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Krimi von Sibylle Lewitscharoff: Wenn Konservative einen Kater haben

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Nach ihrer skandalösen Rede über künstliche Befruchtung übt Sibylle Lewitscharoff erneut Zivilisationskritik - und wählt dafür eine kuriose Form: den Katzenkrimi.

Woran liegt es nur, dass gerade die Schriftsteller, die zuletzt ein ziemlich unausgegorenes Unbehagen über die Entwicklung der deutschen Gesellschaft zur Schau gestellt hatten, Katzenkrimis schreiben?

Akif Pirinçci, der soeben das Pamphlet "Deutschland von Sinnen" veröffentlicht hat, in dem er über Emanzipation, Homosexualität, den Islam im Allgemeinen und die "rotgrün-versiffte" Politik im Speziellen herzieht, begann seine Karriere mit dem Kriminalroman "Felidae": In dem spielt ein Kater namens Francis die Hauptrolle.

Sibylle Lewitscharoff löste im März einen Skandal aus, als sie sich in einer Rede unter anderem mit künstlicher Befruchtung auseinandersetzte und Retortenkinder als "Halbwesen" bezeichnete. Lewitscharoffs Thesen mögen kein derart wüstes Gezeter sein wie Pirinçcis Suada, in einem ähneln sich die beiden Schriftsteller, die zudem der gleichen Generation angehören: Sie verstehen die Entwicklungen der Gegenwart nicht, sehnen sich zurück nach der vermeintlich geordneten Welt ihrer Kindheit vor 1968 - Konservatismus der üblichen Art, überhöht durch ein paar steile, medientaugliche Thesen.

Als Krimiautorin allerdings war die Büchnerpreis-Trägerin Lewitscharoff bislang nicht aufgefallen. Mit ihrem neuen Buch "Killmousky" ist sie dort angekommen, wo Pirinçci einst begann: Auch ihre Titelfigur ist ein Kater.

Killmousky, so heißt er, ist dem früheren Kriminalhauptkommissar Richard Ellwanger zugelaufen. Der hat den Dienst quittiert, nachdem er im Fall einer spektakulären Zwillingsentführung dem mutmaßlichen Täter Folter angedroht hatte, um die Mädchen zu retten. Ellwanger hat ganz offenbar reale Vorbilder: Die Frankfurter Polizisten, die im Jahr 2002 dem Entführer des 11-jährigen Jakob von Metzler Gewalt androhten, wenn er nicht verrate, wo er den Jungen versteckt hält.

Leutselig dargebotene Ressentiments

Als Frühpensionär weiß der 57-jährige Münchner mit schwäbischen Wurzeln mit seiner Zeit nicht viel mehr anzufangen, als den Kater zu füttern. Wenn er sich im Verlauf der Handlung einmal mit einem Ex-Kollegen trifft, redet man "über dämliche Ehefrauen, die erzdämliche bayerische Demokratie, auch über vollverschleierte Saudifrauen", die dann "Schlitzguckerinnen" genannt werden.

Davon abgesehen, dass diese leutselig dargebotenen Ressentiments den Kernthemen Akif Pirinçcis ziemlich nahekommen - die Figur Ellwanger hätte eine interessante Charakterstudie eines Mannes Ende 50 werden können, dessen Wertmaßstäbe sich mit der Welt nicht mehr so recht in Einklang bringen lassen. Doch Lewitscharoff interessiert sich dafür ebenso wenig, wie für die Debatte, die sich nach dem Fall Metzler entwickelte: Darf ein Polizist mit Folter drohen?

Lewitscharoff schickt Ellwanger nach New York. Es wartet: ein hochdotierter Auftrag. Der Mord, um den es geht, ist rätselhaft; die betroffene Familie vermögend. Dazu kommen ein höchst verdächtiger Witwer, ein undurchsichtiger Privatsekretär, eine mannstolle Millionenerbin mit schwerem Alkoholdurst. Lewitscharoff kommt an fast keinem Krimiklischee vorbei. Das mag Absicht sein. Entschiedener allerdings - und das verleiht dem Buch eine eigentümliche Schlagseite - ist ihr steter ästhetischer Rückgriff auf alles Süddeutsche.

Gemütlich-nationales Hinterwäldlertum

Nicht nur, dass Lewitscharoff schreibt, wie schwäbische Honoratiorinnen der älteren Generation reden, wenn sie Formulierungen wie "mondäner Maxe" verwendet. Auch in New York ist Ellwangers Bezugsperson seine Münchner Vermieterin, auf gut Bayerisch "die Kirchschlagerin" genannt. Sie hat auch in Manhattan ein Apartment. Fast schon verwirrend weltläufig, doch zum Glück ist da der Sepp, ein bodenständiges Mannsbild, mit dem die Kirchschlagerin zusammenlebt - und das in einer Wohnung, die mit volkstümlichen bayerischen Fresken verziert ist.

