Buchpreis-Shortlist 2012 Guido Knopp fehlt, wie schön

Wer sagt, auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis muss stets eine Antwort auf Guido Knopp in Romanform landen? Mit den sechs Kandidaten setzt die Jury dieses Jahr auf Überraschungen, verzichtet auf breitangelegte History-Fresken - und einen klaren Favoriten.

Buchpreis-Kandidat Ulf Erdmann Ziegler: Vom Kleinen aufs Große geschlossen
Suhrkamp Verlag/ Juergen Bauer

Buchpreis-Kandidat Ulf Erdmann Ziegler: Vom Kleinen aufs Große geschlossen

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Arno Geiger, Katharina Hacker, Julia Franck, Uwe Tellkamp, Eugen Ruge - wer den Deutschen Buchpreis bekommt, wird bekannt, verkauft Hundertausende von Exemplaren seines Romans und trägt so dazu bei, das Profil der Auszeichnung zu schärfen. Der Deutsche Buchpreis ist der Preis für konventionell gemachten Lesestoff für ein breites Publikum, der Preis für ein staatstragendes Thema, erzählt vor dem Hintergrund einer Familiengeschichte - und genau das ist mittlerweile sein Problem.

Es scheint, als habe dies auch die Jury erkannt. Wenn eine schnöde Liste überhaupt eine Erkenntnis vermitteln kann, dann vermittelt die Shortlist mit den sechs Buchpreis-Kandidaten des Jahres 2012 diese: Es gibt keinen Ruge.

Zwar stehen mit Ursula Krechels "Landgericht", Stephan Thomes "Fliehkräfte" und Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes" gleich drei Romane auf der Liste, in denen der Buchpreis-Juroren liebstes Thema verhandelt wird, die deutsche Nachkriegsgeschichte. Doch anders als in Ruges "In Zeiten des abnehmenden Lichts" wird der Stoff nicht zu einem breitangelegten History-Rührstück verspachtelt, als ginge es darum, endlich die Antwort der Literatur auf Guido Knopp zu finden.

Anders als Ruges Siegerroman aus dem Jahr 2011 wirken die Bücher von Krechel, Thome und Erdmann Ziegler nicht wie prototypische Buchpreis-Gewinner. Anders als Ruge geben sie der Jury die Möglichkeit, das Profil des Buchpreises nicht nur im Bereich des Erwartbaren zu schärfen, sondern vielleicht sogar Spannung zu erzeugen - es soll Leute geben, die glauben, dass es auch darum geht in der Literatur.

Offenes Rennen

Ulf Erdmann Zieglers "Nichts Weißes" ist ein sehr stimmungsvolles Buch, angesiedelt im Westdeutschland der sechziger bis achtziger Jahre. Ziegler schließt, anders als mancher Buchpreis-Gewinner zuvor, nicht von großen Ereignissen auf Einzelschicksale, sondern vom Kleinen aufs Große. Auch Stephan Thomes "Fliehkräfte" spielt in Westdeutschland, auch sein Ton ist leise, die Romankonstruktion allerdings konventioneller als die Zieglers. Dass mit dem unter Genieverdacht stehenden Clemens J. Setz ("Indigo") ein dritter Suhrkamp-Titel auf der Shortlist steht, zeigt, dass sich die Jury 2012 um Quoten offenbar weniger gekümmert hat als ihre Vorgänger.

Sogar ein vierter der auf der Longlist vetretenen fünf Suhrkamp-Autoren hätte die Platzierung auf der Shortlist verdient gehabt: Rainald Goetz mit dem furiosen, in allen Feuilletons diskutierten "Johann Holtrop", einem Roman über den Absturz eines Managers.

Mit Wolfgang Herrndorfs "Sand" steht ein Buch auf der Shortlist, das bereits im November 2011 erschienen ist und im Frühjahr zudem mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden war. Herrndorf ist der erste Schriftsteller seit Ilija Trojanow im Jahr 2006, der als Träger der Leipziger Konkurrenzauszeichnung im selben Jahr auch für den Deutschen Buchpreis nominiert wird.

Die größte Überraschung bietet Ernst Augustin mit der poetischen Fabel "Robinsons blaues Haus". Und dann ist da noch Ursula Krechel, die einzige Frau auf der Liste. Ihr Roman "Landgericht", eine Spurensuche in der Nachkriegszeit, ist bei Jung und Jung erschienen.

In der Geschichte des Deutschen Buchpreises spielt der Kleinverlag durchaus eine Rolle. Schon 2010 waren die Salzburger mit einem vermeintlichen Außenseiterbuch auf der Shortlist vertreten: "Tauben fliegen auf". Dessen Autorin, Melinda Nadj Abonji, siegte - und dem Buchhandel war das Weihnachtsgeschäft vergällt. Die Masse der Käufer greift offenbar lieber zum straighten Lesestoff Arno Geigers, Katharina Hackers, Julia Francks, Uwe Tellkamps oder Eugen Ruges als zu einer unbekannten Schweizerin jugoslawischer Herkunft: "Tauben fliegen auf" lief deutlich schlechter als "Der Turm" oder "Die Mittagsfrau".

Die Jury wird sich auch 2012 dem Balanceakt zwischen Popularität und literarischem Anspruch stellen müssen. Doch anders als im Vorjahr steht der Favorit diesmal nicht von vornherein fest. Denn: Es gibt nun mal keinen Ruge.

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