Eine Hochstapler-Familiengeschichte Peng! Schock!

Frühmorgens in der Pfalz, in den Achtzigern: Ein Familienkombi fährt nach Frankreich. Urlaub ist das nicht, dämmert dem Sohn bald. Der Roman "So, und jetzt kommst du" basiert auf wahren Erlebnissen. Ein Auszug.

Gebührenstation an der Autoroute du Soleil, Achtzigerjahre
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Gebührenstation an der Autoroute du Soleil, Achtzigerjahre

Ein Romanauszug von


Zum Autor
  • Bernd Hartung
    Arno Frank, 1971 in Kaiserslautern geboren, ist Publizist und freier Journalist. Texte von ihm über Fernsehen und Popkultur erscheinen regelmäßig bei SPIEGEL ONLINE, er schreibt auch für die "taz", "Die Zeit" und andere. "So, und jetzt kommst du" ist sein erster Roman und beruht auf einer Geschichte, die er als Jugendlicher selbst erlebt hat.

Wie Bohrköpfe aus Licht treiben die Scheinwerfer einen hellen Stollen in die Dunkelheit der Nacht. Hinter jeder Bodenwelle federt der Benz begütigend nach. Solange wir noch auf der Landstraße sind, schaukeln mich die Fliehkräfte mal nach rechts, mal nach links. Es geht voran, aber der Vortrieb selbst bleibt unmerklich. Der Motor ist ein stehender Brummton in beruhigender Frequenz.

Jeany lehnt gegen ihre Kleinfamilie aus Plüschtieren. Papa Bär, Mama Schaf und ihre gutmütige Schlange mit den angenähten Knopfaugen. Mama hat den Kopf in ihre Nackenstütze gelegt und sieht aus, als suche sie nach Mustern im gespannten Kunststoff am Wagenhimmel. Ihr Schnarchen ist ein dünnes Gluckern. Das Baby klammert sich an ihren Oberkörper wie ein Äffchen. Nur Papa ist wach, folgt den Windungen des Stollens, wählt Abzweigungen und führt uns tiefer hinein in den Berg. Ich kann nur seinen Hinterkopf sehen mit dieser erkahlenden Stelle, die er seinen "Hubschrauberlandeplatz" nennt. Manchmal drückt er einen Knopf im unteren Teil der Mittelkonsole, kurz darauf geht in schnellem Bogen die Glut des Anzünders durchs Dunkel. Silbrige Schlieren steigen auf, hauchdünne Bänder, die sich drehen und winden. Unter der weißen Polsterung des Himmels breiten sie sich aus wie umgekehrter Bodennebel. Manchmal zieht er so stark an der Zigarette, dass er zischend Zwischenluft mit einsaugt. Sein Ausatmen ist ein gedehnter Seufzer der Erleichterung, ein Ablassen der Luft, und flutet den Innenraum mit weiteren Schleiern und ihrem grauen Geruch. Nach jeder Zigarette kurbelt er sein Fenster einen Spalt hinunter und schnippt sie hinaus, ein zerstäubender Funkenflug in der Nacht. Dort wirbelt schemenhaft der Wald, dicht wie die Bürstenwalzen einer Autowaschanlage.

Ich wache auf, weil es nicht mehr schaukelt. Wir stehen, es scheint taghell herein. Jeany schläft weiter, das Gesicht in einem grellen Balken aus Licht. Vorne brabbelt das Baby, meine Mutter antwortet flüsternd, in zustimmendem Ton: "Ja, ja, bekommst du gleich …"

Ich richte mich müde auf, es ist noch immer tiefe Nacht. Wir parken unter einer gleißenden Bogenlampe. Auf der Betonfläche des Rastplatzes liegen vereinzelte Lastwagen wie ankernde Frachtschiffe. Es riecht nach Benzin und Regen und den Bananen, die meine Mutter immer isst, wenn sie das Baby stillt. "Wo sind wir?", frage ich, die Beine ausstreckend.

Grenzübergang Goldene Bremm in Saarbrücken
imago

Grenzübergang Goldene Bremm in Saarbrücken

"Goldene Bremm", sagt Mama, während sie ihren Pullover hochkrempelt. Goldene Bremm, das klingt sagenhaft. Wie bei Jules Verne ein verborgenes Tor ins Innere der Erde am Fuß eines isländischen Gletschers. Oder wie etwas, vor dem behelmte Helden noch einmal ihre Pferde tränken, bevor sie weiterreiten.

