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"Der Überläufer" nach 65 Jahren auf Platz eins: Der späte Triumph des Siegfried Lenz

Von Volker Weidermann

Siegfried Lenz, 1959 Zur Großansicht
picture-alliance/ akg-images

Siegfried Lenz, 1959

Zu Lebzeiten lehnte sein Verlag das Buch wegen "handgreiflicher Treulosigkeit gegen die Heimat" ab. Jetzt, 65 Jahre später, führt "Der Überläufer" von Siegfried Lenz plötzlich die Bestsellerlisten an.

Siegfried Lenz hat den Roman "Der Überläufer" über einen Wehrmachtssoldaten, der zur Roten Armee überläuft, vor 65 Jahren geschrieben. Sein Verlag lehnte ihn aus politischen Gründen ab. Jetzt, anderthalb Jahre nach dem Tod des Autors, kommt derselbe Verlag mit dem Drucken kaum noch hinterher. Am Wochenende steht er auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Der Autor selbst hatte dieses Buch in seinen letzten Lebensjahren wohl vergessen. Wenigstens sprach Siegfried Lenz mit keinem aus seiner Familie oder seinem Verlag über das frühe Manuskript, das der Lektor des Verlages Hoffmann und Campe Anfang 1952 mit harschen Worten abgelehnt hatte. "Handgreifliche Treulosigkeit gegen die Heimat" hatte er in dem Manuskript ausgemacht. Eine Veröffentlichung des Romans sei "äußerst gefährlich". Lenz, der damals 25 Jahre alt war und ganz am Anfang seiner Karriere stand, nahm das Urteil hin, dankte schriftlich "für die Mühewaltung" und - schrieb den nächsten Roman.

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Und jetzt ist das Buch plötzlich da. Im Nachlass aufgetaucht, schnell veröffentlicht, von der Kritik gefeiert, wie aus einem Dauer-Kokon geschlüpft. Ein neuer Lenz. Und ein besonders guter. Einer mit der Frische der frühen Jahre, der vor allem die Kriegserlebnisse, die Skrupellosigkeit und die Gewissensnöte des jungen Soldaten mit eindringlicher Unmittelbarkeit schildert.

Schon wird die dritte Auflage gedruckt

Eigentlich sollte das Buch am morgigen Donnerstag erscheinen, doch die Buchhändler drängten, der SPIEGEL veröffentlichte am 27. Februar die erste Kritik, schon zwei Tage zuvor hatten erste Buchhandlungen ihren Lenz aus den Paketen geholt und in die Auslagen gestellt. So kam das Buch schon am Wochenende auf Platz 17 der SPIEGEL-Bestsellerliste, in der das Buch offiziell noch gar nicht zu haben war. Am kommenden Wochenende steht es auf Platz 1. 65 Jahre nachdem das Buch geschrieben wurde. So etwas hat es überhaupt noch nicht gegeben.

Startauflage waren 50.000 Stück, inzwischen, immer noch einen Tag vor dem ursprünglichen Erstverkaufstag, wird bereits die dritte Auflage gedruckt. Der Verleger Daniel Kampa sagt: "Wir kommen gar nicht mehr hinterher, weil wir täglich die Auflagen erhöhen müssen. Gestern bekamen wir 16.000 neue Bestellungen. Wir nähern uns der 100.000er Marke."

Am Dienstag hatte er sich, zusammen mit der Witwe von Siegfried Lenz, Ulla Lenz, in einer Privatvorführung die neue Lenz-Verfilmung "Schweigeminute" angesehen, die im Oktober im Fernsehen ausgestrahlt wird. "Wenn das der Siegfried noch erlebt hätte", habe Ulla Lenz gesagt. Beide waren sich aber schnell einig, dass ihn auch dieser Erfolg nicht entscheidend aus der Ruhe gebracht hätte. Sie erinnerten sich an den Bericht aus der Zeit, als ihm der Verleger Thomas Ganske, aus Anlass der erreichten Millionen-Grenze seines Romans "Die Deutschstunde" ein Gemälde Emil Noldes geschenkt hatte und Lenz nur meinte: "Hat sich das Buch doch als lesbar erwiesen."

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1.
Stäffelesrutscher 10.03.2016
Und uns hat man immer erzählt, so eine Unterdrückung von Literatur habe es nur in der DDR gegeben ...
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