Skandalbuch aus Frankreich Die Asylbehörde als Lügenfabrik

Der verstörendste Roman des Jahres: Shumona Sinha schildert in "Erschlagt die Armen!" auf drastische Art und Weise die Unaushaltbarkeit des europäischen Asylsystems. Für die Autorin hatte das Buch ernste Konsequenzen.

Wahl-Französin Shumona Sinha: "Diese vor Klagen triefenden, von Drohungen und Beschimpfungen überschäumenden Gesichter"
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Wahl-Französin Shumona Sinha: "Diese vor Klagen triefenden, von Drohungen und Beschimpfungen überschäumenden Gesichter"

Von Thomas Andre


Man muss damit anfangen, dass der Titel dieses außergewöhnlich radikalen, schmalen Romans den Titel eines Baudelaire-Gedichts zitiert: "Erschlagt die Armen!". Bei Baudelaire greift ein Mann einen Bettler an. In Shumona Sinhas zweitem Roman, der 2011 im französischen Original erschien und nun auf Deutsch vorliegt, ist es die namenlose Ich-Erzählerin, die in der Pariser Metro einem Asylbewerber eine Weinflasche überzieht.

Eine ungeheuerliche Tat, um die sich dieser wütende Text dreht und die er nicht komplett erklären kann. Dabei gibt es einiges zu erklären: Die Täterin, aus deren alleiniger Sicht "Erschlagt die Armen!" erzählt wird, ist selbst als Migrantin nach Frankreich gekommen. Und sie arbeitet als Dolmetscherin der Asylbehörde, wo die Fremden vorstellig werden, um ihr Recht zum Bleiben in jenem reichen Land zu erlangen.

In glänzend geschriebener, bildhafter Zorn-Prosa beschreibt Sinha, die 1973 in Kalkutta geboren wurde und seit 2001 in Paris lebt, das abgeschmackte Schauspiel auf dem Amt, in dem zugereiste Bittsteller auf müde Verwalter und Abwehrer treffen. Die Erzählerin, nach dem Übergriff selbst zum Objekt des staatlichen Interesses geworden, rekapituliert im Verhör bei der Polizei ihre Begegnungen mit "der endlosen Kolonne von Männern", den Asylbewerbern, denen sie täglich bei bürokratischen Akten assistieren muss. Vor denen sie nur noch fliehen will, weil sie nicht länger "in diese vor Klagen triefenden, von Drohungen und Beschimpfungen überschäumenden Gesichter schauen" kann.

Mit der Zwiebel in der Hosentasche: Tränen für Frankreich

Es ist, zumal in einer Zeit der hysterischen Flüchtlingsdebatte, in der die Globalisierung mit ihren Herausforderungen und Zumutungen ernst macht, provozierend und verstörend, wie offen Sinha die ewige Wiederkehr des Immergleichen ausstellt: Für die Parteien dies- und jenseits des Schreibtischs gibt es keine Gemeinsamkeit bis auf die des geteilten Augenblicks. Eine krasse existenzielle Kluft: Für die einen geht es um alles, für die anderen nur darum, die Statistik zu füttern.

"Lügenfabrik" nennt die Erzählerin ihren Arbeitsort, sie weiß: "Im Existenzkampf (ist) die Ehrlichkeit ein Luxus", und deshalb ist die Asylbehörde ein Hort der Märchen, der abstrusen Erfindungen. Die Einwanderwilligen überbieten sich mit Geschichten, in denen sie von terroristischen Bedrohungen, Verfolgungen und Vergewaltigungen schwadronieren - was ist Wahrheit, was ist Dichtung? Kommt es darauf überhaupt an? Sie berichtet von den Lachattacken, die die Sachbearbeiterinnen und sie, die Dolmetscherin, unterdrücken müssen, und von den Zwiebeln, die die Asylbewerber in ihren Taschen tragen. Tränen für die Zukunft im gelobten Land.