"Mama, wie spät ist es?"

"Kurz vor drei Uhr in der Nacht. Schlaf."

Ich knie mich auf die Sitzbank und spähe zum Heckfenster hinaus. In einer Blase aus Licht liegt die Tankstelle. Zwei Polizisten schlendern darauf zu. Der Dicke ist so dick, dass ihm das viele Fett beim Gehen einen Hüftschwung aufnötigt. Er bleibt stehen, fasst sich kurz an die Stirn und watschelt zum Dienstwagen zurück. Der Dünne steht derweil im Licht, die Hände in die Hüften gestemmt, und ruft dem Kollegen mit breiter Brust etwas nach. Dann lacht er so laut, dass ich es über den ganzen Platz hören kann.

"Die Polizisten da sind wie Dick und Doof, guck mal!"

"Polizei? Wo?"

"Da drüben, an der Tankstelle!"

"Ja, das muss so sein", sagt Mutter und rutscht ein wenig tiefer in ihren Sitz, um meinem Bruder die Brust zu geben: "Wir sind an der Grenze zu Frankreich, der Papa ist schnell Geld wechseln. Jetzt schlaf wieder. Normal wärst du schon lange im Bett. Und wir haben eine lange Fahrt vor uns."

Jetzt sehe ich Vater, wie er quer über den Parkplatz schlendert. Den Reißverschluss seiner Windjacke schließt er bis hoch zum Kinn, an seinem Handgelenk baumelt eine Mappe aus speckigem Wildleder, die wir alle nur "Schwulentäschchen" nennen. Anfangs hatte mein Vater widersprochen, das sei ein "Necessaire, verdammt". Aber unsere rheinländische Oma beharrte, sie kenne ihre Pappenheimer, bei der Paddlergilde gäb's auch so einen, janz ein lieber Kerl: "Dat is enne Schwuhledäsch!"

Ein Lastwagen schleicht vorbei, dann ist Papa am Auto, klopft mit dem Knöchel auf den Kotflügel und lässt sich auf den Sitz fallen.

"Tja, das hätten wir", sagt er und reicht meiner Mutter das Schwulentäschchen. Sie stemmt die Füße in den Fußraum, macht sich lang und schiebt es sich unter den Pullover.

"Gut so?"

"Par-fait", sagt er mit der manierierten Geste eines Chefkochs beim Abschmecken. Die Eltern kichern, der Motor springt an. Hinter dem Lastwagen fädeln wir uns ein und schleichen über den riesigen Parkplatz. Leise läuft das Radio. Die Finger meines Vaters trommeln über das Armaturenbrett: "Hörst du das?", fragt er und dreht ein wenig lauter. Ich höre hin. Nachrichten. Ein General der Bundeswehr ist entlassen worden. Offenbar war er mit einem Schwulentäschchen erwischt worden, seit Tagen gibt es kein anderes Thema.

"Papaaa", sage ich genervt. Er weiß doch, dass mich sowas nicht interessiert.

"Ich frage nur", sagt er vergnügt, "weil es nämlich das letzte Mal ist, dass wir Deutsch im Radio hören!"

Die rechteckige Wand des Lastwagens vor uns klappt zur Seite weg. Wir rollen geradeaus weiter, unter ein Dach, der Grenzbeamte hebt die Hand. Vater hält an und kurbelt die Scheibe herunter.

"Papiere, bitte", sagt der Beamte und drückt sein Kreuz durch. Die silbernen Knöpfe an seiner Uniform blitzen. Papa fächert ihm unsere Ausweise hin. Der Polizist nimmt sie entgegen, weiße Handschuhe. Gemächlich spaziert er um unser Auto herum und blättert beiläufig in den Dokumenten. Dann gibt er sie meinem Vater zurück, beugt sich vor und äugt ins Innere. "Und wohin geht's?"

"In den Urlaub", sagt mein Vater. Wenn er mit fremden Leuten redet, bekommt er manchmal eine ganz andere Stimme. Jetzt zum Beispiel verschleift er den Urlaub zum "Uahlaub", als unterdrückte er ein Gähnen.

