Wichtigste deutsche Literaturauszeichnung Büchner-Preis für Sibylle Lewitscharoff

Ehrung für eine phantasievolle, intelligente Erzählerin: Sibylle Lewitscharoff wird mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Zuletzt veröffentlichte die Schriftstellerin "Blumenberg", einen tollkühnen Roman über den Philosophen Hans Blumenberg.

Autorin Sibylle Lewitscharoff: "Erzählerische Phantasie, sprachliche Erfindungskraft"
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Autorin Sibylle Lewitscharoff: "Erzählerische Phantasie, sprachliche Erfindungskraft"


Hamburg/Darmstadt - Die wichtigste deutsche Literaturauszeichnung geht 2013 an Sibylle Lewitscharoff. Das teilte die zuständige Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt mit.

In der Begründung heißt es: "In ihren Romanen hat Sibylle Lewitscharoff mit unerschöpflicher Beobachtungsenergie, erzählerischer Phantasie und sprachlicher Erfindungskraft die Grenzen dessen, was wir für unsere alltägliche Wirklichkeit halten, neu erkundet und in Frage gestellt." In ihren Texten vertiefe sie die Wahrnehmung der deutschen Gegenwart in Bereiche des Satirischen, Legendenhaften und Phantastischen. Philosophische und religiöse Grundfragen der Existenz entfalte die Schriftstellerin in einer subtilen Auseinandersetzung mit großen literarischen Traditionen und mit erfrischend unfeierlichem Spielwitz.

Sibylle Lewitscharoff wurde am 16. April 1954 in Stuttgart geboren. Sie studierte Religionswissenschaften in Berlin, wo sie auch heute lebt. 1978 nahm Lewitscharoff eine Stelle als Buchhalterin bei der Berliner Werbeagentur ihres Bruders an, schrieb aber nebenher Radiofeatures und Hörspiele und erfand ein Grammatikbrettspiel mit dem Titel "Satzbau".

Im Alter von vierzig Jahren veröffentlichte Lewitscharoff 1994 ihr erstes Buch "36 Gerechte". Für ihren Roman "Pong" erhielt sie 1998 die wichtigste Nachwuchsauszeichnung der deutschsprachigen Literatur, den Ingeborg-Bachmann-Preis, der sie der literarischen Öffentlichkeit bekanntmachte. Mit ihrer Schilderung der Welt aus der Sicht eines Verrückten sei Lewitscharoff, so die Jury, ein "fulminanter Text auf höchstem sprachartistischen Niveau" gelungen. Das Thema Wahnsinn und religiöse Spinnerei hatte die Autorin nach eigenem Bekunden schon zwanzig Jahre lang beschäftigt.

Die letzten acht Tage aus dem Leben des einzelgängerischen, schwäbisch-italienischen Filmproduzenten Montgomery Cassini-Stahl erzählt der Roman "Montgomery" (2003). Er erzeugt Spannung mit Rückblicken auf die Lebensgeschichte des in Stuttgart aufgewachsenen Wahlrömers und seines Lebenstraums, die wahre Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer ("Jud Süß") zu verfilmen.

Den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt sie 2009 für ihren Roman "Apostoloff". Darin erzählt die Autorin von einem Exil-Bulgaren, der sich, wie Lewitscharoffs eigener Vater, als Arzt in Stuttgart das Leben genommen hatte, als die Tochter, im Roman Ich-Erzählerin, gerade neun Jahre alt war. Nun überführt sie zusammen mit ihrer Schwester die exhumierten Überreste des Toten nach Bulgarien, das sich als erbärmliches, verheertes Land darstellt.

2011 veröffentlichte Lewitscharoff den Roman "Blumenberg", eine tollkühne, lebendig geschriebene Auseinandersetzung mit dem Werk des Philosophen Hans Blumenberg anhand dessen eigenen Lebensgeschichte, des Schicksals verschiedener Schüler - und seines Faibles für Löwen.

"Pong redivivus", eine Zusammenarbeit Lewitscharoffs mit ihrem Lebensgefährten, dem Künstler Friedrich Meckseper, erscheint im September 2013 im Insel Verlag.

Der Büchner-Preis ist mit 50.000 Euro dotiert. Verliehen wird er am 26. Oktober 2013 in Darmstadt.

Zu den vorherigen Preisträgern gehören unter anderem Günter Grass, Peter Handke, Martin Walser und Christa Wolf, sowie die Lyriker Peter Rühmkorf, Durs Grünbein und Oskar Pastior. Im Jahr 2012 wurde Felicitas Hoppe mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Damit folgen erstmals in der Geschichte der in der jetzigen Form seit 1951 vergebenen, lange Zeit von männlichen Autoren dominierten Ehrung zwei Schriftstellerinnen als Preisträgerinnen aufeinander.

sha



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