Romandebüt von Tomte-Sänger Uhlmann Ein Buch wie ein Bier

Auf der Grenze zwischen Plauderei und Literatur: Thees Uhlmann, Sänger der Band Tomte, hat seinen Debütroman mit dem Titel "Sophia, der Tod und ich" geschrieben. Jonas Leppin war mit ihm bei der Bücherübergabe - und ist hin und weg.

Jonas Leppin

Es ist Freitag, Mitte September, als die ersten Exemplare von "Sophia, der Tod und ich" im Verlagshaus von Kiepenheuer & Witsch in Köln eintreffen. Die Bücher liegen auf dem Tisch der Lektorin, während Thees Uhlmann am offenen Bürofenster steht, raucht, redet. Sofort tönt dieser norddeutsche "Moin! Ich bin der Thees"-Singsang, bei dem die ganze Biografie bereits mitklingt: Uhlmann, nun auch schon 41 Jahre, Sänger und Texter der Band Tomte, Solokünstler, Indie-Label-Gründer, St. Pauli-Fan.

Eine Begegnung mit ihm, das ist wie ein Wimmelbilderbuch aufzuschlagen. Uhlmann zeigt auf den Bahnhofsvorplatz und sagt: "Der Straßenmusiker da, den hab ich lieb gewonnen." Dann sucht er Handybilder aus Wien, wo er neulich am Grab von Falco war. "Dort stehen immer frische Blumen." Uhlmann ist voll mit solchen Beobachtungen. Der müsste mal ein Buch schreiben, denkt man. Und dann: Oh Gott, hat er ja.

Die gute Nachricht ist, dass Uhlmann einen Roman genau auf der Grenze zwischen Plauderei und Literatur geschrieben hat: Beim Ich-Erzähler klingelt eines Tages der Tod an der Tür, und kurz darauf beginnt er mit ihm eine Reise durch die Republik. Begleitet von der ruppigen Ex-Freundin Sophia und angereichert mit einem Bündel Lebensweisheiten. Ein Roadtrip für Himmel und Hölle sozusagen. Wäre das Buch ein Bier, es wäre mit Liebe gebraut. Und wenn der Rausch einsetzt, verzeiht man ihm auch einige Plattitüden.

"Ich dachte, die Lektorin macht nur die Fehler raus"

Begonnen hat Uhlmann den Roman in seiner Küche, im Januar 2014. Er hörte die Morgenandacht im Deutschlandfunk, brachte sein Kind zur Schule und dann: Fenster auf, kalte Berliner Winterluft rein, mit Kaffee und Zigaretten "den Kreislauf hoch geballert" und los geschrieben.

Es habe noch zwei andere Romanideen gegeben, aber an die eine mag er sich nicht mehr erinnern und die andere war es, eine Textsammlung zu wichtigen Hauptwörtern zu schreiben: Auto, Haus, Müllverbrennungsanlage. "Wenn wir ehrlich sind, war die Idee scheiße", sagt Uhlmann. Eine Reise mit dem Tod aber, der kindlich-naiv durch die Welt der Lebenden reist, diesen Einfall fanden alle gut.

In Köln spricht Uhlmann nun mit Lektorin Kerstin Gleba über die bevorstehende Lesetour. Sie ist seit über 20 Jahren in diesem Geschäft, inzwischen als Cheflektorin, und kann sich auf die Visitenkarte schreiben, nicht immer die gängigen Schreiber in den Literaturbetrieb gebracht zu haben: Sie betreute bereits Christian Kracht ("Faserland"), Benjamin von Stuckrad-Barre ("Soloalbum") und Benjamin Lebert ("Crazy"). "Jedes Buch war ein Wunschkind, aber das mit Thees lag mir besonders am Herzen", sagt sie.

Nun zu den Lesungen. Geplant sind "80 Minuten plus Zugabe". Das klingt vertraut. Der Rest ist neu. "Komm ich einfach rein, sage 'Moin' und beginne zu lesen?" - "Stuckrad-Barre hat vorher immer Musik gespielt" - "Dann will ich das 'Benny Hill Show'-Thema" - "Ernsthaft?" - "Quatsch. Ich will die Lesung so weit wie möglich von der Musik entfernt machen."

Uhlmann sitzt da, dunkelblaues Shirt, tiefe Jeans, aus der die Boxershorts hervorlugt, und sagt: "Am Anfang dachte ich, Lektoren machen nur die Fehler raus." Neben ihm eine Bücherwand und ein handbemalter Teller mit der Aufschrift "Kiwi ist Kult" - ein Weihnachtsgeschenk von Frank Schätzing. Uhlmann ist jetzt auch ein Autor. Der Teller ist eine Art Messlatte.

Einen Buchvertrag hat Uhlmann schon seit zwölf Jahren. Damals, als seine Band Tomte das dritte Studioalbum "Hinter all diesen Fenstern" herausbrachte, druckte Uhlmann kurze Song-Anekdoten ins Booklet. Kurz darauf schrieb Gleba ihm einen Brief: "Für mich war Thees damals schon der geborene Erzähler. Er hatte Begabung, Gefühl, Timing", sagt sie.