"Weite Fahrt, hm?", sagt der Grenzbeamte und deutet eine Kniebeuge an. "Aber dass Sie mir die Pausen nicht vergessen!" Mein Vater lacht und verspricht, dass er die empfohlenen Pausen gewissenhaft einhalten werde. Der Beamte legt zwei Finger an den Schirm seiner Mütze. Papa lässt die Kupplung kommen und sagt mit Blick in den Rückspiegel, noch immer lächelnd: "Kannst mir mal am Auspuff schnuppern, du Volltrottel!"

Ich versuche noch, auf der Straße die exakte Linie zu entdecken, die beide Länder voneinander trennt, habe sie aber wohl verpasst. Schon sitzen dort zwei andere Beamte in einem erleuchteten Glaskasten, dunkelblaue Uniformen, und winken uns gelangweilt durch. Der Diesel beschleunigt ins Dunkel, dass es mich in den Sitz drückt. Ich stelle mir vor, in einer Rakete zu sitzen, rechts wandert wie ein blauer Planet ein Schild vorbei: FRANCE. Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Autos strahlen gelb, nicht mehr weiß.

Mit den Zähnen zieht sich mein Vater eine weitere Gitanes Maïs aus der Schachtel, und ausnahmsweise zündet sich meine Mutter auch eine davon an, obwohl sie ihr normalerweise zu stark sind.

"Weiß du, wo wir hier sind?", fragt Papa, ohne sich umzudrehen.

"Goldene Bremm!", rufe ich.

Er kichert wie ein Quizmaster, der es besser weiß.

"Falsch", sagt er und stößt eine blaugraue Rauchwolke aus.

"Jetzt ist es die Brême d'Or!"

Französische Grenze
AFP

Französische Grenze

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Am Morgen sind die Wälder verschwunden. Ringsum begraste Kuppen, nur spärlich mit Gestrüpp bewachsen, vereinzelt stehen Baumgruppen um kleine Teiche oder längs der Bäche, aber kein Wald mehr. Den haben wir hinter uns gelassen. Das hier ist Furchenland, überall nur Äcker und Zäune, manchmal Kühe sowie, halb im Schlamm versunken, die grünfleckige Emaille alter Badewannen. Die Ausfahrten sind mit klobigen Kuben aus Plastik gekennzeichnet, manche davon schon ausgebleicht und an den Ecken gesplittert. Braune Schilder verweisen auf Festungen, Kathedralen oder Hügelgräber, von denen dann aber doch nichts zu sehen ist. Regen geht in Fahnen übers weite Land, der Asphalt ist schwarz von Feuchtigkeit, aber unsere Windschutzscheibe bleibt trocken. Nur im Gischtgestöber der Lastwagen schaltet mein Vater die Scheibenwischer ein. Auf einem Schild lese ich RAPPEL und rufe: "Vorsicht, gleich rappelt's!", aber niemand lacht, und schon erhebt sich vor uns, die gesamte Breite der Autobahn überspannend, ein bizarres Gebäude, zackig und futuristisch wie ein Raumschiff. Wir ordnen uns ein und fahren bis zur Schranke.

"Das ist die Péage", erklärt Papa und wirft mit ausgestrecktem Arm ein paar Münzen in einen Trichter. Die Schranke schnellt hoch, und während wir weiterfahren, geht endlich auch die Sonne über den Hügeln auf.

"Ich habe Hunger", meldet sich meine Schwester, verschlafen: "Wo sind wir? Ich will nach Hause!"

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Wir sitzen um einen fest verschraubten Tisch im Autobahnrestaurant, trinken Kakao aus Pappschachteln und fingern an Hörnchen so fettig, dass selbst die Servietten bei Berührung durchsichtig werden. Die Eltern trinken Kaffee aus dem Automaten. Ihre Brillen sind verschmiert, die Augen klein, aber sie wirken wach und vergnügt. Von den Toiletten her weht ein scharfer Geruch, ein Radio plärrt. Um uns herum mürrische Fernfahrer in Trainingshosen und andere Familien mit anderen Kindern. Vor dem Panoramafenster die Autos, viele mit Gepäck auf dem Dach. Dazwischen unser Kombi wie eine hellgrüne Barkasse, ebenfalls schwer beladen. Das T im Namen stehe für "Tourismus und Transport", erzählt Papa, und dass der Diesel nur wenig mehr als zehn Liter verbraucht. "Sieht aus wie eine Spießerkarre, ich weiß. Aber zur Not können wir sogar darin schlafen!"

