Sadomaso-Bestseller "Shades of Grey" Das Leben kann so stöhn sein

Fesselnde Story? Oder reine Quälerei? Der Sadomaso-Softporno "Shades of Grey" erzählt von einer Frau, die sich lustvoll einem Mann unterwirft. Jetzt erscheint der heiß diskutierte Bestseller auch in Deutschland. Sie wollen mitreden, ohne das Ding zu lesen? Hier die wichtigsten Fakten.

Corbis

Manche Dinge lösen Fremdschämen aus. Ein Beispiel: Eine "Twilight"-Liebhaberin in den Vierzigern denkt sich für ein Fan-Fiction-Portal eine Liebesgeschichte für die beiden jugendlichen Helden der Vampir-Saga aus. Der Titel: "Master of the Universe". Ihr Pseudonym als Autorin: "Snowqueen's Icedragon".

Ja, das war Erika Leonard. Mittlerweile ist der Eisdrache 49 Jahre alt und hat unter dem weniger aufregenden Pseudonym E.L. James mit "Shades of Grey" einen buchstäblichen Volltreffer gelandet: Ihre Buchtrilogie ist eine Art Arztroman ohne Doktor, aber dafür mit Doktorspielchen, und zwar harten. Die Sadomaso-Schmonzette scheint beim Publikum einen Nerv zu treffen: Allein in den USA und Kanada wurden 15 Millionen Exemplare verkauft!

Wir haben es also mit einem Mega-Bestseller zu tun, der jetzt auch auf Deutsch kommt (höhö). Aber wie ist die schottische Eisdrachen-Lady mit derzeitigem Wohnsitz in London überhaupt auf die Idee gekommen? Der S/M-Erguss sei ihrer Midlife-Crisis zu verdanken gewesen, sagte die Autorin dem US-Sender ABC. Und dass sie diverse Spielchen mit ihrem Gatten ausprobiert habe, um zu wissen, worüber sie schreibe. Der habe dann gestöhnt.

Das haben wir auch. Und obwohl die Lektüre mit Leiden verbunden war, haben wir hier zusammengestellt, was Sie über "Shades of Grey" wissen müssen.

Darum geht's: Klassisches Setting: Boy meets Girl. Beide tragen Namen, die sich kein Sat.1-Nachwuchs-Drehbuchautor lächerlicher hätte ausdenken können. Anastasia Steel, 21-jährige Studentin, und der sechs Jahre ältere Multimillionär und Businessman Christian Grey verfallen einander. Und ja, es ist kompliziert.

Kompliziert? Details her! Sie ist ein naives Ding mit "wunderschöner Alabasterhaut" und - Achtung! - noch Jungfrau. Er ist der Ritter auf dem weißen Pferd und auch "wunderschön" aber, oje, mit traumatischer Kindheit. Die logische Folge: Er macht das Alabaster-Bravchen zur Bondage-Sadomaso-Schlampe - mit Gerte, Karabinern, Knebeln. Das Setting bleibt aber klassisch. Die Dame: Sklavin. Der Herr: Herr. Ein Vertrag regelt sogar, was sie essen darf und wann. Sein Credo: "Ich schlafe nicht mit jemandem. Ich ficke ... hart."

Die Höhepunkte: Sieben, acht, elf Stück, einmal im Schlaf, dann noch mal und, ach, irgendwann hört man auf zu zählen. Im Bootshaus, auf dem Schreibtisch, von der Decke hängend, in der Badewanne. Nur auf dem Klavier nicht.

Die typische Szene: "Ich schließe die Augen, blende den Raum aus, blende ihn aus ... und die Gerte. Erneut bearbeitet er mit kurzen, beißenden Hieben meinen Bauch, dann zielt er auf meine Klitoris, einmal, zweimal, dreimal, wieder und wieder. Ich kann mich keine Sekunde länger beherrschen und komme, stöhnend und laut schreiend, ehe meine Knie nachgeben und ich in meinen Fesseln zusammensacke."

