Sommerbuch "Barbara die Schlampe" Da muss doch noch was kommen!

Die New Yorkerin Lauren Holmes erzählt Coming-of-Age-Geschichten junger Großstädter, die sich zu nichts aufraffen können. Schon gar nicht dazu, erwachsen zu werden. Ein ideales Buch für träge Sommertage.

Lauren Holmes
Beowulf Sheehan

Lauren Holmes

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Brenda hat Jura studiert, so wie ihr Verlobter, aber scharf auf eine Karriere ist sie nicht. Sie bewirbt sich eher viertel- als halbherzig für einen Job als Anwältin, zieht irgendwann ihrem Verlobten und seiner ersten Stelle nach San Francisco hinterher und heuert dort in einem Laden an, der Sexspielzeug für Lesben verkauft. Irgendwas muss sie ja den lieben langen Tag tun. Sie schneidet sich die Haare raspelkurz, besorgt sich mit ihrem Mitarbeiterrabatt ein Sextoy nach dem anderen und masturbiert so ausgiebig wie nie zuvor. Als auffliegt, dass sie heterosexuell ist, muss sie den Laden verlassen. Zum Trost bekommt sie von ihrem Verlobten zwar kein Kind, aber immerhin einen Hund.

Jane gibt ihren Job auf, weil sie einen Platz an der Uni bekommen hat, und zieht zurück in ihr altes Zimmer im Haus ihres Vaters in Massachusetts. Dort vögelt sie mit dem Typen, in den sie auf der Highschool unglücklich verliebt war, und jobbt als Babysitterin, obwohl sie sich schon nach der Highschool geschworen hatte, nie wieder als Babysitterin zu jobben. Nach dem zweiten Termin wird sie gefeuert.

Natalie empfindet ihr erstes Collegejahr als riesigen Reinfall: Sie hat keine tollen Noten bekommen, nichts über das Leben gelernt, keine neuen Freunde gefunden, nur einen langweilig-braven Freund, und auf den hat sie nach Ende des ersten Collegejahres keine Lust mehr. Auf einer Urlaubsreise macht sie einen Abstecher zu ihm, um schnell mit ihm Schluss zu machen; ihre Mutter und ihr Bruder warten draußen im Auto.

Karg und lakonisch

Brenda, Jane und Natalie sind noch jung, aber ihr Blick aufs Leben ist schon seltsam müde: Sie erwarten nicht allzu viel, weder Gutes noch Schlechtes, und wenn ihnen dann doch mal etwas Schlechtes geschieht, dann registrieren sie es schulterzuckend. Sie sind unsentimental, so unsentimental wie die Kurzgeschichten, in denen die New Yorker Autorin Lauren Holmes, 30, von ihnen erzählt.

Holmes schreibt karg und lakonisch. Ohne Psychologisierungen, ohne Moralisierungen, ohne Schlusspointen vor allem. Sie begleitet ihre Protagonisten ein Stück auf ihrem Lebensweg, und wenn sie sie wieder verlässt, meist merkwürdig unmotiviert und abrupt, dann denkt man als Leser: Da muss doch noch was kommen! Aber es kommt nichts mehr, nicht im Buch und vermutlich auch nicht im Leben der Protagonisten.

"Barbara die Schlampe: und andere Leute" ist ein Sommerbuch, ideal für heiße Tage, an denen man sich so träge bewegt wie Brenda, Jane, Natalie und all die anderen jungen Mittelschichts-Menschen in diesen Geschichten. Es sind Söhne und Töchter von Anwälten, Psychotherapeuten, Mathematikprofessoren; von liberalen Akademikern in US-amerikanischen Großstädten, die wenig bis gar nichts dagegen haben, wenn ihr minderjähriger Sohn kifft oder ihre Tochter eine wilde Affäre hat - und sei es mit einer Frau.

Die Grenze zwischen Sex und zu viel Sex

In vielen der Kurzgeschichten geht es um das Sexleben junger Frauen, dem die Gesellschaft viel weniger Grenzen setzen mag als in früheren Generationen, dem sie jedoch weiterhin Grenzen setzt. Zum Beispiel die feine Grenze zwischen: Sex mögen und Sex zu sehr mögen. Oder die noch feinere Grenze zwischen: derben Sex mögen und derben Sex ausstrahlen.

So erzählt Holmes in der Titelgeschichte von der 16-jährigen Barbara, die von ihren Mitschülern als Schlampe gemobbt wird. "Ich war vielleicht leicht zu haben", sagt Barbara, "legte aber großen Wert auf Qualität. Das hieß: gute Zähne, gute Haut und große Hände." Zudem folgt sie einer Regel: "Pro Junge nur einmal, und wenn mir die Jungs ausgehen, dann wird es Zeit fürs College". Als sie eine Zusage der Elite-Uni Princeton erhält, verstärkt das den Spott der Mitschüler noch einmal.

In einer anderen Geschichte erzählt Holmes von Jason und seiner besten Freundin Beth, die ihre Vagina ordinär Möse nennt, am liebsten fettes Bringdienst-Essen isst und in der gemeinsamen WG bevorzugt in Unterwäsche rumläuft, aus der am Rand massig Haare hervorquellen. "Im Grunde war sie eine ekligere, aber auch nettere Version jeder denkbaren Frau", sagt Jason. Mit ihr schlafen will er nicht, das heißt: nicht noch einmal. An dem Abend, an dem sie sich kennengelernt haben, sind sie besoffen im Bett gelandet. Doch am nächsten Morgen sah Jason im Bett nebenan Beths Mitbewohnerin: "eine Mischung aus Playboy-Bunny und Crossläuferin".