"Ich will nicht im Auto schlafen", sagt meine Schwester finster. Ihre Haare liegen dort, wo sie sich angelehnt hatte, noch platt am Kopf. "Ich will nach Hause!"

"Müssen wir nicht in die Schule?", frage ich und hoffe, dass wir nicht in die Schule müssen. Dabei habe ich sogar die lateinische Grammatik eingepackt, Homer und den Weltatlas von Diercke.

Papa lächelt nur in sich hinein, Mama sagt: "Schulen gibt es auch in Frankreich, Schatz."

"Das heißt, wir gehen auf eine neue Schule?"

"So ist es", sagt mein Vater. "Auf eine richtig gute Schule, diesmal."

"Ist das Gymnasium keine gute Schule?"

"Nicht gut genug für meinen Sohn!"

"Und meine Lehrer, wissen die das? Habt ihr denen das gesagt?"

Mama verdreht die Augen, Papa sagt: "Aber natürlich! Ich war beim Direktor. Verehrter Herr Oberstudienrat, habe ich gesagt, unsere Vermögensverhältnisse haben sich geändert. Und deshalb ist unser Lebensmittelpunkt im Begriff, sich südwärts zu verschieben. Ihr Einverständnis vorausgesetzt, würde ich meinen Sohn an dieser Veränderung teilhaben lassen wollen und ihn an einer Schule anmelden, auf der ihm die Sprache unserer neuen Heimat beigebracht wird."

"Das hast du gesagt?", frage ich ungläubig.

"Aber ja. Der Direktor hat mir seine Hand auf die Schulter gelegt und meinte, gerne würde er uns eine so wichtige Erlaubnis erteilen. Allerdings fiele ihm die Entscheidung gewiss leichter, wenn …" Papa verstummt und reibt Daumen und Zeigefinger aneinander.

"Was? Das hat er gesagt? Dass er Geld will?"

"So hat er sich nicht ausgedrückt. Er sagte irgendwas Lateinisches, pecunia non olet. Und etwas Persisches. Bakschisch. Es hat eben jeder seinen Preis."

Mama kichert und knufft Papa in die Seite. "Das ist Quatsch, mein Großer. Lass dich nicht veräppeln. Wir können natürlich machen, was wir wollen. Und was wir machen, ist das Richtige, stimmt's?"

Mein Vater nickt. Es gehe darum, dass seine Kinder echte Franzosen würden. "Südfranzosen, um genau zu sein. Das ist schon ein sehr spezieller Dialekt. Hier zum Beispiel habe ich kein Hörnchen, sondern ein Croissant in der Hand. Pain au chocolat, sagt der Gallier. Auf Südfranzösisch bestellst du einfach ein pain choc."

"Peng! Schock!", wiederholt Jeany und lacht.

Mercedes-Benz T-Modell
Daimler

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Ich denke an meine Freunde und daran, dass ich mich gar nicht verabschiedet habe. Dass ich mich von niemandem verabschiedet habe. Dass niemand überhaupt weiß, dass ich weg bin, wirklich weg. Ich stelle mir meinen Stuhl in der Schule vor und frage mich, ob der für mich freigehalten wird, nur für alle Fälle. Als ein Junge aus der 6b damals im Eis auf dem Gelterswoog eingebrochen und ertrunken ist, blieb dessen Stuhl auch das ganze restliche Jahr unbesetzt.

"Was ist das für eine neue Schule?", frage ich.

Papa zuckt mit den Schultern. "Wir werden schon eine finden. Heute abend sind wir da, dann sehen wir weiter."

"Wohin fahren wir in den Urlaub?", fragt Jeany zerstreut.

"Wohin du willst", sagt mein Vater und zückt die Karte mit dem lustigen Männchen von Michelin. Er faltet sie auseinander, wischt die Krümel vom Tisch und breitet sie aus. Die atlantische Seite von Frankreich hängt über den Rand.

