Shortstory-Star Grace Paley: Schwestern, zur Freiheit, zur Wonne

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Grace Paley: Offensiv abenteuerlustig Fotos
Getty Images

Sex mit dem Ex, Spaß mit dem Tyrannen: In ihren Kurzgeschichten beschrieb Grace Paley den Krieg der Geschlechter auf radikal heitere Weise. Jetzt ist ein grandioser Kurzgeschichtenband der amerikanischen Polit-Aktivistin wiedererschienen.

Die jungen Frauen in den Kurzgeschichten von Grace Paley fackeln nicht lange, sie holen sich, was sie begehren. Oder zu begehren glauben. Oder glauben begehren zu müssen. Die Kassiererin des jiddischen Theaters den Direktor, der beim Einstellungsgespräch ja sowieso schon ihre körperlichen Vorzüge gepriesen hat. Die geschiedene Frau für die Liebe am Nachmittag den Ex, der noch gar nicht weiß, dass sie längst wieder in festen Händen ist. Eine 15-Jährige Vorortgöre einen etwas trotteligen Klimaanlageninstallateur, der sich später vor Gericht wegen Unzucht mit einer Minderjährigen verantworten muss.

Erstmals 1959 erschien Grace Paleys Kurzgeschichtensammlung "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens", und bei der ersten flüchtigen Begegnung mit diesen Geschichten könnte man glatt denken, die jungen, optimistischen, offensiv abenteuerlustigen Protagonistinnen seien Vorboten der sexuell befreiten sechziger Jahre. Mit welchem scheinbar unbekümmerten Witz da - häufig in der ersten Person Singular - von Eroberungen und Selbstermächtigungen erzählt wird. So schwerelos, so selbstverständlich, so virtuos frotzelnd.

Da übersieht man leicht das Drama, das sich hinter jeder dieser kurzen Geschichten auftut, das Drama von Machtmissbrauch, von manipuliertem Begehren, von der großen Leere nach der Liebe. Man schwebt als Leser geradezu durch die Texte, um dann oft am Ende durch einen lakonischen rhetorischen Kniff auf den Boden der Tatsachen zu knallen.

Verwüstungen des Geschlechterkampfes

Etwa in der erwähnten Geschichte von der Minderjährigen und dem Klimaanlageninstallateur: Der ältere Trottel entkommt am Ende der Verurteilung, indem er die Göre heiratet. Keine Win-win-Situation. Die Geschichte endet mit folgender Erkenntnis des Klimaanlageninstallateurs: "Ich bin überzeugt, dass sie in sechs, sieben Jahren eine wunderbare Frau ist. Ich wünsche ihr viel Glück: Bis dahin sind wir einander Fremde."

Das sitzt, das bringt das Verhältnis der Geschlechter auf den Punkt: Jede Ehe ist potentiell ein Verbrechen, jeder Beischlaf ein krimineller Akt.

Grace Paley, das übersieht man bei ihrem radikal heiteren, ja wonnigen Tonfall oft, ist eine der großen politischen Schriftstellerinnen der USA gewesen. Als Aktivistin kämpfte sie über Jahrzehnte für Frauenrechte und gegen Aufrüstung sowie für die Umverteilung des amerikanischen Wohlstands. Für die Anbringung eines Anti-Atom-Statements vor dem Weißen Haus wanderte sie 1978 sogar einmal kurz ins Gefängnis. Ihre wenigen Gedicht- und Geschichtenbändchen drohten da immer im Schatten ihrer spektakulär kämpferischen Persona unterzugehen.

Auch wenn die wichtigsten Vertreter der amerikanischen Intelligenzija immer wieder Hymnen auf sie sangen, von Susan Sontag bis Philip Roth. Gerade zu Letzterem gibt es eine schöpferische Nähe. Paley, 1922 als Tochter ukrainisch-jüdischer Einwanderer in der New Yorker Bronx geboren und 2007 in Vermont gestorben, ist quasi Roth' heiteres weibliches Gegenstück. Wo dieser mit grimmigem Witz über das Ringen der Männer mit Libido und Ego berichtet, da beschreibt Paley die Verwüstungen des Geschlechterkampfes mit wundersamer Fröhlichkeit von der anderen Seite.

Das kann man nun noch einmal in der deutschen Neuübersetzung von "Die kleinen Widrigkeiten des Lebens" wunderbar feststellen. Wie souverän, wie lustvoll Grace Paley hier ganz unterschiedliche weibliche Stimmen und Akzente in den Himmel über New York aufsteigen lässt, wie sie die Töchter französischer, irischer und natürlich immer wieder osteuropäischer Einwanderer aus dem Village, der Lower Eastside oder der Bronx ihre Lebensphilosophien ausbreiten lässt, das erzählt ganz unangestrengt von gleich zwei (nicht immer vom Glück begünstigten)Emanzipationsbewegungen. So spielt Paley an ihren Glückssucherinnen ohne eine Andeutung von Angestrengtheit Geschlechter-, Klassen- und Rassenfragen durch.

Schwestern, zur Freiheit, zur Sonne! Und wenn es dafür nicht reicht, habt halt ein bisschen Spaß mit dem tyrannischen Idioten aus der Nachbarbude.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Grandios?
Ylex 09.04.2013
Zitat: "...grandioser Kurzgeschichtenband..." Grace Paley kannte ich bisher nur flüchtig als politische Aktivistin, nicht als Schriftstellerin. Von zwei Hörproben aus ihren übersetzten Kurzgeschichten bin ich alles andere als begeistert, der Begriff "grandios" passt sicher nicht zum überschaubaren literarischen Niveau der Texte - kein Kauf.
2. kaufen!
twaddi 09.04.2013
Ich hatte das Glück , Grace Paleys Geschichten Ende der 80 er bei dem großen Prof. Friedl im Amerikanistik -Studium kennenzulernen. Großartige Geschichten!
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