzenloses Begehren?

Von Virtual-Reality-Erotik bis zu personalisierten Sex-Puppen: Technik kann heute immer mehr Fantasien erfüllen - wie beeinflusst das unser Begehren? Die Kulturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheidt sucht nach Antworten.

Symbolbild
Getty Images

Symbolbild


Melina gehört zu den Premium-Sexpuppen 2019 - sie ist eine "Real Life Doll". Für 1328 Euro versprechen die Hersteller "unglaublich weiche Haut, die sich bei Berührung völlig natürlich anfühlt". Die Körpergröße ist ab 135 Zentimeter frei buchbar. Als Frisur stehen 15 Perücken zur Auswahl. Hautfarbe, Vaginavariante, Länge der Fingernägel: alles nur einen Mausklick entfernt. Melinas Augen glänzen, die halb geschlossenen Lider scheinen mit der Kameralinse zu flirten. Allein die Füße weisen Makel auf: Klappt man die Sohle nach oben, sieht man Metallschrauben.

Sex nach Wunsch wird dank technischer Entwicklungen immer einfacher - und menschlicher. Wissenschaftler wie der japanische Robotiker Hiroshi Ishiguro entwickeln inzwischen Roboter-Ebenbilder, 3D-Kopien echter Menschen. 2018 stellte das Berliner Tech-Start-up-Unternehmen me.mento mit seinem Produkt vrXcity eine "erste interaktive VR-Erotik-Plattform" in Aussicht.

Autorin Sophie Wennerscheid: "Das Glück ist so vorhersehbar"
privat

Autorin Sophie Wennerscheid: "Das Glück ist so vorhersehbar"

Was aber bedeutet das für unser Sexualleben? Wird Sex mit anderen Menschen durch den technischen Fortschritt irgendwann langweilig? In ihrem neuen Buch "Sex machina" schreibt die Kulturwissenschaftlerin Sophie Wennerscheid, wie menschliches Begehren in Zukunft aussehen könnte. Wennerscheid analysiert dazu Sexfantasien in Film und Literatur, technische Trends der Wissenschaft, testet selbst Erotik-Plattformen. Das Fazit: Eine Maschine wird nur dann attraktiv, wenn sie etwas anderes bieten kann als der Mensch - und als Maschine mit Motor und Schrauben kenntlich bleibt: Technik und Sexualität betrachtet sie "nicht als grundsätzlich antagonistische Größen, sondern als etwas, das den Radius sexueller Aktivität erweitert."

Ähnlich und fremd zugleich

Roboter verdrängten den menschlichen Sexpartner deshalb nicht einfach von der Bettkante. Durch technischen Fortschritt entwickelten sich vielmehr "neue Schnittstellen, Datenkreisläufe und Übertragungswege des Begehrens". Mensch und Maschine sind zwar immer noch zwei verschiedene Dinge. Allerdings gebe es inzwischen mehr Berührungspunkte, "Techniken, die den Körper auf eine neue Weise mit anderen Körpern oder Dingen verbinden".

Wennerscheid bezieht sich dazu auf Beispiele aus Sci-Fi, darunter Alex Garlands Film "Ex machina". In dem Film soll der Programmierer Caleb in einem Laborexperiment einen humanoiden Roboter testen. Die Aufgabenstellung: Wie menschlich ist Ava für ihn? Von vorne sieht der Roboter attraktiv aus: Das Gesicht ist symmetrisch und faltenlos. Um Brüste und Hüfte verlaufen Rundungen, Standard-konform. Am Hinterkopf aber wächst kein Haarschopf. Im Hirn Avas arbeitet eine Maschinerie mit Kalkül: Metallplatten, Rohre, die hinab in den Rumpf führen.

Preisabfragezeitpunkt:
22.03.2019, 13:40 Uhr
Ohne Gewähr

ANZEIGE

Sophie Wennerscheid
Sex machina: Zur Zukunft des Begehrens

Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Seiten:
240
Preis:
EUR 24,00

Caleb weiß, dass Ava ein Roboter ist. Der Körper ist transparent, Ava trägt noch nicht mal eine Perücke. Trotzdem verliebt er sich im Verlauf des Films in sie, fühlt sich von ihrem Maschinenkörper angezogen. Der Android ist ähnlich und fremd zugleich. Genau das aber macht ihn laut Wennerscheid reizvoll. Weil Roboter wie jedes High-Tech-Gerät nicht vollends kontrollierbar sind, würden sie als erotische Gefährten attraktiv. An die Stelle des naturhaft-unberechenbaren Vamps trete nun eine "außer Kontrolle geratene Technik".

Alicia Vikander als Ava in "Ex machina"
imago/ Prod.DB

Alicia Vikander als Ava in "Ex machina"

Wie menschlich sollte ein Sexroboter sein?