"Wir sind … hier!", sagt er und legt den Zeigefinger auf einen Punkt zwischen Dyon und Lyon. "Wir wollten doch nach Süden, oder? Und jetzt fahren wir nach Süden. Wo ist Süden?"

Jeany beugt sich über das bunte Gewirr aus Namen und Straßen. Himmelsrichtungen hat sie im Kindergarten gelernt, das macht ihr Spaß. Papa zeigt ihr, wo wir gestartet sind, und nun fährt sie mit ihrem Finger in gerader Linie nach unten, immer die Faltkante entlang, bis am großen Blau alle Straßen enden.

"Da ist Süden."

"Richtig!", sagt Vater und liest mit schief gelegtem Kopf.

"Nizza. Warum nicht? Mal sehen. Hm, leider können wir nicht direkt dort hinfahren, weil die Berge dazwischen sind." Er streicht mit der flachen Hand über die Alpen. "Deshalb, schau, weichen wir in einem weiten Bogen nach Westen aus, so, und sind dann heute am Abend in …Nizza? Okay, Nizza."

"Ich würde lieber nach Saint-Tropez", sage ich, um auch etwas beizutragen.

"Monaco!", wirft Mama ein und fügt als hinreichende Begründung hinzu: "Grace Kelly!"

"Menno", motzt Jeany. "Ich will nach Nizza. Wir hatten doch gesagt Nizza, oder? Nizza, Pizza. Das reimt sich!", ruft sie und fügt in krähender Pumuckl-Stimme hinzu: "Und was sich reimt, ist gut!"

Papa pflichtet ihr bei. "Wir fahren hier die Autoroute du Soleil hinunter, das ist die Autobahn der Sonne. Dann links ab an die Côte d'Azur. Dort nehmen wir uns heute Abend eine Ferienwohnung. Und schauen in Ruhe, wo es uns am besten gefällt."

"Wo ist Kotasür?", fragt meine Schwester.

"Das alles hier", sagt Papa und malt mit den Fingern die Küste im Süden nach. "Côte d'Azur heißt so viel wie himmelblaue Küste. Und wenn ihr einen Segelschein macht", sagt er und fährt mit der Hand großflächig über die hellblaue Fläche südlich der Küstenlinie, "dann könnt ihr das alles hier auch erkunden!"

"Und da machen wir Urlaub? Toll!", freut sich Jeany, klemmt schnell ihre Stoffschlange zwischen die Ellbogen und klatscht in die Hände. Die Eltern wechseln lächelnd einen Sollen-wir's-ihr-sagen?-Blick.

"Naja …Urlaub", druckst Papa und erklärt: "Ich würde es sehr, sehr lange Ferien nennen. Wie findet ihr das?"

Ich finde das toll, so hatte ich es mir ausgemalt. Jeany klatscht, die Schlange nickt. Mama strahlt uns an, und dabei sind ihre Augen ganz starr. Papa lehnt sich zurück und legt die Hände hinter den Kopf.

"D'accord, beschlossen. Wer zuerst das Mittelmeer sieht, der hat gewonnen und darf sich etwas wünschen!"

Beim Verlassen der Raststätte gehen wir an dem Regal mit den Kaugummis vorbei. Hier heißen sie nicht "Wrigley's" oder "Hubba Bubba", sondern "Hollywood". Es gibt sie in allen Geschmacksrichtungen, Erdbeere und Pfefferminze. Kanariengelb leuchtet mich Zitrone an. Ich habe noch nie Kaugummi mit Zitronengeschmack probiert, greife mir eine Packung und sehe mich nach den Eltern um. Die sind schon weitergegangen, Vater steht an der Tür und hält sie mir auf. Ich renne auf ihn zu und zeige ihm die Packung in meiner Hand.

"Papa, darf ich die haben?"

Er dreht sich um, seine Blicke huschen forschend durch den Raum.

"Klar, steck ein! Aber mach schnell. Jetzt!"

Ich schiebe sie in die Hosentasche und folge ihm mit glühenden Wangen nach draußen. Niemand ruft, niemand folgt uns. Die Zitrone explodiert in meinem Mund und zieht mir die Plomben aus den Zähnen. Peng! Schock!

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Tropen bei Klett-Cotta, 352 Seiten, 22 Euro

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