Okay, also einfach ein Porno? Naja. "Mommy Porn" tauften das die US-Kritiker, also ein Groschenheft mit hohem Geschlechtsverkehrsquotienten. In den USA haben es manche Bibliotheken trotzdem aus dem Regal genommen. Noch mal nachlesen, was die Bundesprüfstelle sagt?

Apropos USA - was ist mit der berühmten Prüderie? Im Original ist fast nur von sex die Rede, also Geschlecht, von "da unten" oder "jener Stelle, an der sich meine Beine begegnen". Zur verbalen Verklemmtheit passt das "Spielzimmer" mit einer mit rotem Leder bezogenen Matratze samt roten Satinkissen, das eher an einen Billigpuff in Bottrop als an einen Luxus-Loft in Seattle denken lässt (das es sein soll). In der deutschen Fassung steht anstelle von sex übrigens immerhin mal Klitoris, Vulva oder Vagina.

Die häufigsten Verben: Stöhn! Hauch! Keuch! Seufz! Flüster! Und, klar, es wird gef***t. Das mangelnde Sprachtalent der Autorin fügt ihrer weiblichen Hauptfigur noch einmal besonderes Leid zu. Dauernd "erschüttern" Ana ihre Orgasmen, lassen sie "explodieren", sie wird von ihnen "verschlungen" oder "hinweggespült".

Und die sonstige Handlung? Auf gefühlt zehn der 608 Seiten explodiert niemand.

Moment mal, "Shades of Grey" - das erinnert mich an… Billy Joel! Auf dem Album "River of Dreams" aus dem Jahr 1993 singt er: "Shades of grey wherever I go/ The more I find out the less that I know". Wobei: "Je mehr ich rausfinde, desto weniger will ich wissen" trifft's hier eher.

Nach heißer Ware klingt das aber nicht. Moooooment! Bei Amazon in den USA belegen die Bücher derzeit die Plätze eins bis vier: die drei Teile der Trilogie einzeln und die Buchbox mit allen dreien. Das Werk war übrigens ein besonders großer Erfolg als E-Book - denn das ist diskret, da sieht ja keiner, was man liest. Und auch in Deutschland steht der erste Teil beim Online-Riesen auf Platz eins und startete in den Deutschen Taschenbuch-Charts von null auf drei - und das noch vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin am 9. Juli. Die Startauflage der deutschen Ausgabe: 500.000 Exemplare. Zahlen können so sexy sein. Für Verleger.

Ich will keine Pornos lesen, sondern gucken! Ruhig Blut, die Filmrechte sind längst verkauft. Bret Easton Ellis will angeblich das Drehbuch schreiben. Wie wär's mit Lindsay Lohan als Ana? Hat doch sonst nichts zu tun. Und Tom Cruise als Christian. Er muss schließlich nach seinem aktuellen Doppelflop (Flop 1, Flop 2) wieder ins Geschäft kommen - und mit Soft-Sadomaso kennt er sich seit "Eyes Wide Shut" ja aus.

Und was sagt der Präsident dazu? "Noch nie gehört. Ich muss mal Michelle fragen", sagte Barack Obama in der US-Talkshow "The View", als er nach "Shades Of Grey" gefragt wurde. Und nun stellen wir uns mal vor, Cherno Jobatey fragt im "Morgenmagazin" des ZDF Angela Merkel danach, was sie von "Feuchtgebiete" hält - und die Kanzlerin antwortet: "Nie gehört. Ich muss mal Joachim fragen." Unvorstellbar? Tja.

Das schockiert: Wenn man die Verkaufszahlen als Indiz nimmt: Die Erkenntnis, dass Millionen von Frauen offenbar die Phantasie gefällt, von einem Mann unterworfen zu werden, komplett umsorgt zu sein und alle Entscheidungen abgenommen zu bekommen. Vom Auto, das sie fahren dürfen, über die Kleidung, die sie tragen dürfen, bis hin zur Frage, wann sie auf die Toilette gehen darf. Haben wir nicht gerade über Frauenquoten diskutiert? Okay, der Erfolg des Buchs hat komplexere Ursachen, nicht alle Leserinnen sind insgeheim devote Hausweibchen. Aber allein das vermittelte, absolut vorgestrige Rollenbild erschüttert (ohne Explosion!). Da passt dann auch die "Herdprämie" ins Bild.

