Skandalautorin Hegemann wird 18 Endlich voll!

Einfache Feten sind megaout. Die umstrittene "Axolotl Roadkill"-Autorin Helene Hegemann feierte ihren 18. Geburtstag mit einer Buch-Release-Party in der Berliner Disco "Tresor". Erträglich war das eigentlich nur mit viel Alkohol und Drogen.

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DPA

Seit fünf Jahren läuft auf MTV "My Super Sweet 16". In dieser US-Reality-Show kann man verwöhnten Rich Kids dabei zuschauen, wie sie kurz vor der Megaparty zum 16. Geburtstag auf den Nerven ihrer betuchten Eltern herumtrampeln, einen Flunsch ziehen und brüllen: "Ich wollte doch einen silberglänzenden Rolls!!! Keinen goldglänzenden!!!" Am Ende jeder Folge steht die große Party, DIE Party, auf der jeder gewesen sein musste, auf der sich Teenies mit Sleak Hair und Paillettentops die Seele aus dem Leib kreischen, weil der Hauptact des Abends tatsächliche eine lokale Rapgröße ist und weil das Geburtstagskind im Helikopter eingeflogen wurde. Die Show wird auch im dem Megaparty-Ritual eher kühl gegenüberstehenden Deutschland gern gesehen: Man lernt eben nie aus, was anderer Menschen Träume betrifft.

Helene Hegemann hat am Freitag ihre persönliche "My Super Sweet 18"-Megaparty gefeiert. Eine von der Sorte, wie sie intellektuellere, von Intendanten-Hause aus eher mit Kultur als mit Geld gefütterten Teenies sich erträumen könnten: Ihren Erwachsenen-Geburtstag zelebrierte die Autorin zusammen mit dem Ullstein-Verlag und jeder Menge vor Aufregung hyperventilierender Feuilletonisten besten Alters beim offiziellen Buch-Release ihres Debütromans "Axolotl Roadkill" im Berliner Vintage-Technoclub "Tresor".

Dort ist es bunkerartig und dunkel, die Wände sind aus Stein, und rosafarbene Helium-Luftballons an der Decke verleihen dem Abend einen zurückhaltend-zarten festlichen Schimmer. Nach clubtypisch ewig langem Schlangestehen vertrinken die Literaturinteressierten (oder Facebook-Freunde, wie ein Fotograf mutmaßt) ihre Getränkebons und sinnieren darüber, wie lange die letzte anständige Sause her ist, bis endlich der Ullstein-Verlag eine Erklärung darüber verliest, warum man hinter Hegemann als klar des Plagiats überführte Autorin stehen bleibe: Sie habe weiland "senkrecht gesessen" bei der Lektüre des Hegemann-Exposés, sagt die Sprecherin, weil es so gut sei, und da man bei der nächsten Auflage auch sämtliche geklaute Ideen in einem Anhang transparent mache, stehe dem Buchgenuss sozusagen nichts mehr im Weg.

Tagebuch einer Teeniemaus

Dann lesen die frische Volljährige und ihre Freundin Laura eine kurze Passage aus dem Buch, in der Heroin konsumiert wird, danach gibt es laute Musik, und obwohl es erst kurz nach 22 Uhr ist, haben die Getränkebons und das konsequente Lichtgeschummer ihre Wirkung getan: Die meisten Leute sind längst in den Cluballtag übergeglitten, trinken, rauchen und schreien sich über die Beats hinweg an, als ob sie selbst gerade erst 18 und die nächsten Tage zum Ausschlafen frei wären.

Irgendwie bekommt Hegemanns Marsch durch die Kulturinstitutionen so auf eine angemessene Art die magere Relevanz, die ihm zusteht: Ideen, Formulierungen und Textpassagen klauen ist und bleibt auch in jeder Blogsphäre unsympathisch und lahm, denn Literatur ist Sprache, und wenn die nicht originär ist, kriegt man - wie in der Schule - keine Punkte. Historische Beispiele für's Abschreiben machen die Tatsache dabei keinesfalls besser: Sich unerlaubt anderer Menschen Kopfarbeit zu bedienen, ist doof, wer mit Copy-Paste jegliche Art von Content erzeugt, ist faul oder ahnungslos, wer das glaubt, was bei Wikipedia steht, ohnehin.

Der kruden Buchrelease-Inszenierung im Technoclub, die durch massenweise illegale echte Drogen oder zumindest dem garantiert nervenaufreibenden Warten bis morgens 4 Uhr an Authentizität gewonnen hätte, sieht man so einfach zu deutlich an, für wen und von wem sie gemacht ist: Ansonsten trifft man sich eher unter den unbarmherzigen Halogenleuchten einer Buchhandlung. Der medienträchtige Skandal mit der Geschichte um eine durch das Nachtleben taumelnde Minderjährige verwässert zu Recht zum Tagebuch einer Teeniemaus, die so viel Fantasie und so wenig Medienkompetenz hat, wie es ihrem Alter eben entspricht.

Aber es ist immer lustig, zuzuschauen, wie alte, imaginationsfreudige Feuilletonrecken schon wieder ein Buch nach dem Umschlag beurteilen, und der tatsächlich ganz schön sprachbegabten Hegemann so einen "My Super Sweet 18"-Traum bescheren, wie er utopischer nicht sein kann: "Zu meinem 18. Geburtstag möchte ich ein Buch auf der SPIEGEL-Bestsellerliste versenken."

Hat ja geklappt.

