Skandalbuch "Neununddreißigneunzig" Von Gier und Krieg

Der Franzose Frédéric Beigbeder erklärt, warum die Welt an der Milka-Kuh zu Grunde geht. Sein skandalträchtiger Werberoman "99 Francs" ist soeben in deutscher Übersetzung erschienen - "Neununddreißgneunzig" ("39,90") lautet der Titel.

Von Daniel-Dylan Böhmer


Autor Beigbeder: "Der Preis ist das Produkt"
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Autor Beigbeder: "Der Preis ist das Produkt"

Octave, der Ich-Erzähler in "Neununddreißigneunzig", ist Werbetexter - und damit ein wichtiges Instrument bei dem Projekt, die Wirklichkeit durch Werbung zu ersetzen. Nur die Illusionen der Werbung wecken beim Konsumenten genügend Gier, um den real allein existierenden Kapitalismus über seine Wachstumsgrenzen hinaus expandieren zu lassen.

Zwar ist Octave ein Offizier in diesem Werbekrieg, aber er leidet darunter - unter dem Blödsinn, der nötig ist, die Gier wach zu halten. Und an der Gier selbst. Zum einen, weil sie davon lebt, nicht befriedigt zu werden, zum anderen, weil die Gier nach Leben die Angst vor dem Tod verstärkt. Darum hat Octave nur ein Ziel: entlassen zu werden.

Joghurt-Kampagnen und Katastrophen

Und darum schreibt er einen Roman, für den er mit Sicherheit gefeuert werden wird: Octave schildert sein absurdes Dasein als Texter und seinen Kampf mit dem Lebensmittelriesen, für den er eine Joghurt-Kampagne kreiert. Beides ist eine Serie gewaltsamer, koksgepushter Exzesse und Katastrophen. Octave lehnt sich auf, versucht den Blödsinn zu sabotieren, indem er ihn überspitzt, und erreicht damit nur Beförderungen und Preise.

"Neununddreißigneunzig": Im letzten Jahr vor Einführung des Euro mussten Titel und Preis für die deutsche Übersetzung noch umgerechnet werden

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Zugleich verroht er zunehmend in dem System, für das er arbeitet, krepiert langsam, weil ihn dieselbe Gier treibt, die er anfachen soll. Er ist Täter wie Opfer, weil er, genau wie seine Zielgruppe, als Konsument nur ein Konsumgut für Marktstrategen ist: "Der Kapitalismus verwandelt Menschen in verderbliche Joghurts und dopt sie mit Spaß, das heißt, drillt sie auf die Vernichtung ihres Nächsten." Die perfekte Konsumentin: "Eine Mongoloide unter 50."

Der Preis als Produkt

Aber auch die Kriegsstrategen werden nach ihrem Marktpreis bemessen: "Als Kreativer brauchst du keine Rechtfertigung für dein Gehalt; du hast einen Beruf, in dem dein Gehalt deine Rechtfertigung ist." Darum nennt Octave sein Buch "99 Francs" - weil der Preis das eigentliche Produkt ist.

Beigbeder, dessen Roman nun auf deutsch erschienen ist, unterscheidet auch sonst wenig von seiner Kunstfigur. Nur, dass er nicht entlassen werden wollte, sondern der festen Ansicht war, dass seine Agentur, die französische Sektion des US-Konzerns Young, Rubicam, ihn für diesen Roman feiern würde. Skandale haben schließlich Marketing-Wert.

Neben den Indiskretionen, die Beigbeder begeht, besteht der Skandal auch in den Parallelen zwischen Werbung und Faschismus, die in "Neununddreißigneunzig" gezogen werden. Die Steuerung von Menschenmassen durch Illusionen ist eine davon. Darum kommentiert Octave Marketing-Meetings mit Goebbels- und Hitler-Zitaten. Die andere Parallele ist das rücksichtslose Nebeneinander von Kaufrausch und Grausamkeit. Afrika ist das Traumziel für eine Incentive-Reise der Agentur, denn: "Auf dieser vom Virus zerfressenen, von absurden Kriegen und ständigem Völkermord zerrissenen Erde fassen die kleinen Angestellten wieder Vertrauen zum System, von dem sie leben. Afrika dient als Anti-Appetithemmer. Weil die Armen sterben, haben die Reichen das Recht zu leben."

Agentur feuerte den Autor

Mit dieser Ironie gelingt es Beigbeder, seinen Helden als Karikatur zu präsentieren - obwohl der das System durchschaut. Seine Erkenntnisse sind in aphoristische Slogans verpackt und nicht, wie bei seinem Autoren-Kollegen Michel Houellebecq, in selbstgewisse Essays. Das Jonglieren mit den Tatsachen des nahenden Weltuntergangs wird absurd. Und dadurch ist der Leser gezwungen, sich mit der Absurdität der Fakten an sich auseinander zu setzen. Für diesen aufklärerischen Effekt entscheidet sich Beigbeder im Zweifel gegen literarischen Anspruch.

Auch wenn de-Sade- und Oscar-Wilde-Zitate sowie andere Anklänge an die Weltliteratur großzügig gestreut sind: "Neununddreißigneunzig" ist eher ein Experiment mit der Absurdität des Zeitalters als ein Versuch in Hochkultur. Ergebnis ist ein Roman, der sich etwa so liest, als hätten Lenin und Verona Feldbusch eine moderne Fassung der "120 Tage von Sodom" geschrieben. Und diese Kombination variiert Beigbeder sehr intelligent, zynisch und unterhaltsam.

Nur in einem Punkt ist seine Rechnung nicht aufgegangen: Seine Agentur hat Beigbeder gefeuert, statt ihn zu feiern. Die Wirklichkeit schlägt eben doch die Illusion.

Frédéric Beigbeder: "Neununddreißigneunzig", Deutsch von Brigitte Große, Rowohlt Verlag 2000, 288 Seiten, 39,90 Mark



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