Soziologin Illouz "Macht euren Kinderwunsch nicht von Liebe abhängig!"

Wer ist schuld, wenn die Beziehung scheitert? In ihrem neuen Buch "Warum Liebe weh tut" zeigt Forscherin Eva Illouz, warum Männer emotionale Kapitalisten sind und Frauen sich an Homosexuellen orientieren sollten. Im Interview erklärt sie ihr radikales neues Beziehungsmodell.

Soziologin Eva Illouz: "Jede Form von rücksichtslosem Verhalten ist erlaubt"
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Soziologin Eva Illouz: "Jede Form von rücksichtslosem Verhalten ist erlaubt"


SPIEGEL ONLINE: Frau Illouz, in Ihrem neuen Buch "Warum Liebe weh tut" schreiben Sie, man müsse aufhören, die modernen Liebenden mit Rezepten für ein gesundes und schmerzfreies Liebesleben zu traktieren. Sind Sie gegen Selbsthilfeliteratur?

Illouz: Ich wollte tatsächlich eine Alternative zur psychologischen Sprache der Selbstbezichtigung aufzeigen. Unser Denken und Sprechen über die Liebe ist völlig diesem Vokabular unterworfen. Wird man verlassen und ist erschüttert darüber, heißt es, man würde "zu sehr lieben". Will ein Mann keine traditionelle Beziehung, heißt es, er habe "Bindungsangst". Die Psychologie, und ich spreche hier von ihrer vulgären Variante, nimmt an, dass wir als Individuen verantwortlich für unser Schicksal sind - und dass Leiden vermeidbar ist, wenn wir genug an uns arbeiten. Das glaube ich so nicht. Viele Ursachen des Liebesschmerzes sind kollektiv.

SPIEGEL ONLINE: Welche kollektiven Ursachen meinen Sie?

Illouz: Unsere Kultur hat angefangen, es als Zeichen von Abhängigkeit zu sehen, wenn wir uns leidenschaftlich verlieben. Leidenschaft erscheint uns suspekt, uncool, ein bisschen hysterisch. Trotzdem tut die Liebe heute weh - und zwar weil sich die gesellschaftlichen Bedingungen der Partnerwahl verändert haben. Wir sind mit einer ungeheuren Auswahl möglicher Partner konfrontiert, und wir versuchen, so viel sexuelle und emotionale Erfahrung wie möglich anzuhäufen.

SPIEGEL ONLINE: Heißt das, der moderne Liebende ist egoistisch?

Illouz: Der Raum der Liebe ist heute völlig frei von Normen: Jede Form von rücksichtslosem Verhalten ist erlaubt. Liebe, Ehe und Partnerschaft sind nicht mehr von sozialen Verbindlichkeiten geregelt: Wir begreifen sie als Ergebnis des wundersamen Zusammentreffens zweier privater Willen. Nur erweist sich dieser Wille als recht kompliziert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagen, wir könnten uns nicht mehr für jemanden entscheiden. Woher kommt diese Zaghaftigkeit?

Illouz: Sich zu binden, ist immer ein Glaubensakt - man weiß nicht, ob es mit der Liebe funktioniert und muss die Möglichkeit akzeptieren, dass man sich nicht an die bestmögliche Person bindet. Die Existentialisten hatten recht: Man definiert sich durch die Entscheidungen, die man trifft. Nur wird es immer schwerer, sich zu entscheiden. In unserer Welt der unzähligen Wahlmöglichkeiten kommt es zu Ambivalenz und Apathie: Nicht nur der Wille kommt einem abhanden, sondern sogar das Begehren.

SPIEGEL ONLINE: Ein Ziel Ihres Buches, schreiben Sie, sei, das Leiden an der Liebe zu lindern. Wie wollen Sie das tun?

Illouz: Ich möchte, dass Frauen aufhören, sich für das Scheitern einer Beziehung verantwortlich zu fühlen - oder wertlos, weil ein Liebhaber sie verlassen hat. Tatsächlich hat ein großer Teil des romantischen Leidens institutionelle Gründe. In der Moderne erfahren wir Bestätigung größtenteils durch die Liebesbeziehung. Das gilt für Männer ebenso wie für Frauen, nur sind Frauen stärker darauf angewiesen, weil sie meistens noch immer weniger stark im öffentlichen Leben verankert sind. Das Scheitern einer Beziehung fühlt sich für sie oft so an, als werde ihr Selbstwert untergraben. Es gibt eine Asymmetrie zwischen den Geschlechtern - nicht, weil Frauen an sich schwächer wären, sondern aufgrund des sozialen Arrangements. Als Feministin ging es mir darum, die Mechanik dieser emotionalen Asymmetrien aufzuzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Beschreibung dieser Asymmetrie zielt vor allem auf Frauen ab, die Kinder wollen.

Illouz: Tatsächlich ist die Liebe am kompliziertesten für Frauen, die Familienleben mit Romantik - und das heißt heute: ihrer eigenen Freiheit und Autonomie - kombinieren wollen. Eine Frau, die sich für Familie entscheidet, wird abhängiger vom Wohlwollen eines Mannes. In vormodernen Zeiten war es für Männer selbstverständlich, einen Haushalt zu gründen. Heute ist ein konventionelles häusliches Arrangement für sie weit weniger dringlich. Sie haben in der Kinderfrage mehr Zeit, außerdem hängt ihr sozioökonomischer Status weniger von Heirat und Familie ab. Frauen, die heute eine konventionelle Familie wollen, haben keine Handhabe, ein anderes Arrangement der Geschlechter zu fordern: Beziehungen sind heute weitgehend durch Freiheit und Autonomie definiert.

SPIEGEL ONLINE: Ein Schlüsselbegriff scheint da "erotisches Kapital" zu sein. Was genau bedeutet das?

Illouz: Das erotische Kapital bezeichnet, wie attraktiv wir für andere sind, die Menge unserer sexuellen Erfahrung, die Zahl unser Sexualpartner - und wie wir all das in soziales Kapital konvertieren können. Wir denken über uns selbst in Begriffen der sexuellen Leistung, davon müssen wir wegkommen. Ich habe keine moralische Sicht auf den Sex, aber den Selbstwert an sexuelle Attraktivität oder sexuelle Leistung zu binden, erweitert die Bandbreite unserer Begegnungen nicht. Im Gegenteil: Es engt uns ein.

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