Buch "Sexismus" von Zana Ramadani Häschen, wehrt euch!

Was ist Sexismus? Die Feministin Zana Ramadani gibt Frauen eine Mitschuld - und beschreibt eine merkwürdige Begegnung mit Joachim Gauck. Ein provokantes Spiel.

Zana Ramadani
Joerg Schulz/ Chuck Knox Photography

Zana Ramadani


Noch vor Erscheinen von Zana Ramadanis neuem Titel brodelte die Gerüchteküche. "Sexismusvorwürfe gegen Joachim Gauck", schrieb der "Berliner Kurier" am Vorabend. Der frühere Bundespräsident - ein Grapscher? "Schlicht absurd", ließ Gauck von seinem Anwalt Christian Schertz verlautbaren. Bei der Pressekonferenz einen Tag später ruderte Ramadani zurück: "Das war nicht als Beispiel für Sexismus gemeint." Die Reaktionen hätten sie "doch sehr verwundert".

Tatsächlich, verwundert? Gleich im ersten Kapitel ihres Buches - Überschrift: "#MeToo" - erzählt Ramadani von jenem Abend im Schloss Bellevue. Für ein Foto habe Gauck seinen Arm um ihre Hüfte gelegt. Ob sie sich heute ausziehe, zitiert sie ihn. So wie damals, in ihrer Zeit als Femen-Aktivistin?

Ramadani lacht, wenn sie von dem Abend erzählt. Als ginge es um eine Anekdote aus früheren Zeiten: "Er ist ein älterer Herr. Andere Generation. Da soll man nicht böse sein." Doch dieser "ältere Herr" ist nicht irgendwer - sondern das damalige deutsche Staatsoberhaupt. Und ihr Buch publiziert Ramadani mitten in einer Phase, in der, angeheizt durch öffentliche Debatten unter dem Hashtag #MeToo, auch scheinbare Randanekdoten innerhalb von Stunden eine breite Bühne finden. Die Kommentarflut war also kalkulierbar und bezeichnend für Ramadanis Argumentationsstrategie: ein provokatives Spiel mit Grauwerten.

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Schon 2017 sorgte die Feministin mit ihrem Titel "Die verschleierte Gefahr" für Diskussionen. In dem Buch kritisierte sie den Islam als Wiege des Patriarchats, in der Mädchen zu "willenlosen Lemmingen" und Jungen zu "verwöhnten Machos" herangezogen würden. Wenn das eine Frau schreibt, die selber in einer, wie sie sagt, "liberal-muslimischen Familie" aufwuchs und als 18-Jährige ins Frauenhaus floh - dann liefert das Zündstoff. Linke Gruppen warfen ihr Rassismus und eine Nähe zur AfD vor. Ramadani schmetterte die Vorwürfe als "Hexenjagd" ab.

Mit dem Titel "Sexismus" legt sie noch einmal nach. Diesmal attestiert sie nicht nur dem Islam, sondern auch der gesamten westlichen und christlich geprägten Kultur einen "Rest der patriarchalen Gesellschaft". Mehr noch: Mit der #MeToo-Debatte habe sich gezeigt, dass selbst Jahrzehnte der Frauenbewegung an der jüngeren Generation spurlos vorbeigegangen seien. Die Schuld sieht Ramadani in vielen Fällen bei den Frauen: "Schon bei Kleinigkeiten fallen junge Frauen heute in Schockstarre", sagt Ramadani. In ihrem Buch schreibt sie von "verängstigten Häschen", die sich selbst gegen unbeholfene Flirtversuche von Männern nicht mehr zu wehren wüssten.

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Zana Ramadani:
Sexismus

Über Männer, Macht und #Frauen

Europa Verlag; 208 Seiten; 18,90 Euro

"Sexismus" ist ein Buch gegen Sexismus - und irgendwie auch wieder nicht. Über mehr als 50 Seiten holt Ramadani altbekannte Geschichten um Hollywoodgrößen wie Woody Allen und Harvey Weinstein aus der Schublade. Danach kommt ein Abstecher in die "Berliner Bubble", in der es auch nicht anders zugehe.

Trotzdem distanziert sich Ramadani von #MeToo noch im ersten Kapitel. Unter dem Hashtag sei es zu einer "Inflation der Sexismusvorwürfe" gekommen, in der "jede Interaktion zwischen Menschen als Sexismus gebrandmarkt werden kann". Die Debatte unterscheide kaum noch zwischen Vergewaltigung und "einer unerwünschten Umarmung, Altherrenkomplimenten und unbeholfener Wortwahl". Als Leser möchte man hier unweigerlich zurückblättern: Hatte sie ein paar Seiten vorher nicht noch von den "Altherrensprüchen" des Rainer Brüderle geschrieben? Warum dann all diese Beispiele?

Ramadani spricht von "Sexismus-Hysterie". Das Wort "Sexismus" aber prangt in Großbuchstaben auf ihrem Buchcover. Unter dem Label "Sexismus" holt sie genau jene Geschichten auf ein gemeinsames Terrain mit Sexualgewalt, die sie als "verunglückte menschliche Kommunikation" bezeichnet. "Sexismus" ist noch dazu ein Begriff, der im Gegensatz zum Hashtag #MeToo eine klare Definition kennt: Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. In der Summe der Einzelschicksale, die Ramadani hier aufzählt, lassen sich die Grenzen aber oft nur noch schwer erkennen.

Zum Sexualobjekt gestempelt

Stattdessen liest sich der Rest des Buches in weiten Teilen eher wie ein Plädoyer für die Selbstbefreiung der Frau. Jede Frau müsse sich bewusst sein, welche Verhaltensweisen im Alltag das Patriarchat fördern. Frauen sollten auch mal "Nein" sagen. Doch auch hier zeigen sich Widersprüche. "Noch immer glauben Männer, Frauen zierten sich. Wenn sie Nein sagen, meinen sie Ja", heißt es an anderer Stelle. Mit einem puren "Nein" scheint das Problem also doch nicht gelöst. Auch nicht von Ramadani.

Dafür drückt sie Frauen immer wieder Stempel eines Sexualobjekts auf die Stirn, wie um zur Gegenwehr zu provozieren. "Spiegel vorhalten" nennt Ramadani diese Strategie. Ob das funktioniert, hängt letztlich davon ab, ob sich die betroffene Person selbst im Spiegel erkennt.

Schon als Femen-Aktivistin stürmte Ramadani oben ohne die Finalshow von "Germany's Next Topmodel". In der Berliner Promiwelt kenne man sie heute nur noch als "Tittenmädchen", schreibt sie. Bei Männern scheint von ihren Botschaften also wenig hängen zu bleiben. Von Frauen hätte sie aber nur positive Rückmeldungen bekommen, sagt sie: "Mit meinen Aktionen habe ich Frauen Mut gemacht. Allein dafür hat es sich schon gelohnt, die Nippel abzufrieren."

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