Comic ohne Blättern Es rollt und rollt und rollt

Der Berliner Verlag Round not Square bietet einen Rollcomic auf über 15 Metern Papier an. Was bedeutet das fürs Erzählen? Was fürs Lesen? Und wenn man mal was essen will? Ein Selbstversuch.

Paul Rietzl/ Round not Square

Von Timur Vermes


Zum Autor
    Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden.
  • Für SPIEGEL ONLINE schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Ein Comic, den man mit den Füßen zuklappt. Das ist tatsächlich mal was ganz Neues. Vielleicht gibt es auch andere Methoden, Sie können es gerne selbst versuchen. Ich sag Ihnen kurz mal, worum's geht: um einen Rollcomic.

Wat is eine Rollcomic? Sowas wie ein Rollmops? Ja, kommt gut hin: Dieser Rollcomic stammt vom Berliner Verlag Round not Square, ein Wortspiel, weil man das englische "square" nicht nur mit "eckig" übersetzen kann, sondern auch mit "langweilig", und langweilig sind die Produkte nun wirklich nicht.

Die Verleger Antonia Stolz, 33, und Ioan Brumer, 29, haben im Prinzip die alte Schriftrolle wieder ausgebuddelt und zum Rollbuch modernisiert - ein Buch auf einer einzigen, sehr, sehr langen Papierrolle. Und weil sie schon dabei waren, haben sie auch gleich den Rollcomic entwickelt, vielleicht sogar erfunden, weil: mir ist bisher noch kein anderer untergekommen, abgesehen vielleicht vom Teppich von Bayeux.

Die Zäsur des Umblätterns fehlt

Der Umgang mit dem Rollcomic ist leichter als man vielleicht glaubt. Der Comic besteht aus einer Rolle Papier, die in einem steifen Kartoncover endet und liegt. Zum Lesen öffnet man dieses Cover und dreht es auf links. Die so entstandene hohle Coverrolle nimmt man in die linke Hand, auf sie wird man nun nach und nach die 15 Meter Handlung aufspulen, die man jetzt noch als kompakte Papierrolle in der rechten Hand hält.

Unsere Geschichte heißt "Shipwreck" und ist vom Augsburger Paul Rietzl. Science-Fiction, im Weltraum, was auch angesichts des Mediums nicht schlecht gewählt ist.

Denn so eine Rolle kann man nicht nur kontinuierlich ansehen, man kann sie auch so weit auseinanderziehen wie man will. 30 Zentimeter, 100, doppelt armbreit. Man hat also als Zeichner nach rechts unglaublich viel Platz, und viel Platz ist etwas, was man sehr gut brauchen kann, wenn man den Weltraum zeichnen will. Sofort zeigt sich auch noch etwas Eigentümliches: Es fehlt die Zäsur, die ganz automatisch immer dann entsteht, wenn man in einem normalen Comic eine Seite umblättert.

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Rollcomic: Bückling vor dem Buch

Beim Umblättern weiß man ja nicht, was als Nächstes kommt. Die rechte Seite kann man vielleicht so aus dem Augenwinkel ahnen, aber die linke Seite? Keine Chance. Noch während die Seite senkrecht steht, hat man nicht den Hauch einer Ahnung. Diesen Moment der Zwangsüberraschung hat der Rollcomic nicht. Dafür bietet er die Möglichkeit zu langen, langen Kamerafahrten. Reitzl nutzt das, um uns in die Geschichte einzuführen, diese Zukunft mit ihren epischen Weltraumschlachten, dazu gibt es viele Voice-over in Textkästen.

Was auch kein Zufall ist: Denn während das Format bei Kamerafahrten glänzt, kann man schnelle Gesprächspassagen auch hier nur als normale Bilderabfolge zeigen. Das ist dann wie ein Ferrari in der Tempo-30-Zone, außer man zeigt Ali Baba und die vierzig Räuber beim Durchzählen.

Probleme für Pedanten und Käsebrotesser

Schwierig ist aber auch, was dabei zu essen. Zum Beispiel ein Käsebrot. Einen Teller mit Schnittchen schmieren und dann dazu ein Comicheft lesen - gar kein Problem. Mit einem Rollcomic ist das schon anders, weil man ja beide Hände voll hat. Man soll natürlich nicht beim Lesen essen, klar, aber es ist ohne Hände auch nicht ganz leicht, sich an der Nase zu kratzen. Hilfreich wäre daher, wenn die Geschichte so fesselnd wäre, dass man die Nase darüber vergisst - aber das ist schon im Normalformat enorm schwer.

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Paul Rietzl:
Shipwreck

Round not Square, 15 Meter; 28 Euro

Reitzl kann man dabei keinen Vorwurf machen. Er löst die meisten Herausforderungen, die ihm die Rolle stellt, geschickt und guckt sich viel vom Film ab. Weil es ohne Blättern schwer ist, im fortlaufenden Bild die Szene zu wechseln, nutzt Reitzl Vorder- und Hintergrund, zoomt heran, schwenkt von dort woanders hin. Sein Weltraum ist auch nicht nachtschwarz, sondern endlos weiß, weil man dadurch elegant Innen- und Außenszenen mischen kann, ohne dafür den Hintergrund ändern zu müssen.

