Schriftsteller Siegfried Lenz ist tot

Er war einer der bedeutendsten Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland. Seine Romane wie "Deutschstunde" oder "Heimatmuseum" lasen Millionen. Jetzt ist Siegfried Lenz gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.


Siegfried Lenz, einer der bedeutendsten und meistgelesenen Schriftsteller der deutschsprachigen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur, ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 88 Jahren in Hamburg im Kreise der Familie, wie der Verlag Hoffmann und Campe mitteilte.

Zu seinen wichtigsten Werken gehören die Romane "Deutschstunde" (1968) und "Heimatmuseum" (1978). Besonders beliebt war sein Erzählband "So zärtlich war Suleyken" (1955) mit humorvollen Geschichten aus Ostpreußen.

Dort, in der Stadt Lyck (heute Elk/Polen) wurde Siegfried Lenz am 17. März 1926 als Sohn eines Zollbeamten geboren. Er war dort ebenso Ehrenbürger wie in Hamburg, wo er nach dem Zweiten Weltkrieg lebte. Als 17-Jähriger wurde Lenz 1943 in die Kriegsmarine einberufen und geriet 1945 in britische Gefangenschaft, aus der er aber schon bald entlassen wurde. Seine NSDAP-Mitgliedschaft wurde 2007 enthüllt, er bestritt aber, einen Aufnahmeantrag unterschrieben zu haben.

Welterfolg mit "Deutschstunde"

1948 nahm er in Hamburg ein Volontariat bei der Tageszeitung "Die Welt" auf, machte sich aber 1951 als freier Schriftsteller selbstständig, sein erster Roman "Es waren Habichte in der Luft" erschien. Als Theaterautor gelang ihm mit "Zeit der Schuldlosen" ein großer Erfolg. 1955 gab er sich mit seinen masurischen Schelmengeschichten "So zärtlich war Suleyken" überaus erfolgreich als Meister der humoresken Kleinform zu erkennen.

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Siegfried Lenz: Bilder eines Lebens
Ein Welterfolg wurde sein 1968 veröffentlichter Roman "Deutschstunde" um den Konflikt von Macht und Kunst. Das Buch handelt von einem Polizisten im Dritten Reich, der aus einem pervertierten Pflichtgefühl heraus das Malverbot seines Freundes überwacht. Das auch verfilmte und zur Pflichtlektüre an Schulen avancierte Buch erzielte eine Erstauflage von mehr als 700.000 Exemplaren und sicherte dem Schriftsteller die wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Im Roman "Heimatmuseum" machte Siegfried Lenz 1978 Flucht und Vertreibung zum Thema, seinerzeit ein gewagtes Thema für einen deutschen Schriftsteller. Für die "FAZ" war es sein "reifstes und am sorgfältigsten gearbeitetes Werk"; es wurde 1988 als TV-Dreiteiler mit Mario Adorf verfilmt - eine von zahlreichen Adaptionen von Lenz-Geschichten.

Die 1999 abgeschlossene Werkausgabe umfasst rund zehntausend Seiten, darunter Romane wie "Der Mann im Strom" oder "Brot und Spiele" und Erzählungsbände wie "Ein Kriegsende" oder "Das Feuerschiff". Die Weltauflage seiner in 30 Sprachen übersetzten Romane, Erzählungen, Essays und Theaterstücke liegt bei über 25 Millionen. "Was alles in diesen Jahren entstanden ist, das verwundert mich selbst am meisten", sagte er 2003 im SPIEGEL-Gespräch.

Aussöhnung mit Polen, Solidarität mit Israel

In der Literaturkritik kam Lenz allerdings lange Zeit nicht gut weg. Sein Kollege Peter Härtling nannte die "Deutschstunde" im SPIEGEL "ehrenwert, und das ist seine Schwäche." Der Literaturprofessor Hans Mayer empfand Lenz' Schreiben schon 1973 als "anachronistisch". "Die Gesinnung fordert Respekt, aber nicht immer die Prosa", ätzte Walther Killy.

Politisch engagierte sich Siegfried Lenz für die Aussöhnung mit Polen. 1970 begleitete er mit Günter Grass den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrags. Außerdem mahnte Lenz Solidarität mit Israel an, als der damalige irakische Diktator Saddam Hussein den jüdischen Staat mit Raketen bedrohte.

Ein zentrales Thema im Schaffen von Lenz war die Auseinandersetzung mit dem - typisch deutschen - Pflichtbegriff. Das Nachdenken darüber hatte er gemeinsam mit Helmut Schmidt, ein langjähriger Freund, den Lenz 1965 für den SPIEGEL fast zärtlich porträtierte: Helmut Schmidt gebrauche die Sprache "weniger sorglos" als andere Politiker, aber er müsse sich "zum Selbstvertrauen nicht erst ermuntern". Vor kurzem erschien "Schmidt-Lenz. Geschichte einer Freundschaft", ein Band des Literaturwissenschaftlers Jörg Magenau.

Seit Jahren war Lenz gesundheitlich schwer angeschlagen. Bereits auf den Rollstuhl angewiesen, hatte der Autor in den letzten Jahren ein Apartment in einer Hamburger Senioren-Residenz an der Elbchaussee mit freiem Blick auf den Elbstrom. Im September 2013 besuchte er noch das Hamburger Filmfest und sah sich die Verfilmung seiner Kurzgeschichte "Die Flut ist pünktlich" an.

Für sein Schaffen war Siegfried Lenz unter anderem mit dem Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte ausgezeichnet worden. "Jetzt bleibt die Erinnerung an eine einzigartige Freundschaft, an einen großen Menschen und als Zeugnis dafür seine Bücher", würdigte Lenz' Verleger und langjähriger Freund Thomas Ganske den Schriftsteller.

feb/dpa



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