"Skip" von Katharina Hacker Sinnsuche im Übersinnlichen

Katharina Hacker gewann 2006 den Deutschen Buchpreis, nun legt sie einen neuen Roman vor: "Skip" handelt von einem Israeli, dem das Leben ein noch größeres Rätsel ist als der Tod. Ein mystisches Buch.

Autorin Hacker: Ein Essay in Gestalt eines Romans
Renate von Mangoldt

Autorin Hacker: Ein Essay in Gestalt eines Romans

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Bislang hat Skip sich als soliden Typen gesehen, als jemanden, der das Sichtbare mag, und so ist er Architekt geworden. "Mein Leben besteht aus Zimmern, aus Mauern, Wänden, Fußböden, Türen", sagt er. "Aus Sachen, die ich anfasse und die ich genau kenne". Aus handfesten Dingen. Halluzinationen sind seine Sache nicht.

Doch plötzlich ist Skip mit Dingen konfrontiert, die nur er wahrnimmt: mit unsichtbaren, übersinnlichen Phänomenen. Eine innere Stimme ruft ihn an Orte, an denen wenig später eine Katastrophe geschieht: ein Zugunglück in Paris, ein Flugzeugabsturz in Amsterdam, ein Attentat auf ein Hotel in Kairo. An jedem der Orte gibt es viele Opfer, darunter stets eins, dem Skip sich besonders verbunden fühlt. Seiner Seele leistet er solange Gesellschaft, bis sie sich daran gewöhnt hat, tot zu sein.

Klingt verrückt? Ist es auch. Die Schriftstellerin Katharina Hacker, die 2006 mit "Die Habenichtse" den Deutschen Buchpreis gewann, wechselt in ihrem neuen Roman hin und her zwischen Realität und Mystik, Alltäglichem und Übersinnlichem, Gegenwart und Erinnerung. Benannt hat sie das Buch nach der Hauptfigur "Skip". Ein sprechender Name. Im Englischen bedeutet "to skip" unter anderem springen und "to skip something": etwas überspringen, etwas überlesen.

Beim Lesen hat man dieses Gefühl immer wieder: Dass man etwas überlesen, dass man einen Zusammenhang übersehen, dass man den roten Faden aus den Augen verloren hat. Doch nicht immer ist da auch ein roter Faden.

Die Lektüre von "Skip" ist fordernd, ähnlich wie die Lektüre von Hackers stillem Vorgängerbüchlein "Eine Dorfgeschichte", in dem die Erinnerungen der namenlosen Ich-Erzählerin keine große Erzählung ergeben, sondern in Prosaminiaturen zerfallen, nur lose zusammenhängend.

Mit nur einem Bein im Leben

Vielleicht ist es kein Zufall, dass sich Menschen, die mit einem Bein im Grab stehen, Hilfe suchend an Skip wenden. Denn Skip steht mit nur einem Bein im Leben. "Vor allem bin ich nicht", sagt er. Kein richtiger Architekt, weil er keine neuen Häuser entwirft, sondern nur alte Häuser umbaut. Kein richtiger Jude, weil seine Mutter keine Jüdin war. Kein richtiger Mann, weil er unfruchtbar zu sein scheint. Die beiden Söhne, die er mit seiner Frau Shira in Israel großzieht, hat wohl ein anderer Mann gezeugt - mit Skips Einverständnis. Der Gedanke daran quält ihn jahrelang.

Skip steckt in einer Identitätskrise. Dazu gehört, dass er sich immer weiter von seiner Frau entfernt. So nahe ihm die fremden Sterbenden kommen, so hypersensibel er auf ihr Leiden reagiert, so distanziert geht er mit ihr um, als sie unheilbar an Krebs erkrankt. Er spricht kaum mit ihr, nicht über ihre Krankheit und nicht über den Tod. Während sie stirbt, hat er sogar noch eine Affäre.

Die Autorin Hacker hat Judaistik, Geschichte und Philosophie studiert, hat von 1990 bis 1996 in Israel gelebt und 1997 mit dem Buch "Tel Aviv. Eine Stadterzählung" debütiert. Dass sie an Israel hängt, merkt man auch ihrem neuen Roman an: Der größere erste Teil spielt in Israel, vor allem in Tel Aviv, der kleinere zweite Teil in Berlin, wo Hacker heute lebt. Zwischendurch gibt es kurze Ausflüge nach Paris und Amsterdam.

Nachdenken über den Tod

Immer wieder lässt Hacker reale historische Ereignisse aufblitzen, die den Israel-Palästina-Konflikt in den Neunzigerjahren geprägt haben, immer wieder fliegt irgendwo in Tel Aviv oder Jerusalem ein Autobus oder ein Café in die Luft. "Wir warten auf die nächste Katastrophe", sagt Skip. Der Tod ist nicht abstrakt im Krisenland Israel, er ist ganz konkret.

Die allgegenwärtige Anschlagsgefahr zwingt Skip dazu, über den Tod nachzudenken, seine metaphysischen Erlebnisse verstärken den Zwang. Aber Skip zwingt noch etwas anderes: "Ich denke über den Tod nach, um über das Leben nachzudenken", sagt er, "weil es mir noch schwieriger erscheint, über das Leben nachzudenken". Der Tod mag ein Rätsel sein, das größere Rätsel für Skip ist das Leben.

Nun könnte man als Leser auf die Idee kommen, Hacker scheitere in ihrem Roman daran, aus Skips Leben eine Erzählung zu formen, die rund ist, mit einem Anfang und einem Ende und einem logischen Verlauf dazwischen. Aber dann säße man einem Missverständnis auf. Hacker erzählt von Skip, der daran scheitert, aus seinem Leben eine Erzählung zu formen. Darum geht es.

Hacker schreibt in suchenden Sätzen, manchmal mystisch im Ton, raunend, und immer wieder baut sie philosophische Exkurse ein. Es gibt eine Szene, in der Skip seine Mutter, eine Malerin, im Traum bittet, ihn zu porträtieren: "Mache ein Bild von mir, ich schaffe es alleine nicht". Seine Mutter ist tot, sein Vater ist tot, seine Frau Shira ist tot - und mit ihnen ist auch ein Stück von ihm gestorben. Er ist sich selbst abhanden gekommen. Denn man existiert nur in der Erinnerung derjenigen, so die These, die einen von Anfang an gekannt haben.

"Wir wollen unser Leben, unsere Geschichte wie ein Haus", sagt der Architekt Skip. "Von Zimmer zu Zimmer wollen wir gehen und begreifen, wo die Türen sind, aus den Fenstern wollen wir hinausschauen, um zu sehen, in welcher Stadt das Haus ist und wer vorübergeht". Doch Skip bekommt, um im Bild zu bleiben, die Statik nicht in den Griff: Er sitzt auf einem Haufen Steine, die nicht so recht aufeinander passen wollen. Wie hängt bloß alles mit allem zusammen?

"Vielleicht versucht man mit jedem Erzählen überhaupt herauszufinden, was der innere Zusammenhang von Dingen ist", sagt er. Es ist ein Versuch, der scheitert. "Skip" hingegen ist über weite Strecken ein gelungenes Buch, wenn auch kein eingängiges. Ein Essay in Gestalt eines Romans.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
nemster 19.08.2015
1.
Das klingt wirklich sehr, sehr uninteressant.
mathiaswagener 23.08.2015
2. Bestätigen
Zitat von nemsterDas klingt wirklich sehr, sehr uninteressant.
Das kann ich nur bestätigen. Ich werde mir das auf gar keinen Fall reinziehen. Das würde ich nicht verkraften.
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