Die unwürdige Situation ist nach allem, was an politisch umsetzbaren Konzepten bekannt ist, unlösbar: "Erschlagt die Armen!" ist ein Abbild der emotionalen Unaushaltbarkeit des Asylsystems. In dem agieren die, die Privilegien und ein funktionierendes staatliches, genau abgemessenes Gebilde verteidigen sollen, gegen die, die ein besseres Leben wollen. Der Roman ist eine Art perverse Hommage an die Sachwalter, die den Akt der Ablehnung vollziehen, um der Form genüge zu tun. Und er bietet, im Hinblick auf seine eskalierende Protagonistin, eine adäquate Schilderung der psychischen Abfuhrkräfte, die destruktiv ihren Weg nach draußen suchen.

Die Sprache ist zu schön für die Hässlichkeit der Zustände

Auf einer zweiten Ebene erzählt "Erschlagt die Armen!" eine Geschichte der heterosexuellen Entsinnlichung. Der weibliche Ekel vor dem herrschsüchtigen, triebhaft übergriffigen Mann schlägt um in einen sexuellen Nihilismus, den die Protagonistin in ihrem promisken Lifestyle geradezu sucht; es ist ein ins Leere zielender Befreiungsschlag der Frau.

Die Sprache Shumona Sinhas ist präzise und viel zu schön für die Hässlichkeit der Zustände, die sie formulieren: "Die Migranten überleben trotz allem, wie rebellische Halme, die aus einer unfruchtbaren Erde wachsen."

Ob sie glaube, dass sie das Recht habe, "ein angebliches Lügensystem ganz alleine zu korrigieren", fragt der Ermittler die Delinquentin und Metro-Angreiferin, die auf einem ganz harten Stil-Trip ist, der sich von Empathie für die Migranten in Ablehnung verkehrt: "In meinen Augen rechtfertigte ihr Leid nicht ihre Ungeschicklichkeiten und ihre Lügen, ihre Aggressivität und ihre Mittelmäßigkeit."

Nach der Buchveröffentlichung wurde Sinha entlassen

In der aktuellen Literatursaison ist "Erschlagt die Armen!" der poetische und dunkle Zwilling von Jenny Erpenbecks Roman "Gehen, ging, gegangen", in dem die Autorin die Geschehnisse der Berliner Migranten aufgreift, die seit Ende 2012 den Oranienplatz und mehrere Gebäude besetzten, um ein Bleiberecht in Deutschland zu erzwingen.

Auch hier erzählen die Zugereisten Geschichten, und es ist erkennbar die Absicht Erpenbecks, ihre afrikanischen Helden der Anonymität zu entreißen. Sie kämpfen genauso verzweifelt um Asyl wie ihre Pariser Komplementärfiguren, sie treffen auf behördliche Ablehnung, aber den guten Willen der engagierten Zivilmenschen. Und hinsichtlich der mentalitätsmäßig interessanten Haltung der deutschen Urbevölkerung zu den Asylbewerbern und Neuankömmlingen gelingt Erpenbeck mit ihrem Helden Richard, einem emeritierten Professor, und dessen bildungsbürgerlicher Peergroup eine wunderbare Milieustudie.

Es ist die Moral der späten Jahre, die sich in der Hilfsbereitschaft dieser Wohlstandsclique Bahn bricht, die viel Zeit hat und auch ein wenig unter der Langeweile der eigenen Saturiertheit leidet: Damit symbolisieren der Professor und sein Gefolge die Verfassung eines ganzen Landes.

Um ein derartiges Porträt einer Gesellschaft geht es der gnadenvoll-gnadenlosen Moralistin Sinha nicht. In ihrer Wahlheimat Frankreich arbeitete die Schriftstellerin bis 2011 wie ihre Protagonistin als Dolmetscherin in der Behörde. Nach der Veröffentlichung von "Erschlagt die Armen!" wurde sie entlassen.

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