Integration "Muslimische Männer müssen Schwächen zulassen"

Gefangen zwischen archaischen Stereotypen und moralischer Bigotterie? Die Publizistin Sineb El Masrar hat sich mit "dem muslimischen Mann" auseinandergesetzt. Aber gibt es den so pauschal überhaupt?

Betender Muslim
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Ein Interview von


Zur Person
  • privat
    Sineb El Masrar, 36, lebt als freie Autorin in Berlin und wurde als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren. Im Jahr 2006 gründete sie das multikulturelle Frauenmagazin "Gazelle". Von 2010 bis 2013 war sie Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. El Masrar hat die Bücher "Muslim Girls - Wer wir sind, wie wir leben" (2010, Eichborn Verlag) und "Emanzipation im Islam" (2016, Herder) geschrieben, nun erscheint ihr neues Werk "Muslim Men - Wer sie sind, was sie wollen".

SPIEGEL ONLINE: Frau El Masrar, Sie haben ein Buch über muslimische Männer geschrieben. Wer soll das lesen?

El Masar: Alle, die sich immer fragen: Warum laufen diese Männer mit Messern durch die Gegend, warum unterdrücken die ihre Frauen? Also im Prinzip die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die nicht muslimisch ist, und wegen der Flüchtlingsdebatte viele Fragen und einseitige Bilder im Kopf hat. Aber auch die muslimischen Männer. Ich habe das Buch für sie geschrieben, weil viele unglücklich sind.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch teilen Sie die Männer ein in "Berufsmuslim", "Gastarbeiter" oder auch "Transenmutti". Wünschen sich Männer, so klassifiziert zu werden?

El Masrar: Ich habe niemanden eingeteilt. Das sind Bezeichnungen, die die Männer selbst oder andere für sie gewählt haben. Viele haben mir erzählt, wie sie unter dem teils archaischen Männlichkeitsbild, den Traditionen und der Ignoranz des Umfelds leiden, in dem sie aufgewachsen sind. Sie können selten über Ängste reden. Es ist aber wichtig, ihnen zuzuhören. Nur eben ohne dabei den Humor zu verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Illustrationen von bärtigen Kerlen und Klischee-Muslimen auf dem Titel humorvoll gemeint?

El Masrar: Es ist ja nicht alles dramatisch in der Welt der muslimischen Männer. Da geht es auch um Mode und den richtigen Bartstyle. Ein Augenzwinkern kann auch bei diesem Thema nicht schaden.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Thema wirklich lustig? Deutschland hat aktuell mit einem Rechtsruck und Islamophobie zu kämpfen.

El Masrar: Und mit Islamismus! Das ist natürlich alles nicht lustig. Ich möchte nur mit etwas Humor den Druck aus der Debatte nehmen. Die Diskussionen um Muslime werden immer sehr bedeutungsschwer geführt. Humor erleichtert hier den Zugang und verdeutlicht auch die Absurditäten, mit denen viele dieser Männer konfrontiert sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich in Gesprächen mit muslimischen Männern auseinandergesetzt und die Begegnungen mit Gastarbeiterkindern, Unternehmensberatern und Sexarbeitern episodenhaft aufgeschrieben. An einer Stelle geht es um einen Viagra-Dealer, der eine Moschee beliefert.

El Masrar: Der Potenzmitteldealer! Seine Zielgruppe sind unter anderem Moscheebesucher und Imame. Ausgerechnet Imame, die für eine besonders rigide Moral stehen, besorgen sich illegal Viagra. Es wird auf jeden Fall Muslime geben, die mein Buch ablehnen, weil sie nicht wollen, dass eine Bigotterie wie diese ans Tageslicht kommt. All die, die unter den Verhältnissen leiden, sind aber froh, dass so viele Männer sich geöffnet haben. Der Islam ist nicht der Hauptgrund, warum sie ein Problem damit haben, in Beziehungen zu leben und sich in die Gesellschaft einzubringen.

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Sineb El Masrar:
Muslim Men

Wer sie sind, was sie wollen

Verlag Herder; 256 Seiten; 20 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was dann?

El Masrar: Es sind die patriarchalen bis archaischen Lebensumstände, in denen sie aufwachsen. Daraus resultiert auch ein Frauenbild, das oft nur die Rolle der Mutter und Hure kennt. Wenn sich jemand extremistischen oder kriminellen Gruppierungen anschließt, dann hat das viel mit den Erfahrungen in der Familie zu tun, nicht unbedingt mit Religion. Man muss sich die Biografien genau ansehen und nicht pauschalisieren: Ah, weil die männliche Muslime sind, ist also dieser Weg für sie vorbestimmt! Wir müssen nüchterner auf diese Männer schauen.

