Buchpreis-Shortlist S wie Sensation, Ü wie Überraschung

Die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2013 steht fest. "F", der Hype des Sommers, ist nicht darauf zu finden. Dafür gibt es bereits jetzt einen klaren Favoriten - und zwei echte Überraschungen.

Milena Schlösser

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Ja, es gibt sie noch, die gute alte Sensation. Sogar in jener bescheidenen Nische, die wir Literaturbetrieb nennen: Daniel Kehlmann steht nicht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2013. Sein Roman "F" ist nicht nominiert. Dabei war der zuletzt fast omnipräsent. In großen Zeitungsanzeigen, in Porträts und Rezensionen aller wichtigen Feuilletons, auf der Bestsellerliste, auf den Stapeln der Buchhandlungen schien es darum zu gehen, die gern zitierte Szene aus der "Sesamstraße" in den Schatten zu stellen: "Hey, du, möchtest du ein 'F' kaufen?" So, wie Ernie damals im Kinderfernsehen von einer Puppe namens Schlemihl bedrängt wurde, schienen nun auch erwachsene Kritiker im Bann eines Buchstabens zu stehen.

Dass die Jury des Buchpreises dem Wirbel um Kehlmann nicht erlegen ist, spricht für ihre Unabhängigkeit - vielleicht aber auch dafür, dass Daniel Kehlmanns Salon-Illusionismus, mit dem er versucht, die Geschichte dreier Brüder zum philosophisch fundierten Meta-Roman aufzublasen, durchschaubar ist.

Auf der im August veröffentlichten Longlist für den Buchpreis schien Kehlmann noch einer der Favoriten zu sein. Der andere Schriftsteller, der auf Anhieb aus der Liste der 20 Longlist-Kandidaten herausstach, war Clemens Meyer mit dem Roman "Im Stein", einem wortmächtigen Panorama des Rotlichtgewerbes. Auf der sechs Titel umfassenden Shortlist, die am Mittwoch in Frankfurt am Main veröffentlicht wurde, ist "Im Stein" nun tatsächlich nominiert - und einer der gewichtigen Kandidaten: Wenn zu Beginn der Frankfurter Buchmesse Mitte Oktober der Träger der populärsten aller deutschsprachigen Literaturauszeichnungen bekanntgegeben wird, dürfte Meyer gute Chancen haben. Wenn es dort nicht abermals zu einer Sensation kommt.

Arno Schmidt lässt grüßen

So, wie die Shortlist des Jahres 2013 für eine kleine Sensation gut ist, bietet sie diesmal auch zwei echte Überraschungen. Zum einen Monika Zeiners bereits im Frühjahr erschienenes Buch "Die Ordnung der Sterne über Como", das sich für die vielen Deutschen zwischen 30 und 60, die auch im Erwachsenenalter das geradlinig geschriebene Buch für und über junge Leute bevorzugen, als Alternative zu Helene Hegemanns "Jage zwei Tiger" und den Werken Wolfgang Herrndorfs empfehlen könnte.

Die andere Überraschung ist Mirko Bonnés Roman "Nie mehr Nacht": Ein hybrides Buch über eine familiäre Katastrophe, eine Fahrt nach Frankreich, eine Auseinandersetzung mit Krieg und Verlust, die eine starke, poetische Reflexionsebene bietet, aber auch Szenen und Dialoge, deren Qualitäten bei genauerem Vergleich vielleicht sogar von der "Sesamstraße" in den Schatten gestellt werden.

Zu den sympathischen, ein wenig skurril wirkenden Traditionen des Buchpreises gehört, dass einem Vertreter der literarischen Avantgarde ein lauschiges Ehrenplätzchen auf der Shortlist eingeräumt bekommt, im eigentlichen Wettbewerb dann aber doch keine Rolle spielt. Tritt man Reinhard Jirgl zu nahe, wenn man behauptet, dass es am Ende nicht auf ihn als Buchpreisträger hinauslaufen wird? Sein futuristischer Roman "Nichts von euch auf Erden" spielt im 23. Jahrhundert und ist zu Teilen auf dem Mars angesiedelt.

Jirgls Thematik und die Sprache seiner Werke erinnern formal mitunter an Arno Schmidts literarisch kühnen, aber auch ziemlich kurzweiligen Avantgarde-Klassiker "Kaff auch Mare Crisium" aus dem Jahr 1960.

Ein typisches Stilmittel Schmidts, die zweigeteilte Buchseite, findet sich unerwarteter Weise in Terézia Moras ebenfalls auf der Shortlist stehendem Roman "Das Ungeheuer". Moras Buch ist die großangelegte Geschichte einer Lebenskrise.

Eine vage vergleichbare Thematik hat Marion Poschmann gewählt: Ihr Buch "Die Sonnenposition" spielt in einer psychiatrischen Klinik - Sitz der Anstalt ist ein Schloss. Das große Sch-Wort aus der Literaturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts!

Was ist mit P wie Prozess? Oder steht dieser Buchstabe bald nur noch für Poschmann? Bitte schlagen Sie unter K wie Kafka oder V wie Verwandlung nach - aber begeben Sie sich dabei keinesfalls auf "F".

Warum? Das erfahren Sie zu Beginn dieses Textes.

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nunu-na 12.09.2013
1. Positiv überrascht
Also Nicht-Literaturkritiker kommt man ja mit dem Lesen der Bücher kaum hinterher. Man muss ja noch auf anderem Wege seinen Lebensunterhalt verdienen. Dennoch war ich von der Shortlist positiv überrascht. "F" ist raus. Berechtigt. "Die Ordnung der Sterne über Como" ist meine aktuelle Lektüre. Noch bin ich am Anfang, doch (obwohl noch keine 30 und dennoch gerne mal ein Jugendbuch lesend) hier habe ich das Jugendbuch noch nicht gefunden. Und warum nicht Jirgl? Weil es futuristisch ist? In der deutschen Literatur gilt nur die Gegenwart als ansprechend - ach ja, und immer aufs Klischee bedacht, natürlich auch historisches. Aber bitte nur DDR oder Drittes Reich. Da finde ich Jirgls gewählte Thematik doch um einiges interessanter. Genauso Clemens Meyers "Im Stein", das auch noch auf meiner Leseliste steht.
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