Trauerfeier für Siegfried Lenz "Ombudsmann des menschlichen Anstands"

Flaggen auf Halbmast im Norden: Mit einer Trauerfeier im Hamburger Michel haben Familie, Freunde und Honoratioren Abschied genommen vom großen Schriftsteller Siegfried Lenz. Zu den Trauerrednern zählte Helmut Schmidt.

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Es hatte etwas von einem Staatsbegräbnis: Mit einer großen Trauerfeier haben rund 2000 Menschen am Dienstag im Hamburger Michel dem Schriftsteller Siegfried Lenz die letzte Ehre erwiesen, darunter auch der Literaturnobelpreisträger Günter Grass und Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

Der inzwischen 95-jährige ehemalige SPD-Politiker nahm mit sehr persönlichen Worten Abschied von Lenz, mit dem ihn eine über ein halbes Jahrhundert währende Freundschaft verband. Helmut Schmidt erinnerte sich an Reisen mit dem Ehepaar Lenz - "Lilo, Siggi, Loki und ich, die beiden Frauen waren mindestens ebenso wichtig wie die Männer" - und betonte Gemeinsamkeiten mit dem verstorbenen Schriftsteller.

Zu den Eigenschaften, in denen er sich Lenz verbunden sah, zählte der Altbundeskanzler die "Tugend der Gelassenheit", das "Bewusstsein der eigenen Verantwortung" und einen "skeptischen Blick auf die Menschen". Lenz habe ihn ausgefragt, so Schmidt, und er ihn. Für ihn sei Siegfried Lenz der "Ombudsmann des menschlichen Anstands" gewesen. Helmut Schmidt, der im Rollstuhl sitzend vor den Trauergästen sprach, sagte über Lenz: "Für mich blieb er ein Mann ohne erkennbare Schwächen."

Siegfried Lenz, 1926 in Lyck/Ostpreußen geboren, war am 7. Oktober im Alter von 88 Jahren in seiner Wahlheimat Hamburg gestorben. Mit Romanen wie "Deutschstunde" und "Heimatmuseum" sowie humorvollen Bänden wie "So zärtlich war Suleyken" gehörte Lenz neben Heinrich Böll und Grass zu den großen deutschen Nachkriegsautoren.

"Ein unvergleichlicher Landschaftsschilderer"

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz würdigte den Autor, der 1945 in die Stadt gekommen war, in der ersten Trauerrede. "Siegfried Lenz war ein zutiefst demokratischer Schriftsteller, der Vernunft und Humanität immer wieder aufs Neue in der Vielheit ihrer Stimmen gesucht hat", sagte Scholz. Lenz habe die rar gewordene Kunst beherrscht, "lehrreich zu erzählen, ohne sich belehrend zu geben." Bei ihm sei die Wahrheit nicht dröhnend daher gekommen, sondern meistens leise.

Wie Hamburg, so hat auch Schleswig-Holstein Siegfried Lenz zum Ehrenbürger ernannt - seine Werke spielten oft in dem norddeutschen Bundesland. Ministerpräsident Torsten Albig sagte: "Wir durften sein Schauplatz sein. Wir waren sein Personal." Für ihn seien die Bücher von Lenz Beleg dafür, dass Weltliteratur nicht zwingend die große Bühne brauche: "Er war ein Meister darin, im Kleinen das Große zu erklären."

Auch Tomasz Andrukiewicz, der Stadtpräsident von Elk, war angereist. Er würdigte die Verdienste um die deutsch-polnische Versöhnung des Schriftstellers. 2011 erhielt Lenz die Ehrenbürgerwürde der Stadt in Masuren, die zu Zeiten seiner Geburt noch Lyk hieß.

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Siegfried Lenz: Bilder eines Lebens
Als letzter Redner warf der Schriftsteller Karl-Heinz Ott, der auf Wunsch der Witwe Ulla sprach, einen näheren Blick auf das literarische Vermächtnis des Siegfried Lenz. "Er war ein Meister des Konflikts", so Ott, was natürlich nur in literarischer Hinsicht gemeint war. "Als Mensch war er das genaue Gegenteil." Wären mehr Menschen so, "müsste man sich um den Frieden keine Sorgen machen", folgerte Ott. Er bezeichnete Lenz als einen "unvergleichlichen Landschaftsschilderer", auch wenn der Freiburger Autor augenzwinkernd bekannte, gelegentlich ein Seemannslexikon konsultiert zu haben, um alle Details in Lenz' Beschreibungen verstehen zu können.

Hamburg und Schleswig-Holstein haben Trauerbeflaggung für ihren Ehrenbürger angeordnet. Der Eichensarg wurde im Michel aufgebahrt. Die religiöse Feier mit Musik von Johann Sebastian Bach und Felix Mendelssohn Bartholdy leitete der Hauptpastor des Michels, Alexander Röder. Im Anschluss an die Trauerfeier war ein Senatsempfang im Hamburger Rathaus, für den Nachmittag die Beisetzung im engsten Familienkreis vorgesehen.

feb/dpa

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geotie 28.10.2014
1.
Meine Worte lauten nur: Ruhe in Frieden. So wie er kann ich leider nicht schreiben.
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