Mathe bei den "Simpsons" Die Welt ist ein Donut

Zahlenspiele in Springfield: In seinem neuen Buch "Homers letzter Satz" weist der Brite Simon Singh nach, wie die Autoren der Zeichentrickserie "Die Simpsons" dem Publikum heimlich Matheunterricht geben. Weit mehr als hundert Beweise hat er dafür gefunden.

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Keine Serie auf der Welt ist so überschätzt wie "Die Simpsons". Gleichzeitig aber auch so intelligent. Deshalb musste die gelbe Zeichentrick-Familie aus Springfield schon für fast jedes gesellschaftliche Thema herhalten: Philosophen verglichen Bart Simpsons Charakter mit Nietzsche, Psychologen analysierten die moralische Motivation von Mutter Marge. Und Homer? D'oh! Der Stereotyp der amerikanischen Arbeiterklasse ist zwischen Brillanz und Dummheit sowieso ein eigenes Phänomen.

"Die Simpsons" sind ein Gesamtkunstwerk unserer Zeit. Schriftsteller Daniel Kehlmann nannte sie im SPIEGEL "die Synthese von Disneyscher Buntheit und Tolstoischer Charakterzeichnung, von Voltaires Schärfe und der massenkompatiblen Präsenz von Pepsi, Starbucks und Burger King". Kurz: "Die Simpsons" machen jedes Thema sexy.

Der britische Autor und Wissenschaftsjournalist Simon Singh verpasst der Serie nun den nächsten intellektuellen Ritterschlag. Er hat das Mathebuch "Homers letzter Satz - Die Simpsons und die Mathematik" geschrieben. Dort behauptet er: Seit der ersten Folge geben die Autoren dem Publikum heimlich Matheunterricht. Weit mehr als hundert Beweise hat er dafür gefunden. Manche sind offensichtlich, so wie in der Episode "The Lisa Series" aus dem Jahr 2010: Darin wird die "Simpsons"-Tochter Baseball-Trainerin und führt ihr Team mit den Grundlagen der Statistik zum Sieg. In einer anderen Folge erwischt Homer sein Kind bei dem Versuch, ein Perpetuum mobile zu bauen. Er mahnt: "Lisa, in diesem Haus gehorchen wir den Gesetzen der Thermodynamik!"

Andere Mathe-Anspielungen werden in der Serie nur für Sekunden gezeigt: die Zahl 8191 etwa. Sie gilt als sogenannte Mersenne-Primzahl und soll Mathematiker in Verzückung versetzen. Richtig sehen kann man die Ziffern nur, wenn man in der Episode "Marge and Homer Turn a Couple Play" das Bild anhält, während im Footballstadion von Springfield die Anzeigentafel aufleuchtet.

Die Comedy-Schreiber sind ein Club von Mathematik-Nerds

Aber wie hat es die prominente Primzahl in die Serie geschafft? Warum stellt Serien-Streber Martin Prince plötzlich eine Matheformel zum Verhältnis zwischen Lehrernähe und Unfug auf? Oder weshalb beschäftigt Homer sich in der US-Primetime mit einem Mathe-Problem aus dem 17. Jahrhundert?

Für sein Buch ist Singh zu den Autoren nach Los Angeles gereist. Er findet heraus: Die Comedy-Schreiber der Simpsons sind ein Club von Mathematik-Nerds. Viele haben an Elite-Unis studiert, manche in Mathematik promoviert. Die Autoren lieben Zahlenspiele. Über Jahre haben sie deshalb Insider-Gags in die Skripte geschrieben. Wenn Homer die Form des Universums mit Hilfe eines Donuts erklärt, dann ist das kein Zufall, sondern beruht auf mathematischen Tatsachen.

"Simpsons"-Nerd Singh hat diese Witze nun auf 320 Seiten konserviert. Dabei geht er in jedem Kapitel gleich vor: Zunächst reißt Singh eine Episodengeschichte an und schweift langsam in die Welt der Dezimalzahlen oder Algebra-Grundlagen ab. Das wirkt mitunter etwas konstruiert. Das Talent von Singh ist es jedoch, Mathematik in eine unterhaltsame Sprache zu verwandeln. Wer nicht aufpasst, hat plötzlich zehn Seiten über Wahrscheinlichkeitsrechnung gelesen, bis er merkt, dass Homer und Bart gar nicht auftauchen.

Singh hat schon einmal bewiesen, dass er so etwas kann. In seinem Buch "Fermats letzter Satz" erzählt er das Geheimnis einer Matheformel so spannend, dass auch Mathehasser den Rechenschieber auspacken. Singh hat selbst in Cambridge einen Doktortitel in Teilchenphysik gemacht. Er verweist auf die Nähe von Matheaufgaben und Witzen: "Beide müssen sorgfältig aufgebaut werden, beide brauchen ein überraschendes Ende, und im Prinzip haben beide eine Pointe."

Die Schwächen im Buch zeigen sich in der deutschen Übersetzung der detailverliebten Wortspiele: Wenn Baby Maggie mit Bauklötzen die Buchstaben "EMCSQU" stapelt, dann ist das die berühmteste Matheformel der Welt. Dafür muss aber zunächst erklärt werden, dass die letzten drei Buchstaben "SQU" für das englische Wort "Square", also "Quadrat" stehen. Erst dann zündet der Einstein-Gag: "E ist gleich m Mal c im Quadrat." Eher anstrengend, diese erklärten Witze.