Gibt's auch irgendwas zu lachen? Ja! Aber nicht im Buch. Lustig sind zum Beispiel die Parodie mit Selena Gomez, das Versaute-Zeilen-Karaoke bei US-Talkmaster Jimmy Fallon oder das Fake-Vorsprechen von Ellen DeGeneres für die Hörbuchfassung.

Was bleibt denn dann übrig? Erschöpfung vom Dauerkopfschütteln und -weiterblättern. Rein, raus, Micky Maus. Und schon wieder eine Explosion!

Und jetzt? Kommen im Herbst Band zwei und drei nach Deutschland. Aber, mal so nebenbei: Vielleicht bewirkt der flächendeckende Sadomaso-Voyeurismus ja doch etwas Gutes und S/M wird als normale sexuelle Spielart akzeptiert - jenseits aller RTL2-Häme. Die einen mögen's halt so, die anderen so.

Immer meckert Ihr nur! Gar nicht! Auch verrückt pornografisch - aber nicht nur - ist Nicholson Bakers sprachwitziges "Haus der Löcher". Nur mal zum Vergleich.

Das Buch: E.L. James: "Shades of Grey. Geheimes Verlangen", Goldmann 2012, 608 Seiten, 12,99 Euro (hier im SPIEGEL-Shop bestellen).

Mit Material von dapd

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insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
Gnossos 05.07.2012
1. Eigentlich keine Zeile wert
Aber die (Spiegel-) Autorin sollte die freiwillige sexuelle Unterwerfung einer Frau nicht mit der Frauenquote in einen Topf werfen. Das eine muss mit dem anderen nichts zu tun haben. Ist doch auch bekannt, dass auch einige erfolgreiche Männer scheinbar darauf stehen, zu einer Domina zu gehen.
spon-facebook-1185071776 05.07.2012
2. Shades of Grey
Da fällt mir ein gutes Buch ein das genauso heißt in dem aber außer vielleicht mal Blut keine Körperflüssigkeiten vorkommen. Jasper Fforde hat mit Grau ein wahrliches Meisterwerk abgeliefert. Erhalten kann man es in Deutschland beim Eichborn Verlag. In Englisch heißt es Shades of Grey einfach mal beim Buchhändler des Vertrauens nachfragen. Ach ja und wenn ich Porno will, schau ich mir einen an genug einschlägige Webseiten gibt es ja.
anne63 05.07.2012
3. Ganz großartiger Artikel...
... die Frau hat Wortwitz!
schlaumischlumpf 05.07.2012
4. Aber ein Link zum Shop....
Zitat von sysopCorbisFesselnde Story? Oder reine Quälerei? Der Sadomaso-Softporno "Shades of Grey" erzählt von einer Frau, die sich lustvoll einem Mann unterwirft. Jetzt erscheint der heiß diskutierte Bestseller auch in Deutschland. Sie wollen mitreden, ohne das Ding zu lesen? Hier die wichtigsten Fakten. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,842489,00.html
Ein sehr köstlicher, unterhaltsam geschriebener Veriss über "mommy porn". Am meisten musste ich aber Ende lachen: Der Link auf den Spiegel Buch Shop. Dort auch schon auf Platz 4 der Bestseller.... Da haben wir uns alle klasse amüsiert und dann doch mal schnell bestellt. Und wenn es keiner sieht gehen wir auch zu McD....
hoppeldipoppel 05.07.2012
5. Erotik-eBooks - Es gibt bessere Indie-Autoren
Leider gilt bei eBooks auch nur, was bei gedruckten Werken zählt: Wer Geld für Marketing hat, schafft es an die Spitze. Dabei gibt es so viele gute Independent-Autoren unter den eBook-Schreibern, die bessere Erotik schreiben, z. B. Théo mit "Nur in meinem Kopf" - das ist SM pur, allerdings alleine... http://www.amazon.de/Nur-in-meinem-Kopf-ebook/dp/B006IGSPHU/ref=sr_1_1?s=digital-text&ie=UTF8&qid=1341484496&sr=1-1
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