SPIEGEL ONLINE: Wie?

El Masrar: Nicht entschuldigend, aber zugewandt. Viele leiden unter der patriarchalen Gesellschaft, in der sie aufgewachsen sind. Sie haben alle Freiheiten, aber gleichzeitig erleben sie einen großen Druck, weil sie allein verantwortlich sind, eine Großfamilie zu ernähren. Oder sie sind die Söhne von Müttern, die sie gar nicht haben wollten, aber Kinder kriegen mussten, weil Verhütung angeblich "haram" sei - also nach islamischem Glauben verboten. Oder sie lieben eine Frau, mit der sie nicht zusammen sein dürfen, weil sie den "falschen" Glauben hat. Oder sie lieben Männer und dürfen das auch nicht.

SPIEGEL ONLINE: Was wünschen Sie sich für Veränderungen?

El Masrar: Ich will Männern vermitteln: Nutzt die Freiheit, die ihr hier habt, um eure Dämonen zu überwinden, vielleicht eine Therapie oder ein neues Leben zu beginnen. Islamismus etwa ist ja für viele eine Ersatzfamilie. Auch ist gewalttätiges Verhalten nicht zu entschuldigen. Wenn jemand auf der Flucht um sein Überleben kämpfen musste, ist das schlimm, aber kein Grund dafür, andere Menschen mit einem Messer anzugreifen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden Anfang der Achtzigerjahre in Hannover geboren, Ihre Eltern waren marokkanische Einwanderer. Hat Ihnen das bei der Recherche geholfen?

El Masrar: Natürlich kommt mir mein Wissen um den Islam und Muslime zugute. Aber wenn sie fair bleiben, ist es eigentlich egal, ob sie christlich sind oder muslimisch. Je nachdem, wer mein Gegenüber ist, werde ich auch mal als Muslimin wahrgenommen, mal nicht.

SPIEGEL ONLINE: Finden Sie es rassistisch, wenn Deutsche fragen, woher Sie kommen?

El Masrar: Für mich ist die hysterische Auseinandersetzung mit dieser Frage eher ein Zeichen dafür, dass viele ein Problem mit der eigenen Identität haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

El Masrar: Meine Identität besteht aus vielen Facetten. Das, was zum Beispiel meinen marokkanischen Teil ausmacht, ist in meiner Familie begründet, die mich intensiv mit der Kultur vertraut gemacht hat. Das erkläre ich gerne, solange die Frage aus aufrichtigem Interesse gestellt wird. Viele kennen aber gar nicht wirklich ihre eigene türkische oder afghanische oder bosnische Kultur. Was für sie Deutschsein bedeutet, können sie auch nicht erklären, weil sie nach wie vor als Deutsche nicht völlig anerkannt werden. Die Identitätsbildung ist noch nicht abgeschlossen. Daher reagieren sie oft gereizt auf solche Fragen nach der Herkunft. Und was bei dieser Diskussion völlig in den Hintergrund rückt: Wir Migranten-Nachkommen wollen selbst immer wissen, woher jemand stammt: Ist der Türke, Kurde oder ist der Perser?

SPIEGEL ONLINE: Sie greifen auch die Debatte um Mesut Özil auf, der sich ja nicht zugehörig fühlt.

El Masrar: Özils PR-Verhalten war verantwortungslos. Die volle Akzeptanz wird es nie von allen geben. Auch nicht als Kurde, Armenier oder Türke in der Türkei. Es gibt immer jemanden, der dich nicht akzeptieren wird, weil du aus diesem Dorf stammst oder jene Konfession hast. Wenn jemand gefestigt ist in seiner Persönlichkeit, dann löst er sich davon, ob Peter von nebenan oder Heinz aus der Firma ihn akzeptieren. Viele Menschen in diesem Land sind einem sehr wohlgesonnen, das muss man aber selbst sehen wollen. Wir können uns hier alle frei entfalten. Am Ende geht es, so pathetisch es klingt, ums Herz und die Absicht, die hinter dem eigenen Handeln steht.

SPIEGEL ONLINE: Worum geht es Ihnen?

El Masrar: Wollen wir alle friedlich zusammenleben oder nicht? Wenn das Konsens ist, ist es egal, ob jemand religiös ist oder nicht. Alle in der Gesellschaft sind gefragt. Viele muslimische Männer müssen aber auch reden lernen, Schwächen zulassen, Verantwortung für sich übernehmen. Auch im Interesse der Jungs, die jetzt gerade durch den Geburtskanal gepresst werden und nicht in einer Gesellschaft leben sollen, die sie vorverurteilt, weil sie Hassan oder Oussama heißen.

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