Gelegentlich lässt Reitzl auch Rolle Rolle sein und klinkt ganz konventionell Bilder ein, um den Rhythmus zu ändern, und überhaupt schlägt er sich doppelt anerkennenswert, weil er kaum auf Vorbilder zurückgreifen kann und sich das meiste selbst erarbeiten muss. Trotzdem kann man nur schwer bestreiten, dass seine Geschichte vor allem auch deshalb gut unterhält, weil man dabei den ungewöhnlichen Extraspaß mit den Papierrollen hat. Solange man nicht zu pedantisch ist, jedenfalls.

Es ist nämlich kaum möglich, beim Lesen die linke, gelesene Rolle so sauber aufzuwickeln wie die rechte, ungelesene. Und zum Schluss, wenn man das ganze Buch zurückspulen muss wie früher eine Musikcassette, geht das zwar sauberer, aber nicht mehr so kompakt, dass das Cover sofort wieder drumherum passt. Man muss dann die Rollenlöcher zwischen die Finger nehmen und straff ziehen. Die eigens mitgelieferte Anleitung sagt zwar, das ginge mit einem Finger, aber dann wird's schief. Weshalb ich mich ganz zum Schluss gebückt, die Rolle zwischen die Finger genommen und dabei mit den Zehen das Cover festgehalten habe. Während derart interaktiven Bücklingen merkt man dann am eigenen Leib, wie man den Begriff "Liebe zum Buch" mit ganz neuem Leben füllt.

Klar ist, dass so ein Format nicht mit dem Standardbuch konkurriert. Bis zu 30 Meter Papier, am Stück auf dem Tintenstrahldrucker gedruckt, das ist nichts fürs Alltagslesen. Es ist aber auch kein Nischenprodukt für Sonderlinge. Auf Designmessen kommt das Rollbuch sehr gut an, wie man hört, und auch ein Kinderbuch ist im Programm, das sich bereits 700 mal verkauft hat - weil Kinder es prima finden, wenn man die Bildgröße selbst bestimmen kann. Ehrlich gesagt: nicht nur Kinder.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
clit 31.03.2017
1. l
Alles in allem ein treffender Artikel! Dieses 'neu erfundene' Schriftrollenformat hat definitiv was und könnte dazu beitragen, dass mehr Comic-Künstler ihre Arbeit veröffentlichen können: Immerhin sollten die Druckkosten für eine Comicrolle deutlich geringer sein... Ach ja, der Künstler von "Shipwreck" heißt Paul Rietzl - und nicht Reitzl ;)
humorrid 31.03.2017
2. Großartig!
Muss man bei jeder Innovation sofort analysieren und zerreden? Nein, lasst doch dem Lesen das Erlebnis. Finde eine großartige Idee, knüpft wunderbar an die traditionellen chinesischen und japanischen Schriftrollen - eine Art Urmangas, passt also auch thematisch. Käseblatt muss nicht ein Kriterium beim Lesen sein. Super, weiter so! Mehr Ideen!
mue.de 31.03.2017
3. Webcomics
Im Webcomicbereich gab es schon ein paar Experimente mit ähnlichen Formaten... dabei hauptsächlich (nahezu) endloses verticales Scrollen, aber ich meine auch, mindestens ein horizontal scrollendes Webcomic gesehen zu haben. Leider hat sich meine Linksammlung vor einiger Zeit zerlegt, ich muss den Kram erstmal wiederfinden.... Auf jeden Fall Respekt vor dem Verlag und dem Künstler, sich an so eine Umsetzung zu wagen.
Rollbuch 31.03.2017
4.
"Auf Designmessen kommt das Rollbuch sehr gut an, wie man hört" – Was wir bestätigen können! Nur um diesen Artikel in unserem Eigeninteresse zu ergänzen: Wir betreiben "Das Rollbuch", ebenfalls in Berlin, und arbeiten seit 2010 prinzipiell mit sehr, sehr langen aufgerollten Papierbändern. Das Rollbuch ist ein Kasten in ungefährem Buchformat, in dem diese bedruckten Bänder hin- und hergespult werden können. Die Kinetik und das "ungebrochene" Format verleihen dem Produkt ein Leseerlebnis das man von klassischen Büchern und Schriftrollen so nicht kennt. Die Bänder (und damit die Inhalte) kann man austauschen, es gibt immer wieder neue Editionen aus der Hand von Künstlern und Illustratoren, und auch Blankorollen zum selbst gestalten. Dieses Jahr erscheint unter anderem ein Kinderbuch (der zweite Teil von Ludwig van Leerdam, ein 23 Meter langes Buch über eine Maus auf Schatzsuche), eine Kunstedition mit Giovanni Possenti, ein weiteres Comicrollbuch mit der Illustratorin Yana Franck und eine Typografische Edition. Schaut also gerne auch mal bei uns vorbei. Einfach "rollbuch" googeln.
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