Literaturstar Sofi Oksanen Finnisches Fieber

Sie ist die einsame literarische Ikone Finnlands, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse. In "Als die Tauben verschwanden" erzählt Sofi Oksanen eine abgründige Geschichte zwischen Weltkrieg und Sowjetzeit.

Sofi Oksanen: Das Geheimnisvolle, Unbegreifliche
Toni Härkönen

Sofi Oksanen: Das Geheimnisvolle, Unbegreifliche

Von Peter Schulz


1941 wird Estland von deutschen Truppen besetzt. Die Soldaten der Wehrmacht gehen auf Taubenfang, um nicht auf Fleisch verzichten zu müssen. Es ist die Zeit, "Als die Tauben verschwanden" - so auch der Titel von Sofi Oksanens neuem Roman.

Die Autorin, 1977 als Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters geboren und seit dem Erscheinen ihres Romans "Fegefeuer" international bekannt, ist unbestritten die einsame literarische Ikone Finnlands, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse 2014.

Zentrale Figur der drei im Mittelpunkt stehenden Protagonisten ist Edgar Parts. Er kollaboriert mit den Deutschen, ist ein geradezu versessener Opportunist. Parts "hatte schon immer die deutschen Herren für besser gehalten, hatte die Fahrräder in Berlin bewundert, war verrückt gewesen nach Bildtelefonen und hatte manchmal sogar die Wortstellung im Satz nach deutscher Art abgewandelt." Fortan nennt er sein neues Ich Eggert Fürst - und steht als Helfershelfer zur Verfügung.

Parts, der seine Homosexualität verdrängt, führt eine lieblose Ehe mit Juudit. Doch auch sie ist eine Getriebene, die den Traum einer glücklichen Ehe samt Kind nicht aufgibt. Ein Ausweg kann die Affäre mit dem SS-Hauptsturmführer Hellmuth Hertz nur bedingt sein.

Im Roman ist Juudit nur Beiwerk. Oksanen schildert sie allzu klischeehaft, als eine oberflächliche Frau, der es genügt, Getränke zu mixen, sich die Haare zu machen und die Wimpern zu färben. Darüber, was Juudit denkt, ist nur wenig zu erfahren. "Sie war zufrieden, denn sie wollte nicht mehr wissen als unbedingt nötig".

Macht, Mitläufertum und Moral

Der dritte Protagonist dieses Romans ist der im Untergrund lebende Roland, Cousin von Edgar, verlobt mit Rosalie. Roland geht in den Widerstand und kämpft für die Unabhängigkeit Estlands und für die Aufklärung an Rosalies Tod. Im Zuge seiner Flüchtlingsrettungen wird Juudit nicht nur seine Helferin, sondern für einen Abend seine Geliebte.

20 Jahre später, nachdem 1944 die Rote Armee das Land erneut besetzt hatte, gehört Estland schon lange zur Sowjetunion. Die zweite der abwechselnden Erzählebenen des Romans spielt in den Sechzigerjahren.

Die Figuren sind durch das Geheimnisvolle, Unbegreifliche, das sie umgibt, manchmal schwer zu fassen. Aber gerade dadurch gewinnt der Roman seine fieberhafte Spannung. Er überzeugt nicht nur durch seine Bildsprache, etwa wenn die Pferde der Deutschen den Tieren des Dorfes das Futter wegfressen, er ist zugleich ein Lehrstück über Macht, Mitläufertum und Moral.

Moralische Grundwerte scheint Edgar nicht zu kennen. Beim Einmarsch der Roten Armee hat er sich Häftlingskleidung angezogen und als Opfer der Deutschen dargestellt. Nun ist er Genosse Parts, wird schreibender Propagandist und formt erneut seine Biografie mit erschütternder Gewissenlosigkeit zu seinem Nutzen. Dass seine Frau Juudit mittlerweile alkoholkrank und tablettensüchtig ist und wahrscheinlich in ein Pflegeheim muss, ist ihm auch nur recht. Sie, die eher Unbeteiligte, ist das eigentliche Opfer der Männermacht.

Einmal heißt es: "Jeder Mensch hatte eine Sollbruchstelle, und wenn nichts sonst seine Seele zerbrach, so würde es die Zeit tun und Erinnerungen heraufbeschwören (…)." Bei Juudit hat die Zeit die Seele zerbrochen. Bloß, kommt diese Zeit auch für Edgar Parts?

Auf den letzten Seiten klärt Sofi Oksanen Rosalies Tod auf. Spätestens dann stellt der Leser noch einmal mit bedrückendem Unverständnis fest: Es ist kein tröstender, aber ein überzeitlicher und mit osteuropäischer Unweinerlichkeit erzählter Roman.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Eutighofer 01.10.2014
1. die schreibt gut !
Ich kannte die Autorin bis vor 2 Wochen nicht, habe dann "Fegefeuer" gelesen und war begeistert. Sie schreibt gut und ist klug.
emeraldandi 01.10.2014
2. einsame
Soso, sie ist "unbestritten die einsame literarische Ikone Finnland" - alle anderen Autor/innen liefern nur mittelmäßiges Geschreibsel oder worauf bezieht sich die Einsamkeit? Sie hat zwei Werke abgeliefert und da sonst in Germanien keiner mitbekommt, dass "die Finnen" auch Literatur verfassen, wird schnell ein Gesicht/eine Person benötigt, mit der medial mal eben auf Finnland als Gastland bei der Buchmesse aufmerksam gemacht werden kann. Auch wenn sie gut schreeibt, das riecht nach billigem Hype und das hat sie nicht verdient. Genug gemeckert: Liebe Leser/innen, es gibt noch viele weitere finnische Autoren/innen, die es sich zu entdecken lohnt auch ohne Pressehype, ganz entspannt....
realmc 01.10.2014
3. Tolle Frau !
Vor allem wunderschön ist SIE ! Top gestylt & außerdem ein Weltklasse Foto von Ihr. Vielen Dank Spiegel - so etwas Schönes sieht man leider selten auf Euren Seiten. ich glaub ich werde ein Fan von Ihr, ganz egal was Sie schreibt ;) Cheers, der MC
regentrude 02.10.2014
4. Lernt Deutsch!
"Sie ist die einsame literarische Ikone Finnlands, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse." Das ist Sprache am Rande der Verständlichkeit. Sie ist also die Ikone dem Gastland der Buchmesse, ja? Zwei Genitive nacheinander -- "des Gastlandes der Buchmesse" -- wirken ja schon fast unheimlich und müssen per se falsch sein. -- Jungejunge, ist das hier das Kulturressort des Spon oder eine Problemschule aufm Kiez? Dem Deutsch nach zu urteilen Letzteres.
sebastian_hammelehle 02.10.2014
5.
Zitat von regentrude"Sie ist die einsame literarische Ikone Finnlands, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse." Das ist Sprache am Rande der Verständlichkeit. Sie ist also die Ikone dem Gastland der Buchmesse, ja? Zwei Genitive nacheinander -- "des Gastlandes der Buchmesse" -- wirken ja schon fast unheimlich und müssen per se falsch sein. -- Jungejunge, ist das hier das Kulturressort des Spon oder eine Problemschule aufm Kiez? Dem Deutsch nach zu urteilen Letzteres.
Danke für den freundlichen Hinweis. Unser Schlussredakteur sagt: "dem Gastland" ist richtig, weil es ein spezifizierender Einschub ist. Im Genitiv würde das nur stehen, wenn es kein Nebensatz wäre.
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