Springfield als Subtext für höhere Mathematik

Natürlich entsteht aus Mathe-Witzen noch kein Bildungsfernsehen, und das Buch macht aus einem "Simpsons"-Fan keinen Mathematiker. Es ist eine Nerd-Bibel. Trotzdem scheut Singh sich nicht, auch hochkomplexe Mathe-Phänomene auf einfach nachvollziehbare Weise zu erklären. Diesen Trick benutzen inzwischen auch Hochschuldozenten. Um mathematische Formeln und Theorien zu veranschaulichen, werden Beispiele mit den "Simpsons" im Internet gesammelt und als Arbeitsblätter veröffentlicht.

Und noch etwas gelingt Singh mit diesem Buch: Ein cleverer Streifzug durch die Mathematik-Historie der vergangenen Jahrhunderte. Dabei sind seine Erzählungen über Mathematiker wie Paul Erdös, Sophie Germain, Leonhard Euler oder Srinivasa Ramanujan allerfeinster Mathe-Gossip. "Unsere Gesellschaft bewundert zu Recht große Musiker und Literaten, doch der einfache Mathematiker wird selten auch nur erwähnt", schreibt der Autor.

So gelingt es Singh, die Mathematik in die Nähe der Populärkultur zu rücken. Gerade mit den Simpsons funktioniert das wunderbar: Springfield in einem Subtext für höhere Mathematik. Die Hingabe der Serien-Autoren ist dabei oft verblüffend: Produzent David X. Cohen erfand für eine Folge sogar ein eigenes mathematisches Paradoxon.

Beim Fernsehen sei man schnell unzufrieden, wird Cohen im Buch zitiert: "Wenn man die Gelegenheit hat, das Gesprächsniveau zu heben - und vor allem die Mathematik zu rühmen -, gleicht das die Tage aus, an denen man Witze über Körperfunktionen schreiben muss." Mathematiker sind häufig die Opfer von Spott. In diesem Buch machen sie die Witze. Simon Singh hat nur ihre Ergebnisse notiert.


Simon Singh: Homers letzter Satz - Die Simpsons und die Mathematik. Aus dem Amerikanischen von Sigrid Schmid. Hanser Verlag, München; 320 Seiten; 21,50 Euro.



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qawsed 20.11.2013
1. U und E
Man kann von der amerikanischen Unterhaltungsindustrie halten was man will (ich finde sie zum k.....), aber dort, wo sich die U und E Genre-Grenzen auflösen, hat sie zweifellos bedeutendes hervorgebracht.
Rastaflip 20.11.2013
2. Simpsons Mathematik ist nur ein Vorgeschmack
Wer denkt, dass bei Simpons viel Mathe auftaucht, sollte sich mal dieses "Wired" Interview mit den Futurama Machern durchlesen: http://www.wired.com/underwire/2013/11/futurama-math/ Bei der Serie sind sie deutlich weiter gegangen. Von eigens entworfene Aliensprachen bis hin zu einem echten mathematischem Beweis (Keeler- bzw. Futurama Theorem) ist der Serie vollgestopft mit Mathematik. Umso ärgerlicher, dass die Simpsons bereits in der 25. Staffel sind, während Futurama grade mal wieder abgesetzt wurde.
Kauzboi 20.11.2013
3. Ärgerlich
Ärgerlich ist vorallem, dass die Simpsons seit 14 Staffeln immer schlechter werden. Nur die ersten 10 Jahre waren wirklich so wie sie sein sollten - danach wurde es jedes Jahr dümmer. Versteckte Mathematik hin oder her.
WilhelmhHoppenstaedt 20.11.2013
4. Bart Simpsons erster Satz:
Zitat von sysopAP/ FoxZahlenspiele in Springfield: In seinem neuen Buch "Homers letzter Satz" weist der Brite Simon Singh nach, wie die Autoren der Zeichentrickserie "Die Simpsons" dem Publikum heimlich Matheunterricht geben. Weit mehr als hundert Beweise hat er dafür gefunden. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/simpsons-mathematik-in-der-kult-serie-a-934432.html
Das amerikanische Treuegelöbnis (Pledge of Allegiance) endet nicht mit "Hail Satan"! Zu Beginn einer Folge musste dies Bart Simpson zig mal an die Schultafel schreiben. ;-)
BlakesWort 20.11.2013
5.
Sowohl die "Simpsons" als auch "Futurama" haben mittlerweile alle Geschichten erzählt. Einige Episoden waren großartig - "Das Glück des Philip J. Fry" (Originaltitel: The Luck of the Fryrish), nur als Stellvertreter zu nennen. Sonst sind die Figuren mittlerweile platt und die Fans schauen wohl eher aus Gewohnheit, denn der Unterhaltung wegen. Wer es richtig nerdig mag, schaut wohl inzwischen "The Big Bang Theory", deren humoristische Qualität mit der Auserzählung von drei Hauptfiguren (Penny, Leonard, Howard) merklich nachgelassen hat.
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