Shakespeare-Forschung Echt oder nicht echt, das ist hier die Frage

Jahrhundertelang wurde ein Theaterstück, dessen Autor behauptete, es basiere auf einem Werk von William Shakespeare, für eine Fälschung gehalten. Ein englischer Professor sagt nun: Es steckt tatsächlich Shakespeare drin, es gehöre in den Kanon des großen Dramatikers.

William Shakespeare in einem kürzlich entdeckten Porträt: "Autor? Autor?"
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William Shakespeare in einem kürzlich entdeckten Porträt: "Autor? Autor?"


London - Die Entstehungsgeschichte von Helene Hegemanns Roman "Axolotl Roadkill" nimmt sich vergleichsweise simpel aus neben dieser Geschichte, die im Jahre 1727 beginnt. An einem Winterabend jenes Jahres wurde in einem Theater in der Londoner Drury Lane ein Stück namens "Double Falsehood" aufgeführt. Es drehte sich um verwickelte Liebesbeziehungen, als Männer verkleidete Frauen, Intrigen, Humor, Tragik - all die klassischen Bestandteile eines Theaterstücks von William Shakespeare.

Und eben das sei es ja auch, sagte Lewis Theobald, der Autor: ein Stück von Shakespeare - oder doch zumindest ein Stück auf der Basis eines Shakespeare-Stückes. Er sei im Besitz von drei Manuskripten eines verschollenen geglaubten Dramas des großen Autoren, behauptete Theobald damals, es handele sich um eine Adaption der Erlebnisse des Cardenio in Cervantes' "Don Quijote".

Theobalds Zeitgenossen waren skeptisch und bald wurde ihm vorgeworfen, "Double Falsehood" sei eine Fälschung, niemals aber ein echter Shakespeare. Die Manuskripte wurden wohl dem Covent Garden Museum übergeben, das aber 1808 niederbrannte. Theobalds Stück verschwand von der Bildfläche - mit wenigen Ausnahmen wie einer Aufführung im Jahre 1846, bei der das Publikum "Autor? Autor?" rief. Als eine Shakespeare-Büste auf die Bühne getragen wurde, brachen die Zuschauer in Gelächter aus.

Schon im Shakespeare-Kanon

Zu früh gelacht? Professor Brean Hammond von der Universität in Nottingham glaubt: Ja. Nach zehn Jahren literarischer Detektivarbeit ist er überzeugt, dass "Double Falsehood" tatsächlich auf Shakespeare beruht. "Ich glaube, man kann Shakespeares Handschrift im ersten und zweiten Akt, sowie in den ersten beiden Szenen des dritten Aktes erkennen", sagte Hammond der BBC.

Dass nicht das ganze Stück nach Shakespeare klingt, ist für Brean Hammond gerade ein entscheidendes Argument dafür, dass es keine Fälschung ist. Historiker wüssten heute nahezu sicher, dass Shakespeare manche seiner Stücke zusammen mit dem Dramatiker John Fletcher geschrieben habe, darunter "Heinrich VII." - und eben auch das "Cardenio"-Werk, das 1613 mindestens zweimal aufgeführt wurde, dessen Manuskript aber verloren ist. So finde sich also in "Double Falsehood" Shakespeares Stil, Fletchers Stil - und auch der von Lewis Theobald, der das Stück wiederum überarbeitet habe, um es dem Publikumsgeschmack des 18. Jahrhunderts anzupassen.

Hammonds Argumente waren jedenfalls stichhaltig genug für die Herausgeber der Arden-Shakespeare-Ausgabe, der wohl wichtigsten Werkedition des Dramatikers, um "Double Falsehood" in ihre nächste Ausgabe aufzunehmen. Auch die Royal Shakespeare Company nimmt das Stück in seinen Kanon auf und wird es der Londoner "Times" zufolge aufführen, wenn ihr Theater in Stratford-upon-Avon in diesem Jahr nach langer Umbauzeit wiedereröffnet wird.

feb



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Ursprung 16.03.2010
1. Shakespearesche Authentik
Es bleibt wurscht, ob ein Autor ein Shakespearestueck veraendert, teils kopiert, ergaenzt, dem vermeintlichen Zeitgeist angepasst hat. Wenn Inhalt und Form, Effekt intensiv dem vermutbaren Original gleicht, ist es halt Shakespeare. Der Autor Shakespeare hat eine so einsame Stellung am Firmament, dass die Gestirne, die ihn umkreisen, halt seinem Sternbild mit Recht als zugeordnet betrachtet werden koennen. Was liegt naeher, ein solches Ausnahmetalent in irgend einem Jaehrhundert dem aktuellen Sprachgebrauch so anzupassen, dass der Geist des Meisters zum Auditorium herunterspringt und die Zuschauer packt? Wenn das geschieht, was aber beileibe nicht immer passiert, hat das Ensemble einen Topjob gemacht. Wenn es nicht passiert, lag`s nicht am Manuskript, sondern an der Inszenierung. Und das merkt man als Zuschauer jedesmal ganz klar. Die Truppe, die das jahrelang am besten konnte in D, eine Bremer Gruppe namens TAB, Chapeau!, hat sich aufgeloest, bzw noch nicht wieder wuerdige Nachfolger gefunden. Ihre Mitglieder absolvieren und absolvierten an Shakespearsche Tragikkomoedien erinnernde Lebenslaeufe. Authentische und deshalb glaubhafte Interpreten also.
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