Skandal-Cartoonist Jean-Marc Reiser Die Sau, ganz ohne Maske

Er galt als jugendgefährdend - und wurde von Alice Schwarzer gelobt: Der Franzose Jean-Marc Reiser war einer der wichtigsten Cartoonzeichner der siebziger und achtziger Jahre. Fast 30 Jahre nach seinem Tod wird sein Werk wiederentdeckt. Es ist zotig, anarchisch und bemerkenswert aktuell.

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Wenn es einen Zeichner gibt, dessen Werk schlecht hätte altern können, dann ist das Jean-Marc Reiser (1941-83). Wie die verblassten Provokationen einer fernen Zeit könnten seine Cartoons heute wirken - geht es in ihnen doch äußerst derb zu. Und was ist schneller abgestanden als ein unanständiger Witz?

Umso erstaunlicher, die Arbeiten Reisers wieder aufzuschlagen und festzustellen: Das ist ja herrlich, was Reiser damals, vor 30 Jahren, gemacht hat. Nun veröffentlicht der Zürcher Verlag Kein & Aber Reisers Arbeiten neu, zunächst in vier Bänden. Und das Frankfurter Caricatura Museum würdigt den Zeichner zu seinem 70. Geburtstag mit einer großen Ausstellung mit rund 240, zum Teil unveröffentlichten Originalblättern.

Bekannt geworden war der Franzose in Deutschland erst Mitte der Achtziger. Die "Titanic" druckte seine Bildgeschichten, der Semmel Verlach publizierte seine Sammelbände. Es war eine Zeit, als die Hauszeichner des Satiremagazins, unter ihnen F.K. Waechter oder Robert Gernhardt, den genialen, anarchischen Aberwitz, der sie einst auszeichnete, verloren hatten. In den Karikaturspalten der großen Zeitungen sah man noch immer die abstrakt wirkenden Strichgebilde von Künstlern wie Paul Flora gleichsam über dem Alltag schweben. So erfolgreich wie "Werner", der motorradfahrende Held des Semmel Verlachs, war sowieso keiner. Auch nicht so redundant: "Tass Kaff", "Flasch Bier" - und noch mal 'ne Runde! Cartoons waren nicht mehr, wie in den Siebzigern, unangepasst, verrückt. Cartoons waren langweilig geworden.

Reisers Cartoons krachten wie ein Meteorit in diese Welt. Sein Strich war wüst und treffend, sein Humor grob und dünnhäutig, man konnte ihn auf den ersten und auch den zweiten Blick für einen Sexisten halten, und doch verteidigte ihn Alice Schwarzer: "Er legt die Geschlechterverhältnisse offen, schreit sie hinaus."

Ein Mitarbeiter des Jugendamts Kassel sah in Reisers Bildern 1988 "Machwerke härtesten Kalibers". Er stellte einen Indizierungsantrag bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften. Darin monierte er unter anderem: "Seite 13 GV mit Wildschwein". Es ist eine typische Reiser-Zeichnung. Ein Eber macht sich, während die Bache alle Viere von sich streckt, voller Wut und in eindeutiger sexueller Absicht, über den Jäger her: "Du hast meine Frau getötet, Du wirst sie ersetzen!"

"Letzten Meldungen zufolge ist die Lage unverändert"

Kaum vorstellbar, dass sich darüber heute noch irgendein Sozialarbeiter aufregen würde. Eltern und Erzieher beargwöhnen heftige Seiten im Internet, Gewaltspiele. Die Überschaubarkeit der humoristischen Lager ist längst dem fast alle Werte ins Lächerliche ziehenden Comedysperrfeuer gewichen. Und manche öffentliche Figur, die in den Achtzigern als linksalternativ galt, vertritt mittlerweile eine Meinung, die ganz rechts Zustimmung finden könnte. Das gilt auch für Alice Schwarzer und ihre Islamkritik.

Doch Reiser, der große Reiser, hat sich im Lauf der Jahre vom Meteoriten zu Monolithen entwickelt. In seinem Band "Der Schweinepriester" ist die Hauptfigur ein unrasierter, stinkender Bursche, der den ganzen Tag mit nichts anderem als einer schlabberigen weißen Unterhose bekleidet herumläuft. Mit ihm hatte sich Reiser einen denkbar schwierigen Helden ausgesucht: Faul, das ginge ja noch - ist irgendwie auch eine Art Weigerung, das Spiel, das sich Kapitalismus nennt, mitzumachen. Aber der Schweinepriester ist auch dauergeil, distanzlos, unverschämt. Die Sau, ganz ohne Maske. Erinnert ein bisschen an Mario Barth. Doch hätte der Schweinepriester niemals für ein Elektrokaufhaus werben können. Anders als Barth ist Reisers Figur keine Glorifizierung der Ignoranz, sondern ihre Überzeichnung. Dass Reiser seinem Schweinepriester gleichwohl zu gelegentlich aufblitzendem Charme, Witz und einer höchst lebendigen Mimik verholfen hat, zeigt ihn als großen Humanisten.