"Seite 42 glaube ich dir nicht"

Gleba gab ihm einen Vertrag. Uhlmann war vor allem begeistert, damit seine Mutter zu beruhigen. Zwei Band-Alben und zwei Solo-Alben später begann Uhlmann dann tatsächlich zu schreiben. Zu Beginn sagte Gleba: "Ein gutes Buch hat 300 Seiten." Uhlmann sagte: "Ein guter Song dauert dreieinhalb Minuten inklusive Gitarrensolo." Dann bekam er Angst.

Uhlmann kaufte sich das Hörbuch "Building Bridges" von Stephen King, in dem der amerikanische Schriftsteller über das Leben und das Schreiben philosophiert und begann den täglichen Küchenkampf mit den Figuren, die er sich ausgedacht hatte.

Im April 2014 las Uhlmann als Überraschung im Vorprogramm des Komikers Oliver Polak aus den ersten 50 Seiten des Romans. Gleba saß im Publikum und hörte zum ersten Mal die Geschichte, die sie später zu einem Buch formen sollte. "Da wusste ich: Es funktioniert", sagt sie.

Das Buch selbst wurde dann zum Prozess. Thees Uhlmann sei ein Deadline-Schreiber, sagt Gleba. Alle zwei Monate trafen sie sich in Köln. Am Ende wurde Uhlmann vom Pförtner gegrüßt.

Auch die Kollegen im Verlag gewöhnten sich daran, wenn Gleba mit klarer Stimme rief "Seite 42 glaube ich dir nicht" und Uhlmann darauf das Büro verließ, um noch in der Nacht seinen Text umzuschreiben. Im Morgengrauen schickte er seiner Lektorin dann eine Mail, danach stand der Text. Dazu sagt Uhlmann dann einen dieser Uhlmann-Sätze, die man nicht so richtig schlau kommentieren kann: "Ich wollte Kerstin gefallen. Das war ein guter Motor." Auf der letzten Buchseite findet sich nun eine bittersüße Widmung für seine "Lektorin und Verlegerin".

Die Bürotür öffnet sich. Zwei Männer, die den Social-Media-Auftritt des Verlags betreuen, wollen Fotos machen. Uhlmann signiert zum ersten Mal sein eigenes Buch. Eine Mitarbeiterin fragt nach Talkshow-Auftritten und seinem Auftritt auf der Buchmesse. "Gern auch ein paar Schülerzeitungen. Die sind noch nicht so moderat, sondern sagen einfach 'Herr Uhlmann, Ihr Buch ist besser als Ihre Musik! Warum?'", sagt Uhlmann.

Die Ideen zum Schreiben seien für ihn als Songwriter und Autor gleich geblieben, sagt Uhlmann später. "Ich laufe durch die Gegend, und wenn mir bei Budni an der Kasse eine Frau mit besonderen Fingernägeln auffällt, kann ich daraus etwas machen." Bei einem Song würde alles nur schneller gehen: "Da bist du morgens Schülerband und abends ein Held."

Die Frage, die nun kommen müsste und die von anderen schreibenden Musikern handelt, hat Uhlmann vorher schon elegant umschifft: "Ich habe im vergangenen Jahr kein Buch gelesen. Ich wollte mich nirgendwo inspirieren lassen." Eine neue Idee habe er aber schon. Denn nur mit einem zweiten Buch, so die Faustregel, würde er beim Kiwi-Verlag auch ein Autorenbild im Flur bekommen.

Zum Autor
Jonas Leppin schreibt für den SPIEGEL über Kultur, davor war er Redakteur des Manager Magazins und besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule.

E-Mail: Jonas_Leppin@spiegel.de

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
cincinna 08.10.2015
1.
Thees Uhlmann hat vor Ewigkeiten schon mal ein Buch geschrieben – die "Tocotronic-Tourtagebücher". Sein erstes ist es also nicht.
karlbrandt 08.10.2015
2. Die Letzten
Thees Uhlmann, Oli Schulz, Philipp Poisel... Die Letzten Guten Musiker in Deutschland! (Ein paar Rapper ausgenommen). Zwischen Helene Fischer und Wanda halten sie die Fahne des guten Geschmacks und der Kunst hoch
aha,soistdasalso... 08.10.2015
3. Schlecht recherchiert Herr Leppin
Zitat von cincinnaThees Uhlmann hat vor Ewigkeiten schon mal ein Buch geschrieben – die "Tocotronic-Tourtagebücher". Sein erstes ist es also nicht.
Und wo ist es damals besonders gut angekommen? http://www.spiegel.de/kultur/musik/tocotronic-tourtagebuch-goliath-gott-und-punkrock-a-108564.html
stranzjoseffrauss 08.10.2015
4. Test wimmelt von Namedroppings und Pseudo-Coolness
Aber ob die Geschichte interessant ist, erfahren wir nicht.
niska 08.10.2015
5.
Zitat von stranzjoseffraussAber ob die Geschichte interessant ist, erfahren wir nicht.
Ist doch unwichtig. Wenn du das Buch überm IKEA-Bettchen stehen hast kriegts du jede Coole rum... Die Bibel oder Mein Kampf liest ja schliesslich auch niemand...
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