Lewitscharoffs Deutschtümelei wird von keiner Ironie durchbrochen, sie kommt daher mit dem Habitus gemütlich-nationalen Hinterwäldlertums und erinnert so an die Romane von Gustav Freytag aus dem 19. Jahrhundert: Auch dort freuten sich Deutsche, wenn sie jenseits der Grenzen auf einen Landsmann mit Kuckucksuhr stießen.

"Killmousky" liegt ein Denkmuster zugrunde, in dem sich heimattümelnder Konservatismus und völkisches Denken einander bis heute nahe sind: das bäuerliche, mitteleuropäische Hinterland als Gegenpol zur moralisch verkommenen US-amerikanischen Ostküste.

Die Wundertüte der Zivilisationskritik ist eben bunt gefüllt, und Lewitscharoff bedient sich ihrer nicht immer mit der größten Sicherheit - so zeigt sie abermals unfreiwillig, wie sich aus Ressentiments ein gediegen konservativer Wohlfühl-Populismus ableiten lässt.

In einem Interview mit der "FAZ" hat Lewitscharoff kürzlich von "scharfen Sätzen" als "Würzmittel" gesprochen. "Killmousky" wirkt, als hätte die Autorin weder die richtige Dosierung noch die richtigen Zutaten erwischt. Das betrifft auch die Hauptfigur: Spielt der gute Killmousky in der Romanhandlung doch eigentlich gar keine Rolle - als stolzer Katzenkrimi-Hauptdarsteller gesprungen, gelandet als Bettvorleger eines Ex-Kommissars.

Entsprechend vorgeprägte Leser werden ihn trotzdem als einen der ihren erkennen: Katzen sind Einzelgänger. Und der Einzelgänger, der sich von Masse absondert, das ist spätestens seit Ernst Jüngers berühmtem konservativen Manifest "Der Waldgang" Inbegriff des Konservativen.

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Als Bummelstudenten noch "Futschikato" sagten: Gerhard Henschels "Bildungsroman" ist das heiter genervte Porträt eines Twentysomethings in den frühen Achtzigern - und zeigt die Ereignislosigkeit der Bundesrepublik, ohne dabei je zu langweilen.

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Krieg, Vertreibung, Neurosen - und Affenforschung: In "Sieben Sprünge vom Rand der Welt" schildert Ulrike Draesner die deutsche Geschichte anhand von vier Generationen einer Familie. Ein kolossaler Roman mit skurrilen Figuren.

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Von Berlin aus in Richtung der Schrecken des 20. Jahrhunderts: In "Vielleicht Esther" erzählt Katja Petrowskaja von einer Recherche in der eigenen Familiengeschichte - und schafft ein großartiges, ungewöhnlich erzähltes Panorama des 20. Jahrhunderts.

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1. Kohle machen
wauz, 12.04.2014
Der Sarazene hat es vorgemacht, wie man fett absahnt: einfach die Vorurteile der kleinbürgerlich denkenden Arbeiteraristokratie aufrühren und glatt schmieren... Ein Verlag findet sich immer. Und es darf sogar Kulturkritik heißen.
2. Schwaben unter sich
Hippolais 12.04.2014
Wer Hammelehle heißt, weiß gewiß, wie schwäbische Honoratioren ticken, wie er auch schon zur Leipziger Buchmesse die "20 besten" Romane des Frühjahrs zu benennen wußte (der bis dahin orientierungslose SPON-Leser dankt für den neugeschaffenen Hammelehle-Kanon). Daß Yasmina Reza bei jedem SH-Beitrag penetrant beworben wird, mag daran liegen, daß sie einfach besser aussieht als Sibylle Lewitscharoff. Durch derlei Präferenzen reiht sich SH durchaus ein in die Reihe prominenterer Vorgänger wie MRR selig und Hellmuth Karasek.
3. Unlesbar
neu_im_forum 25.04.2014
Zitat von sysopGetty ImagesNach ihrer skandalösen Rede über künstliche Befruchtung übt Sibylle Lewitscharoff erneut Zivilisationskritik - und wählt dafür eine kuriose Form: den Katzenkrimi. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/sibylle-lewitscharoffs-killmousky-katzenkrimi-nach-skandal-um-rede-a-963822.html
Nach der Geschichte mit der künstlichen Befruchtung ist diese Frau unlesbar geworden!
4. Reißen wieder die getroffenen Hunde
sichersicher 03.05.2014
und jene, die weder das eine noch das andere Buch gelesen haben, ihren Rand auf. Nichts zu sagen, aber trotzdem mitreden müssen, typisch Deutsch.
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