Millenials-Roman "So enden wir" Wie wir die Zukunft verschrotten

Endzeitfantasien, Gentechnik, Pornografie: Mit seinem Roman "So enden wir" liefert der Brasilianer Daniel Galera einen packenden Abgesang auf die Visionen früherer Internetaktivisten.

Gewerkschaftsmitglieder beim Streik in Porto Alegre (Archivbild)
REUTERS

Gewerkschaftsmitglieder beim Streik in Porto Alegre (Archivbild)


Es sind die prägenden Jahre einer neuen Zeit. Der Chatdienst ICQ und das Tauschprogramm Limewire sind die Zukunft, die Dotcom-Blase wächst noch, jede Website hat ein buntes Zählwerk. Zwar zittert die Welt kollektiv angesichts des befürchteten Millennium-Bugs, doch insgesamt liegt in den späten Neunzigerjahren eine seither nicht mehr dagewesene Zuversicht angesichts des digitalen Wandels in der Luft: Alles scheint plötzlich möglich zu sein - und nicht weniger als alles würde sich ändern.

Mittendrin in diesem Aufbruch: Aurora, Emiliano, Antero und Andrei, eine Art lokale Fraktion der digitalen Avantgarde, stille Helden der Adoleszenz des Internets. Im südbrasilianischen Porto Alegre, einer von Misswirtschaft und Kriminalität gebeutelten Millionenstadt, betreiben die Freunde zwischen selbst organisierten Partys, jeder Menge Sex und billiger Drogen die Online-Zeitschrift Orangotango.

Beseelt vom erwarteten Niedergang überkommener publizistischer Strukturen veröffentlichen sie experimentelle bis radikale Texte, die schnell zum Fixpunkt einer veränderungsdurstigen Jugend werden. Leser wie Autoren eint das Gefühl, Teil von etwas Großem zu sein. Ob nun von einer Zukunft oder einem Crash? Irgendwie egal. Vor solchen Reflexionen schützt sie eine Mischung aus jugendlicher Selbstüberschätzung und Ironie.

Eine Stadt wie ein Huhn ohne Kopf

Ziemlich genau 15 Jahre später treffen sich die Vier auf einem jüdischen Friedhof wieder. Aus den alten Helden sind illusionslose Spätdreißiger geworden, von der Hoffnung von einst ist wenig übrig. Klar, die Welt ging nicht unter und ja, es hat sich irre viel verändert. Das Problem: Alles ist dabei genauso beschissen geblieben wie immer. Draußen versinkt Porto Alegre in Streik und Straßenschlachten, die Staatsmacht verteilt Gummigeschosse. Die Stadt wirkt "wie ein Huhn ohne Kopf", das noch einmal wild mit den Flügeln schlägt, bevor es endgültig zusammenbricht - und fordert dabei immer wieder ihre Opfer.

Andrei "Duke" Dukelskys ist nun eines davon. Der wohl Talentierteste der Gruppe, aufstrebender Romancier, wurde wenige Tage zuvor beim Joggen auf der Straße ermordet. Es soll um sein Handy gegangen sein.

Daniel Galera
DPA

Daniel Galera

Es ist beeindruckend, wie eindringlich Daniel Galera schon auf den ersten Seiten seines Romans "So enden wir" die Gemengelage in seiner Heimatstadt und in ganz Brasilien inszeniert. Armut, Korruption, Kriminalität, Ausweglosigkeit: Unnachgiebig formuliert der 38-Jährige in fiebrigen Sätzen ein Porträt einer Gesellschaft am Abgrund, lässt seine Protagonisten unter der schon bei Albert Camus als Stilmittel beliebten Hitzewelle schmoren, behält aber stets eine fast schon beängstigende sprachliche Klarheit - und findet auch noch Zeit, den Leser zu verwirren.

Zunächst scheint "So enden wir" auf ein Geheimnis im Leben und Werk des toten "Duke" hinauszulaufen. Hat der etwa in seinem Testament auf die Löschung all seiner digitalen Spuren bestanden, weil er noch lebt? Seinen Freunden in einem unvollendeten Manuskript ein Rätsel hinterlassen? Gar eine Warnung? Und überhaupt: Wie verhalten sich Leben, Tod, Autor- und Hinterlassenschaft im Informationszeitalter zueinander? Angesichts Galeras sprachlicher Wucht hätte wohl auch das zu einem starken Roman gereicht.

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Daniel Galera:
So enden wir

Aus dem Portugiesischen von Nicolai von Schweder-Schreiner

Suhrkamp Verlag; 231 Seiten; 22 Euro

Stattdessen greift Galera jedoch tiefer - und zeichnet eine radikale Gesellschaftsstudie, die sich stellenweise wie die depressive Version der Sitcom "Friends" liest. Durch Zeit- und Perspektivwechsel lässt Galera einen in jeden seiner Protagonisten hinein fühlen, während diese, durch den Tod des rätselhaften "Duke" erschüttert, ihr Leben hinterfragen. Man begegnet sexueller Gier, Endzeitfantasien, Gentechnik, Pornografie, Armut, bröckelnden Gewissheiten und einem Werber, der die alte Subversion in Millionen auf seinem Bankkonto umgemünzt hat. Kurz: der Realität, wenn keine Träume übrig sind. Als Kitt bleibt eine kollektive Enttäuschung.

"Wäre er ein Kind unserer Zeit, hätte Sisyphos 'Der Mythos des Sisyphos' gelesen", sinniert Aurora. "Er wüsste zu viel über den Stein, den Berg und sich selbst, um sich auf ewig dieser absurden Aufgabe hinzugeben." Und weiter: "Was bliebe von seiner Revolte angesichts von Berechnungen des Kalorienverbrauchs und evolutionistischen Erklärungen zur menschlichen Moral?" Die Antwort: Nur die Strafe, die ewige Wiederholung.

Daniel Galera entwirft mit "So enden wir" ein Prisma der Gegenwart, in der die Heilsversprechen des digitalen Zeitalters ins Leere gehen. Damit legt er einen radikal zeitgenössischen Roman mit Identifikationspotenzial vor. Denn mal ehrlich: Warum machen wir trotz dieser Tragik eigentlich jeden Tag weiter? Und wenn wir es schon tun, könnten wir es nicht besser?

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