Forum - Literatur - durfte Helene Hegemann bei anderen abschreiben?
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Seite 1
takeo_ischi 20.02.2010
1.
Zitat von sysopDer Erfolg von Helene Hegemanns Debütroman brachte ihr scharfe Kritik ein bezüglich der verwendeten Passagen anderer Autoren. Abgeschrieben - ein Vorwurf, der nun auf ihren inzwischen zum Bestseller avanciertem Buch liegt, dem nun ein Quellen-Anhang beigegeben wurde. Darf man als literarischer Autor frei mit Inspirationen und Texten umgehen, also auch abschreiben?
Braucht es wirklich noch einen weiteren Strang für eine der überbewertetsten Schreiberinnen der letzten Jahre? Ich habe in meiner Lieblingsbuchhandlung jetzt eine Weile in dem Machwerk geblättert und was da zu lesen war ist in keinem Falle überdurchschnittlich oder gar preisverdächtig. Selbst als Wichsvorlage für alternde Feuilletonisten scheint es nicht wirklich zu taugen. Ausser man wäre etwas abartig. Was macht dieses belanglose Axolotl Copykill also zum supitrendy überhypeungswürdigen Musthave? Ich glaube ja es ist der Hype zum kapitalistischen Selbstzweck.
Pnin, 20.02.2010
2.
Zitat von sysopDer Erfolg von Helene Hegemanns Debütroman brachte ihr scharfe Kritik ein bezüglich der verwendeten Passagen anderer Autoren. Abgeschrieben - ein Vorwurf, der nun auf ihren inzwischen zum Bestseller avanciertem Buch liegt, dem nun ein Quellen-Anhang beigegeben wurde. Darf man als literarischer Autor frei mit Inspirationen und Texten umgehen, also auch abschreiben?
Jedenfalls nicht derart plump... Wesentlich lächerlicher als das 17jährige Mädel hat sich aber mal wieder der Literaturbetrieb gemacht, der offensichtlich ziemlich scharf auf die Vermarktung einer fleischgewordenen Altmännerphantasie (junges Luder sagt ganz oft f*****) war - selbst wenn die vorn und hinten nicht authentisch wirkt :)
ray05, 20.02.2010
3.
Zitat von sysopDer Erfolg von Helene Hegemanns Debütroman brachte ihr scharfe Kritik ein bezüglich der verwendeten Passagen anderer Autoren. Abgeschrieben - ein Vorwurf, der nun auf ihren inzwischen zum Bestseller avanciertem Buch liegt, dem nun ein Quellen-Anhang beigegeben wurde. Darf man als literarischer Autor frei mit Inspirationen und Texten umgehen, also auch abschreiben?
Ja, "darf" man. Aber man soll als Autor ganz altmodisch-sorgfältig die Texte offenlegen, die zu Collagezwecken verwendet wurden, selbst wenn man da "eher regiemäßig drangeht" [Hegemann] oder sich einer Copy/Paste-Inspirationskultur zugehörig fühlt. Eine simple, aber obligatorische Fleißarbeit. Dass diese versäumt wurde, wirft vor allem kein gutes Licht auf die Arbeit des mit Hegemanns Roman befassten Lektorats. Es gehört zu den Aufgaben eines Lektors/einer Lektorin, über Motivationen, Methoden und Arbeitsweisen des betreuten Autors bereits LANGE VOR Drucklegung des Werkes im Bilde zu sein. Wenn der Autor im Gespräch auch nur andeutungsweise mit Begriffen wie "Collage", "Montage" oder "Intertextualität" jongliert, MUSS das Lektorat die Frage nach Art und Verarbeitungsgrad der verwendeten Fremdtexte stellen, um das Manuskript nach Copyright- oder anderen rechtlichen Gesichtspunkten nochmals zu prüfen. Es sei denn, man lässt es als Verlag einfach drauf ankommen, aus welchen Gründen auch immer ...
KLMO, 20.02.2010
4.
Zitat von PninJedenfalls nicht derart plump... Wesentlich lächerlicher als das 17jährige Mädel hat sich aber mal wieder der Literaturbetrieb gemacht, der offensichtlich ziemlich scharf auf die Vermarktung einer fleischgewordenen Altmännerphantasie (junges Luder sagt ganz oft f*****) war - selbst wenn die vorn und hinten nicht authentisch wirkt :)
Die literarische Vermarktung ist ja keine Insel. Wenn der Erfolg den entsprechenden Gewinn verspricht, kann auch bei Rot unter Umständen die Kreuzung überfahren werden. Schadensfälle werden einfach mit einkalkuliert.
saul7 20.02.2010
5. ++
Zitat von sysopDer Erfolg von Helene Hegemanns Debütroman brachte ihr scharfe Kritik ein bezüglich der verwendeten Passagen anderer Autoren. Abgeschrieben - ein Vorwurf, der nun auf ihren inzwischen zum Bestseller avanciertem Buch liegt, dem nun ein Quellen-Anhang beigegeben wurde. Darf man als literarischer Autor frei mit Inspirationen und Texten umgehen, also auch abschreiben?
Man darf es, sollte dann aber damit rechnen, dass sowas auffliegt. Das euphorisch gefeierte Buch der jungen Frau wird seine Leser dank einiger Rezensenten finden. Die Branche kreiert ihre Portagonisten immer auf's Neue, "the show must go on...." Ob die Hegemann weiter eine Rolle im Literaturbetrieb spielen wird, darf allerdings bezweifelt werden!!
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