"Sieben Nächte" von Simon Strauß Nicht übermäßig an Realität interessiert

Zwischen großen Visionen und dem Zelebrieren der Todsünde im Steakhaus: Der erste Roman von Simon Strauß verhandelt angenehm unentschlossen die Vorhersehbarkeit der Gegenwart.

Nur die Sonne war Zeuge
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Nur die Sonne war Zeuge


"Dandy", jener Kinks-Song, den Ray Davies über seinen kleinen Bruder Dave und dessen bemerkenswerten Verschleiß an Liebeleien geschrieben haben soll, steht am Anfang dieses Buches. Es folgt auf der nächsten Seite die Frage von Gottfried Benn: "Wozu?"

Das sind klug gesetzte Zitate, tatsächlich ist es ja so: Simon Strauß umtanzt in "Sieben Nächte" beides: die Sehnsucht nach einem Früher, in dem etwa der rasche Wechsel von Geschlechtspartnern bei den Älteren noch Ver-, aber auch Bewunderung hervorrief und das Gefühl einer gewissen Sinnlosigkeit: Der Protagonist dieses Buches ist Bequembildungsbürger nicht ohne Selbsthass, der von seiner Jugend erzählt wie von einer Fernsehserie, an die er sich nur noch vage erinnert und von der er auch schon die folgenden Episoden zu kennen scheint: "…bald, sehr bald, werde ich mich festlegen müssen. Auf ein Leben, eine Arbeit, eine Frau. Bald werden die Tage und Treffen vorübergehen, ohne dass sie etwas verändern. Werden die Momente ohne Wirkung bleiben und die Erschütterungen nachlassen. Ordnung wird herrschen und ich ein Untergebener meines Ehrgeizes sein."

Nein, Simon Strauß ist nicht übermäßig an Realitäten interessiert. Der Journalist - und Sohn von Botho Strauß - baut seinem Erzähler S. ein Haus aus Ennui und Zaudern, aus Angst vor einer Zukunft, die ihn eingemeinden wird in ein angenehmes, aber auch eng umzäuntes Kollektiv. Der Ausbruch aus dieser Vorhersehbarkeit ist ein temporärer: Die sieben Todsünden, so hat "einer, den ich kaum kannte", vorgeschlagen, solle er erfahren. In sieben Nächten das Unerhörte tun und die eigenen Grenzen wenigstens temporär verschieben. Und dann darüber schreiben.

Was Strauß seinen Protagonisten schließlich erleben lässt, ist eine Abfolge von Zeitvertreibungen, von Simulationen, die mit der Sünde wenig zu tun haben. Ein Nachmittag auf der Pferderennbahn: Der Hengst der Hoffnung heißt Nibelungenfürst und verliert leider. Ein Abend im Steakrestaurant: "Trüffelsalami, Rindertatar und Carpaccio vom John Stone Filet auf isländischen Flusssteinen, 250 Gramm Pommersches Eastcoast Entrecote (Delta Dry Aged) an Pfifferlingen und Letscho, 300 Gramm Freesisches Westcoast Roastbeef auf Topinambursalat und Schmorgurken." Gegen Ende immerhin die Idee von Geschlechtsverkehr, aber auch hier gilt: Bei der etwas umständlich wirkenden Sex-Party bleibt die Handbremse angezogen, die Schilderungen aus einem Kellerclub im Hinterhaus (bitte leise sein, die Nachbarn!) klingen ansprechend und doch diskret.

Strauß' Protagonist bleibt ein Schattenschnitt im Ungefähren

Die eigentliche Geschichte ist eine andere. Strauß setzt mit den Todsünden nur die Struktur. Er reibt sich an ihnen und erzeugt so jene Hitze, die dieses Buch interessant macht: "Sieben Nächte" ist eine Suche nach dem guten, wilden Leben, ein Manifest wider den Zeitgeist. Strauß schreibt gegen vieles an, gegen Morgengymnastik, gegen Eheverträge und stickige Konferenzluft, gegen Freundschaften, die nur aus Pose bestehen, gegen die Zersplitterung der Gesellschaft, gegen Rentnerreisegruppen, gegen Wasser ohne Kohlensäure. Das wirkt bisweilen irritierend konservativ, nach der Wutrede eines früh in die Jahre gekommenen, zumal alle Bezüge in der Vergangenheit liegen: Strauß verzurrt seine Ideen bei den Großen. Statius, Gorki, Mommsen, Fallada, alle laufen sie uns hier über den Weg.

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Simon Strauß:
Sieben Nächte

Blumenbar; 144 Seiten; 16 Euro (gebunden)

Aber, und das ist wichtig, Strauß schreibt auch für die Dinge. Aus der Suche nach einem Gegengewicht zum Jetzt bietet er Lösungen an, die fantasievoll zwischen Quatsch und großer Vision balancieren, die sich gegen alles Rationale wenden. Die Farbfilmhaftigkeit, mit der er dabei operiert, ist eine, deren Wirkung eher aus den großen Werken der 40er-, 50er- und 60er-Jahre stammt als aus den Blockbustern der Gegenwart. Über die Zeit, in der nur die Sonne Zeuge war, schreibt er einmal, und das bezieht sich natürlich auf den Titel der Leinwand-Adaption eines sehr großen Buches, nämlich Patricia Highsmiths "Der talentierte Mr. Ripley".

Ein Mann, ein Mörder. Aber auch: eine Figur, die die Autorin über Jahrzehnte hinweg zum Mittelpunkt einer Versuchsanordnung um die großen Themen der Menschheit machte und der sie bemerkenswerte Entwicklungen gestattete. Mit Strauß' Protagonisten wäre das gar nicht möglich. Er bleibt ein Schattenschnitt im Ungefähren. Ein Großstadtboy, der das Feuer legen und löschen möchte und dabei zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist, um mit anderen zu interagieren. Bisweilen ist das fordernd, manchmal mühsam, aber in seiner Liebe zum stets richtig gesetzten Wort eben auch beglückend.

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