Geschlechterrollen Der Schwindel mit dem Schwanz

Ist Kunst mehr wert, wenn sie von Männern gemacht wird? In ihrem neuen Roman "Die gleißende Welt" porträtiert Siri Hustvedt eine Frau, die der Kunstwelt ihren Chauvinismus beweisen will.

Autorin Hustvedt: Interessiert an Neuropsychologie
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Autorin Hustvedt: Interessiert an Neuropsychologie

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Im gleichen Jahr, in dem Siri Hustvedt überall auf der Welt für ihren vierten Roman "Die Leiden eines Amerikaners" gefeiert wird, führen vier Wissenschaftler in Kalifornien ein Experiment durch. Die Wissenschaftler wählen für dieses Experiment elf männliche Probanden aus, die alle Rotwein mögen und gelegentlich trinken. Über eine Pumpe wird ihnen Wein in den Mund eingeflößt, während ihre Hirnaktivitäten mit funktioneller Magnetresonanztomografie beobachtet werden.

Die Probanden glauben, fünf verschiedene Sorten Cabernet Sauvignon zu probieren, die zwischen fünf und neunzig Dollar kosten. Tatsächlich aber verabreichen die Wissenschaftler ihren Probanden zweimal Proben vom gleichen Wein. Ihre Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Probanden nicht nur der festen Überzeugung sind, fünf verschiedene Weine getrunken zu haben, sondern dass die Hirnareale, die für Vergnügen zuständig sind, umso aktiver sind, je teurer der Wein nach Ansicht der Probanden ist. Unabhängig davon, wie der Wein tatsächlich schmeckt. Unabhängig davon, wie viel er tatsächlich kostet.

Es ist eine dieser Studien, die normalerweise in populärwissenschaftlichen Büchern für Marketingexperten zitiert werden, nicht aber in der "Vogue". Doch als deren deutsche Ausgabe Hustvedt 2014 zu einem großen Gespräch mit der Schauspielerin Barbara Sukowa bittet, erzählt Hustvedt plötzlich von dem messbaren Vergnügen im Gehirn, von dem Wein, von den Probanden. Und sie sagt: "Mich interessiert, wie das ganz unbewusst verwischt, während wir weiter glauben, das alles sauber trennen und rationale Bewertungen abgeben zu können."

Hinter dem großen Schwindel

Wenn Reporter Hustvedt in ihrem Backsteinhaus in Brooklyn treffen, das sie mit ihrem Mann Paul Auster bewohnt, beschreiben die Interviewer hinterher oft die neuropsychologischen Bücher, die sich auf dem Beistelltisch neben Hustvedts grünem Samtsessel im Erkerzimmer stapeln.

Hustvedt interessiert sich für soziopsychobiologische Realitäten, wie sie sagt. Sie interessiert sich für die Frage, ob es so etwas wie nackte, rohe Wahrnehmung überhaupt geben kann. Oder ob und wie die Wahrnehmung von unserem Wissen, unseren Annahmen, unserer Kultur geformt wird.

Nun hat sie einen Roman über die Frage geschrieben, ob wir Kunst unterschiedlich wahrnehmen - je nachdem ob ein Künstler oder eine Künstlerin sie geschaffen hat. "Die gleißende Welt" heißt er und beginnt mit dem Satz: "Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann."

Masken, die enthüllen sollen

Dieser Satz stammt von der Romanfigur Harriet Burden. Konsequenterweise darf sie ihn jedoch nicht direkt sagen. Sie hat ihn aus einem Leserbrief an eine Kunstzeitschrift, geschrieben von einem männlichen Leser. Burden ist eine dieser Künstlerinnen, die, wie sie fest glaubt, aufgrund ihres Geschlechts in der Öffentlichkeit nicht angemessen wahrgenommen wird.

Der Leserbriefschreiber entpuppt sich aber nur wenige Zeilen später als Pseudonym Burdens. Und auch das ist konsequent, weil so bereits der erste Satz die ganze Essenz dieses Romans enthält.

Burden nämlich, die lange dazu verdammt war, die Ehefrau eines Kunstszenenpromis zu sein, nutzt die Freiheit nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes zu einem gewaltigen, einem gefährlichen, einem zum Scheitern verurteilten Experiment: Sie bringt drei verschiedene männliche Künstler dazu, ihre Kunst als die eigene auszustellen.

In ihrem Notizbuch schreibt sie: "Die Griechen wussten, dass die Maske im Theater keine Verkleidung ist, sondern ein Mittel der Enthüllung." Burden will mithilfe der Masken die Misogynie der Kunstwelt enthüllen. Doch beim dritten Mal geht ihr Plan nicht auf. Der Künstler Rune behauptet, die Maske sei sein wahres Gesicht; er sei der Künstler und Burden eine Lügnerin.

Alles, wirklich alles, hat Bedeutung

Der Roman setzt nach dem Tod Burdens ein. Er rekonstruiert ihr Experiment, indem er Fragmente ihres Tagebuchs, Berichte von lebenden Familienmitgliedern und Freunden, alte Interviews und Ausstellungsbesprechungen aneinanderreiht. Es entsteht ein Porträt Burdens in Form einer literarischen Collage. Künstler kommen zu Wort, Kritiker, ihre nüchterne Tochter, ihr Sohn, der Schriftsteller.