Reiser war immer sehr drastisch - und ebenso grundsätzlich. Er nähert sich der Welt mit dem Instrumentarium des schonungslosen Analytikers. Dazu gehört, nichts zu verschleiern. Gerade diese prinzipielle Klarheit macht seine Cartoons zeitlos: "Letzten Meldungen zufolge ist die Lage unverändert" steht unter Reisers Bildgeschichte "Die Armen und die Reichen". Sie zeigt: Egal, wie die Armen die Reichen auch nachäffen - sie scheitern. Nicht einmal reich zu sein gelingt ihnen. Dann sind sie "neureich."

"Wer nicht raucht, kriegt Arschkrebs"

Erstmals erschienen ist dieser, nun im Band "Großartige Zeiten" wieder veröffentlichte, Cartoon im französischen Original 1976. 2011 ist "die Lage unverändert", nur, dass Mitte der Siebziger Karl-Theodor zu Guttenberg noch nicht als Verkörperung des smarten Upper-class-Lenkers galt, dass man "Reiche" noch "Reiche" und nicht "Besserverdienende" nannte und "Arme" nicht "Empfänger von Transferleistungen".

Reiser war kein belehrender, dogmatischer, aber ein politischer Karikaturist. Er war so kämpferisch wie verspielt: "Skandal! Die Reichen vergeuden Frischgemüse", steht in großem Lettern über einer seiner Zeichnungen. Darauf ein Herr mit Zylinder auf dem Kopf - und Rübe im Po: "Alles Lüge, hinterher ess ich sie auf."

Seine ersten Zeichnungen publizierte Reiser 1960 in dem französischen Satiremagazin "Hara-Kiri". Ab 1972 arbeitete er auch für das Umweltmagazin "La Gueule Ouverte", einem Vorläufer der Ökobewegung. Ein Titelbild Reisers für "Charlie Hebdo", ein anderes französisches Satireblatt, führte 1979 zu seiner Verurteilung wegen Beleidigung der Armee. Reiser arbeitete regelmäßig für "Le Monde" und den "Nouvel Observateur", er entwarf das Plakat zum Kinofilm "Das große Fressen" - man hatte in den Siebzigern schließlich auch ein Faible für den Genuss.

Die Umstände der Nahrungsmittelproduktion spielen in Reisers Cartoons eine geradezu visionäre Rolle: Es geht um Massentierhaltung, um Gewächshaussalat - aber nicht unbedingt um gesundes Leben. Als eine mürrische Alte einem Raucher anblafft: "Wer raucht, kriegt Lungenkrebs", erwidert der trocken "Wer nicht raucht, kriegt Arschkrebs."

Reiser selbst starb im November 1983 an Knochenkrebs. Teil seines Vermächtnisses ist auch, dass man in seinem Werk noch einmal die Zeit erleben kann, als Kraftwörter eine geradezu systemkritisch aufgeladene Strahlkraft hatten, als in Deutschland Hans Magnus Enzensberger ein Gedicht mit dem Titel "Die Scheiße" veröffentlichte und Peter Rühmkorf in seinem Buch "Über das Volksvermögen" zotige Pennälerlyrik sammelte. Jedes Schimpfwort ein lustvoll zelebrierter Tabubruch.

Das ist vorbei. Der nonkonformistische Zauber der Zote hat sich abgenutzt. So manches Kind der siebziger oder achtziger Jahre achtet als Erwachsener auf bürgerliche Umgangsformen und verbietet den eigenen Kindern genau die Ausdrücke, die es früher so gern benutzt hat. Und im HipHop deutscher Ghettorapper wurden Schimpf- und Sexwörter mit so viel neuer Negativität aufgeladen, dass sie für intellektuelle Oppositionspositionen fast gänzlich untauglich geworden sind.

Schlechte Zeiten für verbale Derbheiten? Nicht ganz. Sind doch bei Reiser auch die Kraftwörter hervorragend gealtert.

"Vive Reiser", Caricatura Museum Frankfurt, 10. Februar bis 26. Juni 2011. Laudatio zur Eröffnung: Alice Schwarzer

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