Spekulation um Schriftstellertod Wurde Albert Camus vom KGB ermordet?

Albert Camus war ein Freund klarer Worte - auch gegen die Politik der Sowjets bezog er immer wieder kritisch Stellung. Jetzt behauptet die italienische Zeitung "Corriere della Sera", der Literaturnobelpreisträger sei vom sowjetischen Geheimdienst getötet worden.

Albert Camus im Jahr 1947: Gefeiert von Intellektuellen, gefürchtet von Sowjetpolitikern
AFP

Albert Camus im Jahr 1947: Gefeiert von Intellektuellen, gefürchtet von Sowjetpolitikern


Hamburg - Frankreichs Intellektuelle trugen Trauer, als Albert Camus am 4. Januar 1960 bei einem Autounfall ums Leben kam. Der Romancier war auf dem Weg von der Provence nach Paris. Eigentlich hatte er mit seiner Frau und seinen beiden Kindern die Bahn nehmen wollen, doch kurzfristig bot sein italienischer Verleger Michel Gallimard an, ihn in die französische Hauptstadt zu chauffieren. Das Auto kam von der vereisten Straße ab und knallte gegen einen Baum. Camus starb vor Ort, Gallimard drei Tage später in einem Krankenhaus.

Für Frankreich und die Literaturwelt eine Tragödie; knapp drei Jahre zuvor hatte Camus, Autor von Werken wie "Der Fremde" und "Die Pest", den Literaturnobelpreis erhalten. Jetzt nährt die italienische Zeitung "Corriere della Sera" Spekulationen, dass der Unfall in Wirklichkeit keiner gewesen sei: Spione des KGB hätten den sowjetkritischen Autor umgebracht, das Crash-Auto sei entsprechend manipuliert gewesen.

Das Blatt bezieht sich dabei auf Aussagen des italienischen Intellektuellen und Dichters Giovanni Catelli, der sich wiederum auf unveröffentlichte Passagen aus dem Tagebuch des tschechischen Übersetzers und Dichters Jan Zábrana beruft. Darin beschreibt Zábrana, dass ihm ein Informant zugetragen habe, dass KGB-Mitarbeiter das Auto von Verleger Gallimard präpariert hätten. Und weiter: Die Order für den Mord sei direkt vom früheren sowjetischen Außenminister Dmitrij T. Schepilow gekommen.

Tatsächlich hatte Albert Camus den Sowjet-Politiker direkt angegriffen; in einem Artikel über den niedergeschlagenen Aufstand in Ungarn 1956 nannte er den Vorgang das "Schepilow-Massaker". Aber reicht das für einen Mordauftrag? Gegen die Mordtheorie spricht, dass Camus sich kurzfristig zur Autotour nach Paris entschlossen hatte, der KGB hätte also kaum Vorbereitungszeit für das Attentat gehabt. Das Bahnticket soll noch in der Jackentasche des toten Schriftstellers gesteckt haben.

cbu

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allereber 07.08.2011
1. Stasi überall
Zitat von sysopAlbert Camus war ein Freund klarer Worte - auch gegen die Politik der Sowjets bezog er immer wieder kritisch Stellung. Jetzt behauptet die italienische Zeitung "Corriere della Sera", der Literaturnobelpreisträger sei vom sowjetischen Geheimdienst getötet worden. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,778847,00.html
Denkt an Lutz Eigendorf. Ermordet durch zwei Autounfälle in Grassel bei Braunschweig.
oma_kruse 07.08.2011
2. Lange Kette
Der Spiegel hat's vom Corriere della Sera Der Corriere della Sera hat's von Giovanni Catelli Giovanni Catelli hat's von Jan Zábrana Jan Zábrana hat's von Informant (unbekannt) Informant (unbekannt) hat's von ??? ??? hat's von XXX Wow! Man merkt, es ist Sommerloch!
Porgy, 07.08.2011
3. Warum nicht der französische Geheimdienst?
Zitat von sysopAlbert Camus war ein Freund klarer Worte - auch gegen die Politik der Sowjets bezog er immer wieder kritisch Stellung. Jetzt behauptet die italienische Zeitung "Corriere della Sera", der Literaturnobelpreisträger sei vom sowjetischen Geheimdienst getötet worden. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,778847,00.html
Albert Camus hatte sich im Algerienkrieg (1954-1962) eindeutig auf die Seite der nach Unabhängigkeit strebenden arabisch-berberischen Algerier gestellt und seine Popularität und seine intellektuellen, politischen journalistisch-schriftstellerischen Fähigkeiten dafür auch zur Verfügung gestellt. Warum also sollte, wenn man schon solche Spekulationen anstellt, nicht der französische Geheimdienst Camus ermordet haben? Zu solchen Taten ist der französische Geheimdienst durchaus fähig, siehe: http://www.heise.de/tp/artikel/31/31155/1.html Wohl gesagt: Ich behaupte nicht, "es war so", nur dass andere wohl mehr Grund dafür gehabt hätten, Camus zu ermorden.
choke123 07.08.2011
4. neee
Glaub ich ned. Die Verwicklungen im Falle einer Aufdeckung wären zu extrem gewesen, als das sich das gelohnt hätte.
langenscheidt 07.08.2011
5. Informanten
Meine gut informierte Quelle hat mir zugesteckt, es war die vereiste Straße und die überhöhte Geschwindigkeit. Man spiele das Szenario durch: der sowjetische Außenminister fühlt sich in seiner Potenz gekränkt von jemanden, der im Ostblock zu der Zeit nicht zu lesen war. Sprich, die Leute in Sibirien und diesseits des Urals hatten nie eine Ahnung, was Albert Camus 1956 über den Außenminister sagte. Zu Lutz Eigendorf. Sein Tod durch die Stasi verursacht machte mehr Sinn. Die DDR-Bürger hatten permanent West-Medien zur Verfügung und konnten so sich Eins und Eins zusammenreimen, wer in den Westen abhaue usw...
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