Wennerscheid fordert mehr Offenheit für Sex mit Maschinen. Mit neuen Techniken ließen sich festgefahrene Vorstellungen darüber, was ein "natürlicher" Körper ist und was "natürliche" Sexualität, lösen und erweitern. Robotik können dem Menschen neue Erfahrungswelten erschließen. Unklar bleibt allerdings bei ihrer Analyse, was diese Erfahrungswelten ausmacht - und wie sie sich erschließen lassen.

Die Autorin lässt zum Beispiel offen, ob die Ähnlichkeit mit Menschen bei Sexrobotern überhaupt eine Rolle spielt. Oder, ob Menschen das "Ding" nicht ausschließlich deshalb interessant finden, "weil es sich um ein Ding handelt, mit dem sie machen können, was sie wollen".

Erotik entsteht laut Wennerscheid durch das Überschreiten von Grenzen - und damit durch das Berühren von Mensch und Maschine. Wird ein Tabu gebrochen, ist es aber auch keines mehr. Sobald eine Fantasie Realität geworden ist, ist die Spannung dahin: "Das Glück ist so vorhersehbar, dass es kein Glück mehr ist." Macht es dann aber überhaupt Sinn, Fantasien mit technischen Mitteln zu erfüllen?

Wennerscheid bezieht sich in ihrer Analyse auf E.T.A. Hoffmanns "Sandmann", als Beispiel für ein zumindest zeitweise funktionierendes, "eigenartiges Begehren" zwischen Mensch und Maschine. In der Erzählung himmelt die Hauptfigur einen Automaten mit technischer Beschränktheit an: Olimpia ist hübsch, kann aber nicht mehr sagen als "Ach, ach!" Sie gibt alles und nichts. Lässt Freiraum für Fantasie, ohne sie jemals aktiv zu erfüllen. Die Grenze bleibt also zu einem bestimmten Grad bestehen. Die Geschichte nimmt kein Happy End, die Hauptfigur dreht durch, als die Illusion auffliegt. Kein Techniker, sondern die Fantasie schuf in der Maschine den perfekten Sexpartner.



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Nummer42 05.03.2019
1. Fantasie zwischen zwei (oder mehr) Menschen
... ist und wird hoffentlich immer noch dass Interessante bleiben ... eine quasi grenzenlose Verfügbarkeit eines virtuellen und selbst herbeifantasierten Partners klingt mir vor allem unglaublich ... öde ...
dasfred 05.03.2019
2. Das mag ja den Reiz des Neuen haben
Wie alles, was erstmal fasziniert, kann eine Lovedoll natürlich Begehren wecken. Die sexuelle Fantasie, übertragen auf eine lebensnahe Puppe, wird eine gewisse Zeit einen besonderen Kick geben. Da diese Automaten aber keine eigenen Bedürfnisse haben, bringen sie von sich aus keine neuen Impulse. Nach einer gewissen Zeit ist der Reiz des neuen weg und es liegt nur noch ein weiters Stück Sondermüll in der Wohnung rum. Nur jemand, mit starker Neigung zum Fetischismus wird noch lange Freude an seiner Gespielin haben.
dt55929784 05.03.2019
3. ex machina
Der entscheidende (oder jedenfalls einer der entscheidenden) Punkt des Films ex machina ist nicht genannt worden, obwohl er sich den ganzen Film über vorbereitet und in den letzten 20 Minuten richtig zum Vorschein kommt: Was passiert, wenn die Maschine sich nicht mehr dem Menschen anpasst, also nicht mehr menschlich sein will, sondern nunmehr den Menschen als eine Maschine betrachtet und so auch mit ihm umgeht, von ihm also gewissermaßen erwartet, dass er Maschine wird. Wie das endet, dürfte klar sein. Seht euch den Film an. Er ist großartig.
odapiel 05.03.2019
4. Fehlschluß
Real Dolls werden nicht für eine Grenzerfahrung gekauft, oder weil sie sich taboo anfühlen. Die Käufer sind schlichtweg einsam, Single, seit sehr langem ohne Sexualpartner und gehen nicht zu Prostituierten. Die Dolls ersetzen auch nicht nur den Sexualpartner, sie sind auch Familie und Ersatzpartner für diese einsamen Menschen, von denen es übrigens Jahr für Jahr mehr gibt. Sie werden zwischenzeitlich auch nicht mehr nur von Männern, sondern auch von Frauen gekauft. Wie so oft, greift sich der Spiegel eine fragwürdige Quelle bei der Betrachtung eines Themas.
House_of_Sobryansky 05.03.2019
5. Blickwinkel
Es ist kein Geheimnis, dass Masturbationssettings außerordentlich wenig variieren. Sie müssen dieses Phänomen vom Selbstbezogenen aus betrachten, nicht vom Kommunikativen her. Es besteht nicht das geringste Interesse an einer Auseinandersetzung. Das halluzinierte Setting erfährt eine Konkretisierung, eine Fetischierung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.