Zum Tode Siegfried Lenz' Freundlich mit Friedenspfeife

Andere polterten, er schmauchte lieber: Der verstorbene Schriftsteller Siegfried Lenz ging bei allem, was er tat, mit einer unerschütterlichen, bärbeißigen Vergnügtheit ans Werk - und war damit ein ziemlich untypischer Nachkriegsschriftsteller.

Von Wolfgang Höbel


In einer Generation großer deutscher Pfeifenraucher war er der gütigste und liebenswerteste unter den Tabakschmauchern, übertroffen nicht mal von dem gleichfalls stets obersympathisch am Pfeifenholm kauenden Schauspieler Joachim Fuchsberger. Der Schriftsteller Siegfried Lenz ging auch bei der Schreibarbeit und beim Vorlesen seiner Bücher mit jener bärbeißigen Vergnügtheit und Gelassenheit ans Werk, die er beim Rauchen an den Tag legte. So reizend und ehrenwert sei dieser Mann, dass die Lobeshymnen der Feuilletons gar nicht wirklich seinem Roman "Deutschstunde" gelten könnten, höhnte im Jahr 1968 ein böser Kritiker: Es sei nicht das Buch, sondern der Autor Siegfried Lenz, den fast alle Deutschen liebten.

Erstaunlich nachdenklich, manchmal altklug

42 Jahre alt war Siegfried Lenz, als die "Deutschstunde" im Jahr 1968 erschien, sein bis heute berühmtester Roman. Dessen Held und Erzähler heißt Siggi Jepsen, ist kaum erwachsen und Insasse einer Jugendbesserungsanstalt. Erstaunlich nachdenklich und manchmal altklug berichtet dieser Junge von einem Maler hoch droben an der Nordseeküste, dem unter der Herrschaft der Nationalsozialisten das Malen verboten war, und von dem Dorfpolizisten, der dieses Verbot zu überwachen hatte, Siggis Vater. "Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben." So lautete der erste Satz dieses Buchs, das von dumpfer Pflichtversessenheit und von einer sehr bedächtigen jugendlichen Rebellion erzählt. Für viele Generationen bundesrepublikanischer Schüler war die "Deutschstunde" - die sehr am Rande auch die Lebensstory des expressionistischen Malers Emil Nolde streift - Schullektüre. Doch nicht mal die Aufnahme in die Lehrpläne hat der Popularität des Schriftstellers Lenz geschadet, der jetzt im Alter von 88 Jahren in Hamburg gestorben ist.

Lenz wuchs in Ostpreußen auf und verlebte nach dem frühen Tod seines Vaters, eines Zollbeamten, seine Kinder- und Jugendjahre weitgehend bei der Großmutter. Er machte bei der Hitlerjugend mit und musste als 17-Jähriger zur Kriegsmarine. Nach der Versenkung gleich seines ersten Dienstschiffs, anschließender Desertion aus den deutschen Linien und britischer Gefangenschaft fing er in Hamburg ein Studium an: Philosophie, Anglistik und Literaturwissenschaft. Er begann, als Journalist zu arbeiten, für die Zeitung "Die Welt" und für den Rundfunk, wo Siegfried Lenz auch wegen seiner überaus angenehmen Stimme auffiel.

Fotostrecke

8  Bilder
Siegfried Lenz: Bilder eines Lebens
1951 brachte er seinen ersten Roman "Es waren Habichte in der Luft" heraus, in dem er nach Art der Zeit von den üblen Folgen politischer Verblendung erzählte (allerdings hier noch an einem Ort weit weg von Deutschland). 1955 erschien dann der phänomenale Erzählungsband "So zärtlich war Suleyken", ein erster großer Publikumserfolg: die überraschend heitere, melancholische Beschwörung einer untergegangenen Welt. Die "Masurischen Geschichten" (so lautete der Untertitel), die Lenz hier zusammentrug, handelten von einem schratigen Briefträger, von seltsamen Duellen und von der pompösen Einweihung einer Kleinbahn namens Popp, vor allem aber von der magischen Landschaft Masuren. Für eine Weile schien es damals, als werde der Schriftsteller Siegfried Lenz seinen Ruhm als freundlich-bedenklicher Humorist unter den oft sehr grimmig auftretenden deutschen Nachkriegsliteraten nie wieder los.

Günter Grass zum Beispiel, der wie Lenz damals zu den Autorenvereinsmeiern der Gruppe 47 gehörte, ist weder als Schriftsteller noch als Pfeifenraucher je zu ähnlich humaner Lebenslustigkeit imstande gewesen.

Unbeeindruckt von den Plagen des Alters und der SPD

Siegfried Lenz allerdings machte mit ernstem Eifer und schöner Unbekümmertheit einfach weiter. Er hat nach den beiden frühen Großtaten "So zärtlich war Suleyken" und "Deutschstunde" noch viele finstere, leicht schwerfällige und manchmal sogar betuliche Bücher veröffentlicht, schmale wie "Der Mann im Strom" (1958) und dicke wie "Heimatmuseum" (1978). Er hat auch weiter tolle Schelmengeschichten erzählt, in "Lehmanns Erzählungen" (1964) und in "Der Geist der Mirabelle" (1975) zum Beispiel. Die Verfilmungen vieler seiner Bücher und die Ignoranz vieler Kritiker, den Ärger über die Politik der von ihm favorisierten SPD und auch die Plagen des Älterwerdens hat er zumindest äußerlich maximal unbeeindruckt über sich ergehen lassen. Wenn andere Schriftsteller sich empörten, dann genüge es Siegfried Lenz, "seine Besorgnis anzudeuten", hat der Kritiker Marcel Reich-Ranicki ihn mal gepriesen.

Ein typischer Lenz-Satz geht so: "Der Mensch wird nicht nur durch das bezeichnet, was ihm möglich ist, sondern in gleicher Weise durch das, was ihm unmöglich ist." Der Schriftsteller Siegfried Lenz hat, schon weil ihm gar nichts anderes möglich war, zeitlebens sehr elegant und aller Liebe würdig die Friedenspfeife geraucht.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sappelkopp 07.10.2014
1. Unvergessen...
...ist mir die Deutschstunde mit ihm. Möge er nun pfeiferauchend auf uns herablächeln.
nvdh. 07.10.2014
2. November 1977 in Auschwitz
Konnte ihn dort beobachten. Nie ein derart erschüttertes Gesicht gesehen. Loki Schmidt nahm ihn tröstend am Arm. Helmut Schmidt wird jetzt noch einsamer sein...
rolf.piper 07.10.2014
3. Wenn ein deutscher Schriftsteller den Literaturnobelpreis verdient hat,
dann war es Siegfried Lenz! Mit Erschütterung habe ich die Deutschstunde gelesen, das Heimatmuseum, die Augenbinde...Immer schien es mir, als sei dieser große Schrifsteller und Humanist in der Bundesrepublik nicht willkommen. Jetzt hat das Nobelkomitee posthum die Möglichkeit, seine Unachtsamkeit zu korrigieren.
Wunderläufer 07.10.2014
4. Genie der Sprache
Siegfried Lenz ist das Paradebeispiel, wie ausdrucksstark Sprache sein kann. Ich habe alle seine Romane verschlungen: nirgendwo fand ich auch nur 1 überflüssiges Wort, nie Füllmaterial. Einfach beeindruckend, ja beispielhaft
DerNachfrager 07.10.2014
5. Ein Raucher ?
Geht ja gaaaar nicht ! Und es stimmt: Er ist gestorben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.