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Skandal-Fund: Forscher enthüllt Kafkas Pornosammlung

Neuer Impuls für die Forschung oder Sensationsgier eines Gelehrten? Ein britischer Forscher will demnächst in einem Buch belegen, dass Franz Kafka eine umfangreiche Pornosammlung besessen haben soll - und so mit dem "Heiligen-Image" des Literaten aufräumen.

Auch Geistesgrößen sind den fleischlichen Genüssen mitunter nicht abgeneigt. Diese Erkenntnis scheint dem renommierten britischen Kafka-Forscher James Hawes den Schock seines Lebens bereitet zu haben. "Es ist ziemlich unschön", zitiert die britische "Times" den Buchautor. "Unschön" findet er eine Reihe pornografischer Zeitschriften, die Franz Kafka im Haus seiner Eltern versteckt haben soll. "Das sind keine neckischen Postkarten vom Strand. Das ist richtiger Porno, ganz einfach", sagte Hawes. "Einiges davon ist recht finster, mit Fellatio durch Tiere und lesbischen Szenen."

Schriftsteller Franz Kafka: "Niemand hat jemals den Lesern seine Pornos gezeigt"
Getty Images

Schriftsteller Franz Kafka: "Niemand hat jemals den Lesern seine Pornos gezeigt"

Hawes stieß nach eigener Aussage zufällig in Bibliotheken in London und Oxford auf die Zeitschriften mit dem Titel "Der Amethyst". Deren Herausgeber war Franz Blei, der im Jahr 1908 erstmals Werke von Kafka veröffentlichte.

Nach der anfänglichen moralischen Empörung scheint nun bei Hawes ein dringendes Mitteilungsbedürfnis der Öffentlichkeit gegenüber gesiegt zu haben, und so wird er laut "Times" als erster Forscher in seinem Buch "Excavating Kafka" Beispielmotive aus diesen Zeitschriften zeigen. Für ihn geschieht das mit der löblichen Absicht, die Kafka-Forschung aus ihrer selbstverschuldeten Verlogenheit zu führen.

"Forscher haben so getan, als würde dies nicht existieren. Die ganze Kafka-Industrie will solche Dinge über ihr Idol nicht wissen", sagte Hawes. Der in Prag geborene Schriftsteller habe bislang das Image eines "Heiligen". "Alles was Kafka geschrieben hat, jede Postkarte, die er verschickt hat, jede Seite seines Tagebuchs wird als potentieller Fund der Bundeslade angesehen - doch niemand hat jemals den Lesern Kafkas Pornos gezeigt."

Wie gut, dass endlich jemand diese Zivilcourage aufbringt, werden nun manche denken und mit roten Ohren zum Buchladen eilen. Kritischere Köpfe dagegen könnten fragen, ob des Literaten Interesse an Pornografie irgendwelche neuen Erkenntnisse über Leben und Werk zulässt. Über Kafka, zu dessen Hauptwerken "Die Verwandlung" und "Der Prozess" zählen, wurden bereits Hunderttausende Seiten an Forschungsarbeiten geschrieben. Doch Hawes will in seinem Buch mit zahlreichen Mythen aufräumen: etwa dass Kafka ein verschrobener Einzelgänger gewesen sein soll, dass er unter seinen extrem dominanten, verständnislosen Vater gelitten habe, und dass sein Genie vor seinem Tod im Jahr 1924 unentdeckt geblieben sei.

Hawes unterrichtet kreatives Schreiben an der Universität Oxford. Schon in seinem Buch "Why you should read Kafka before you waste your life" versuchte er, die menschlichen Seiten des Literaten zu beleuchten. "Excavating Kafka" erscheint am morgigen Donnerstag bei Quercus Publishing in England.

sto

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
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1. Neu? Skandal?
Friedrich G. Alte 07.08.2008
Wer Kafkas Tagebücher gelesen hat oder auch seine Prosawerke (z.B. Der Prozess, die Frau des Hausmeisters betreffend etc.) hat schon lange gemerkt, dass Kafka solchen Themen gegenüber sehr aufgeschlossen ist. Das ist weder neu noch ein Skandal. Aber offenbar hat niemand Kafka gelesen, auch die Macher von Spiegel online nicht, sondern alle reden und schreiben nur darüber.
2. Oh nein! Nackte Leiber und Genitalien! Rette sich wer kann!
descartes101, 07.08.2008
Zitat von sysopNeuer Impuls für die Forschung oder Sensationsgier eines Gelehrten? Ein britischer Forscher will demnächst in einem Buch belegen, dass Franz Kafka eine umfangreiche Pornosammlung besessen haben soll - und so mit dem "Heiligen-Image" des Literaten aufräumen. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,570381,00.html
Und jetzt? Riesenstory! (Gähn) Gut für Kafka, dass er sich nicht vom moralinsauren christlich-frömmelnden Mainstream in seinen Vorlieben einschränken liess. Das macht ihn nur umso sympathischer. Ein männlicher Homo sapiens über 14 Jahre, der Pornografie ablehnt, ist entweder geisteskrank, oder ein pathologischer Lügner. Normalerweise eher letzteres.
3. Porno=Skandal? Süß!
Lonesloane, 07.08.2008
Welcher Skandal? Die Pornosammlung beweist doch nur, daß Kafka ein authentischer Mensch war, und kein verkümmerter, bigotter Zombi. Die Scheinheiligkeit der Moralisten ist peinlich, aber anscheinend sollen wir uns ja selbst im 21.JHd immer noch dafür schämen was wir sind. Höchste Zeit, daß den Moralisten die Deutungshoheit entzogen wird.
4. Heiligen-Image?
PML, 07.08.2008
Kafka hatte ein Heiligen-Image? Komisch. Fiel mir nie auf. Glaubte jemand allen Ernstes, dass jemand, der Texte wie "Die Verwandlung" schreibt, nichts für anständig derben sämigen Sex übrig hätte? (ob konkret oder in Gedanken) Es ist eine Basis-Voraussetzung der Schriftstellerei, phantasiereich zu sein. Und Sex ist nun mal das, was Phantasie beflügelt. Ob man das bürgerlich mit "Porno" betitelt (Was hat es mit diesem ominösen Begriff Konservativer für unmittelbare körperliche Liebe eigentlich auf sich?) dürfte jedwedem Arbeiter der Phantasie reichlich schnuppe sein.
5. Des Frommen frohes Wirken
PML, 07.08.2008
Zitat von descartes101Und jetzt? Riesenstory! (Gähn) Gut für Kafka, dass er sich nicht vom moralinsauren christlich-frömmelnden Mainstream in seinen Vorlieben einschränken liess. Das macht ihn nur umso sympathischer. Ein männlicher Homo sapiens über 14 Jahre, der Pornografie ablehnt, ist entweder geisteskrank, oder ein pathologischer Lügner. Normalerweise eher letzteres.
Wäre ja nicht weiter schlimm. Aber die Kranken sind mit satter Mehrheit an der Macht. Psychopathologie scheint irgendwie Evolutionsvorteile zu bieten. Vielleicht hatte dieser Johannes Calvin DOCH recht mit seiner "Prädestinationslehre"? ;-) Man sollte dieses Phänomen Konservatismus doch wirklich mal unter psycho-medizinischen Gesichtspunkten untersuchen. Vielleicht gibt es auch ein GEN für Doppelmoral? Dann KÖNNTEN die gar nix dafür ...
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