Holmes erzählt Coming-of-Age-Geschichten junger Menschen, die sich zu flüchtigem Sex aufraffen können, aber zu sonst nicht sehr viel. Auch nicht dazu, erwachsen zu werden.

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Zum Autor
Maria Feck/ DER SPIEGEL
Tobias Becker, Jahrgang 1977, ist Redakteur im Kulturressort des SPIEGEL. Er berichtet über Theater, über Literatur und über den Zeitgeist in Wirtschaft und Gesellschaft. Seit 2013 ist er Juror im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

E-Mail: Tobias_Becker@spiegel.de

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insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Newspeak 10.06.2015
1. ...
Ich kann mich auch zu nichts aufraffen. Bin ich damit Teil einer "Generation XYZ"? Wann wird meine langweilige Existenz Teil einer Kurzgeschichte? (man wird sie selber schreiben müssen, fürchte ich). Das nur nebenbei. Zur Sache. Es mag sein, daß es bestimmte Geschichten für bestimmte Gelegenheiten gibt. Es wäre meiner Meinung nach aber falsch, zu glauben, das sich diese Dinge so oberflächlich entsprechen müssten. Wer für träge Sommertage träge Literatur empfiehlt, macht irgendwie, für mich und ganz diffus gefühlt, etwas ganz falsch. Wo ist der Anspruch? Wo ist das Gefühl, daß Literatur einen auch einmal mit mehr überraschen kann, als man selbst erwartet oder schon kennt? Wo ist Komplexität, die beim Lesen auch mal anstrengt, dabei aber Erkenntnis bringt? Wo ist das Anregend-Inspirierende? Ist es die Bräsigkeit von Merkel-Deutschland, die tatsächlich überallhin abfärbt, oder ist es nur die Fokussierung auf die subjektiv wahrgenommene Bräsigkeit, die einen alles so sehen lässt und wenn ja, wo ist der Ausweg aus dieser selbstverschuldeten Langeweile? Nebenbei, die Fokussierung auf Sex und körperliche Äußerlichkeiten (hervorquellende Schamhaare) sagt mal wieder mehr über die Marotten der Amerikaner aus, als es von der Autorin vielleicht gewünscht bzw. selbst wahrgenommen wird.
ralpher 10.06.2015
2. Erwachsen werden...
Mich würde sehr interessieren, was der Rezensent darunter versteht "nicht erwachsen zu werden". Das ist eines der Meme, das momentan in Deutschland unglaublich populär ist und von dem niemand so genau weiss was es eigentlich bedeuten soll. Als "Literaturkritiker" ist dass dann immer wunderbar einfach zu schreiben "In dem Buch gehts darum, dass die Hauptpersonen nicht erwachsen werden wollen". Das passt immer... .
santoku03 10.06.2015
3. Eklig
Zitat von NewspeakIch kann mich auch zu nichts aufraffen. Bin ich damit Teil einer "Generation XYZ"? Wann wird meine langweilige Existenz Teil einer Kurzgeschichte? (man wird sie selber schreiben müssen, fürchte ich). Das nur nebenbei. Zur Sache. Es mag sein, daß es bestimmte Geschichten für bestimmte Gelegenheiten gibt. Es wäre meiner Meinung nach aber falsch, zu glauben, das sich diese Dinge so oberflächlich entsprechen müssten. Wer für träge Sommertage träge Literatur empfiehlt, macht irgendwie, für mich und ganz diffus gefühlt, etwas ganz falsch. Wo ist der Anspruch? Wo ist das Gefühl, daß Literatur einen auch einmal mit mehr überraschen kann, als man selbst erwartet oder schon kennt? Wo ist Komplexität, die beim Lesen auch mal anstrengt, dabei aber Erkenntnis bringt? Wo ist das Anregend-Inspirierende? Ist es die Bräsigkeit von Merkel-Deutschland, die tatsächlich überallhin abfärbt, oder ist es nur die Fokussierung auf die subjektiv wahrgenommene Bräsigkeit, die einen alles so sehen lässt und wenn ja, wo ist der Ausweg aus dieser selbstverschuldeten Langeweile? Nebenbei, die Fokussierung auf Sex und körperliche Äußerlichkeiten (hervorquellende Schamhaare) sagt mal wieder mehr über die Marotten der Amerikaner aus, als es von der Autorin vielleicht gewünscht bzw. selbst wahrgenommen wird.
Aber das ist doch nun wirklich eklig.
hardliner2015 10.06.2015
4. Ekelig und Retarded
Ja, in Amerika ist alles nicht nur alles ekelig, sondern auch retarded. Ich nehme mal an, dies ist so ein typisches Buch, ganz nach dem Motto "Lets get retarded". Offenbar ein Buch das den amerikanischen Geschmack so richtig schön demonstriert.
ffmfrankfurt 10.06.2015
5. Wer braucht
so eine dümmliche Literatur? Hat das überhaupt noch etwas mit Literatur zu tun, oder ist es so oberflächlich aussagelos wie die Biographie gut zwanzigjähriger Fußballer?
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