Die Kritikerin Susanne Mayer hat im Feuilleton der "Zeit" bemängelt, dass all diese Elemente auseinanderstreben. In der "New York Review of Books" wurde kritisiert, die Stimmen der besten Freundin und der Tochter klängen so ähnlich, dass sie kaum auseinanderzuhalten seien.

Vor allem aber löse die Menge an Fußnoten, an Verweisen, an Zitaten das Gefühl aus, eine geisteswissenschaftliche Prüfung zu durchlaufen. Husserl. Freud. Frankenstein. Kierkegaard. Hegel. Judith Butler. Alles, wirklich alles scheint in diesem Roman Bedeutung zu haben - schon angefangen beim Titel, der einen Roman von Margaret Cavendish zitiert.

Tatsächlich ist dieser Roman zu gleichen Teilen anstrengend und anregend. Ständig muss man sich zwischen Mühsal und schlechtem Gewissen entscheiden. Liest man diese und jene Fußnote zur Gänze?

Aber befreit man sich davon, wissen zu müssen, inwieweit Burdens Kunst wohl an die Skulpturen der feministischen Bildhauerin Louise Bourgeois erinnern soll oder ob man die thematische Verwandtheit zu Virginia Woolfs "Orlando" nachvollziehen kann, und würde man dann während des Lesens die Hirnareale mit funktioneller Magnetresonanztomografie beobachten, so sähe man vermutlich noch größere Aktivität in dem Bereich, der für Vergnügen zuständig ist, als während des Trinkens irgendeines teuren Weins.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Yash_ 29.04.2015
1. Eins nach dem anderen:
"Alle intellektuellen und künstlerischen Unterfangen, sogar Witze, ironische Bemerkungen und Parodien schneiden in der Meinung der Menge besser ab, wenn die Menge weiß, dass sie hinter dem großen Werk oder dem großen Schwindel einen Schwanz und ein paar Eier ausmachen kann." Dem entgegne ich: "Dieses künstlerische Unterfangen mit all seinen Witzen und ironischen Bemerkungen hat es in diese Kolumne geschafft, weil dahinter ein paar Titten und eine Mumu standen!" -->> klargeworden?
bonngoldbaer 29.04.2015
2.
In Wirklichkeit ist es doch dank der jahrzehntelangen Aktivitäten von Frau Schwarzgeld genau umgekehrt. Die meisten Leistungen von Frauen werden überbewertet, weil sie Frauen sind. Natürlich gibt es auch J.K. Rowling und ein paar andere Frauen, deren Leistungen man gar nicht überbewerten kann.
hinschauen 29.04.2015
3.
Also Huvstedt erfindet eine Romanfigur, die eine vermeintliche Macho-These aufstellt, die dann von einer anderen Romanfigur widerlegt wird? Und das wird mit Fußnoten (realen oder erfundenen?) widerlegt? Klingt furchtbar wirr. Frage: Wäre ein solcher Stoff von einem Mann geschrieben worden - hätte man das Werk dann ernsthaft bei Spon besprochen? Ich glaube, man hätte es ignoriert oder verissen. Hoppla - habe ich jetzt gerade die Gegenthese zu Frau Huvstedt aufgestellt?
Axel Schön 29.04.2015
4. Zur Bestsellerliste.
Ist schon jemandem aufgefallen, dass Jussi Adler-Olsen sich schamlos der Sprache der Titel-Trilogie von Stig Larsson bedient (Verblendung, Verdammnis, Vergebung) in dem er nun einen Krimi mit dem Titel "Verheißung" lanciert hat? Offenbar mit Erfolg - steht ja auf Platz eins Ihrer Bestsellerliste. Egal wie erfolgreich diese Masche sein mag, die nicht zwingend vom Schriftsteller selbst gewählt sein muss, es ist billige Marketingstrategie und leicht geschmacklos!
koenigludwigiivonbayern 29.04.2015
5. Pseudowissenschaft
Ich lag im Rahmen eines Forschungsprojektes dreimal in einem fuktionellen MRT (Kernspin). Einmal auf MDMA-Racemat (Ecstasy), einmal auf linksdrehendem MDMA (Eve) und einmal nicht auf Droge. Das einzige Mal, daß ich es lustig fand, war auf Ecstasy, weil ich dachte, der Lärm gehöre zu einer Techno-Disco. Die anderen Male war es das, was es ist: heiß, eng, dunkel und extrem laut. Wenn man mir dazu noch über eine Pumpe irgendeinen Kalifornischen Fusel eingeflößt hätte, hätte ich den postwendend in die Röhre gereihert, egal was er kostet. Irgendeine Art von "Vergnügen" hätte mir das nicht bereitet, egal was er gekostet hätte, zumal ich gewußt hätte, daß die Pumpe aufgrund des 1.2 Teslar-Magneten des MRT-Gerätes außerhalb des Raumes aufgestellt werden muß und der Zuführungsschlauch mindestens 15 m lang ist, wodurch der Wein warm wird, nach PVC schmeckt und alle möglichen Keime und Pilze enthält, die sich in 15m vorgewärmtem Plastikschlauch eben so absetzen können.
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