Dauer-Bestseller "Der Circle" Eigentlich das Buch des Jahres

Die einen lieben dieses Buch, die anderen verreißen es: Dave Eggers' "Der Circle" ist auf der SPIEGEL-Bestsellerliste der Wiederaufsteiger der Weihnachtszeit. Wir beantworten die entscheidende Frage: Und das soll ich lesen?

Facebook-Hauptquartier in Kalifornien: "Spuren der Fiktion in der Wirklichkeit"
DPA

Facebook-Hauptquartier in Kalifornien: "Spuren der Fiktion in der Wirklichkeit"


An dieser Stelle nehmen wir uns jede Woche den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerlisten vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle. Diesmal: Dave Eggers' "Der Circle", Dauerseller seit August und der Wiederaufsteiger der Weihnachtszeit.

Keller: "Der Circle" liegt schon eine gefühlte Ewigkeit auf meinem Demnächst-unbedingt-lesen-Stapel, bei dem sich mir zwar nicht die Frage stellt: Und das soll ich lesen?, aber dafür die viel schlimmere: Und wann soll ich das lesen? Liegt es da zu Recht oder sollte ich anderen Büchern Platz machen?

Hammelehle: Von vielen Rezensenten ist "Der Circle" gefeiert worden, von mindestens ebenso vielen verrissen. Zumindest, was die Aufmerksamkeit, die das Buch erregt hat, angeht, seinen Erfolg und die gesellschaftliche Bedeutung, ist es eigentlich das Buch des Jahres. Was die literarische Qualität angeht, vielleicht nicht unbedingt. "Der Circle" ist ein echter Pageturner, aber auch ein bisschen platt.

Keller: Auf wessen Lesestapel sollte das Buch sonst noch liegen?

Hammelehle: Ich bin weit davon entfernt, Lesebefehle zu erteilen, wir sind hier ja schließlich nicht bei "Shades of Grey" - aber: Letztlich hat jeder, der schon mal mit Internet und Digitalisierung zu tun hatte, der sich mit Facebook, Google oder NSA auseinandergesetzt hat, einen Grund, den "Circle" zu lesen. Wie schrieb die Rezensentin der "FAS"? Nach der Lektüre meine man "überall Spuren der Fiktion in der Wirklichkeit zu finden". Ging mir auch so. Und ich war unglaublich froh, dass ich kurz zuvor in der Redaktion den zweiten Computerbildschirm abgelehnt hatte, den man bei mir installieren wollte. Im "Circle" erkennt man die wirklich gehirngewaschenen Anhänger des Systems an den vielen Bildschirmen auf ihrem Schreibtisch.

Keller: Welche Bücher aus diesem Herbst willst du während der Feiertage noch unbedingt lesen, bevor es mit dem Frühjahrsbuchprogramm los geht?

Hammelehle: Aus diesem Herbst? Nichts. In den Ferien lese ich nur Klassiker. Wenn ich's in der Buchhandlung meines Vertrauens auf Anhieb finde, kaufe ich mir diesmal vielleicht Tolstois "Anna Karenina."

Keller: Kommen wir kurz zur Jahresrückschau-Tradition: Was sind für dich neben Eggers die Bücher des Jahres?

Hammelehle: Du meinst, die wirklich besten Bücher des Jahres 2014? "Vielleicht Esther" von Katja Petrowskaja hat ein paar Schwächen in den ersten Kapiteln - aber dann ist es wirklich großartig. Außerdem: "Kruso" natürlich. "Gräser der Nacht" von Modiano. Und als good read Murakami.

Keller: Meine persönliche Bestenliste führt immer noch Nino Haratischwilis epischer Familienroman "Das achte Leben" an. Und tatsächlich auch das Hundebuch "Sirius" von Jonathan Crown, auch wenn mir auf Anhieb ziemlich viele Menschen einfallen, denen das Buch vermutlich zu albern und zu süßlich wäre. Darunter auch du.

Maren Keller ist Redakteurin beim Kulturspiegel. Sie wird über die Feiertage den ersten Krimi von J.K.Rowling lesen, nachdem sie dank dieser Kolumne den zweiten Band für sich entdeckt hat.

Sebastian Hammelehle ist Kulturredakteur bei SPIEGEL ONLINE. Das Jahr 2015 beginnt für ihn mit Ian McEwans neuem Roman "Kindeswohl".

Vergangene Woche in Und das soll ich lesen?: "Gregs Tagebuch 9: Böse Falle!" von Jeff Kinney.

Nach einer Festtagspause geht es bei uns weiter am 15. Januar 2015.

LITERATUR SPIEGEL auf Facebook

Buchtipps für den Winter
Corbis

Ein Prosit den Gärtnern: Die Bestseller-Autorin Amy Stewart hat ein "Botanisches Barbuch" geschrieben. Sie erzählt, was Bildungstrinker über Blumen und Bäume wissen müssen.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Roberta Schneider

Ein faszinierend kluger Essayband über die Gefahren, das Glück und die Erkenntnisse, die eine ganz spezielle Sportart mit sich bringt: "Die Philosophie des Kletterns".
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Mathias Bothor

Humor-Bigstyler trifft Hochliteraten: In "Der in sein Haus gestopfte Jäger" präsentiert Heinz Strunk Texte von Botho Strauß – und die Realität als Freakshow.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Theo Cote

Der "New Yorker" nennt sie "einen der originellsten Köpfe der amerikanischen Literatur": Mit dem Erzählband "Kanns nicht und wills nicht" zeigt Lydia Davis, warum sie von anderen Schriftstellern bewundert wird.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Getty Images

Weit mehr als ein Abgesang auf das Habsburger Reich: Ludwig Winders "Der Thronfolger" bietet einen faszinierenden Einblick in die anachronistische Parallelwelt von Europas Herrscherkaste vor 1914 – und wird mit Joseph Roths Großwerk "Radetzkymarsch" verglichen.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Barbara Sibley/ Suhrkamp

Aufwachsen im Schatten des Drogenkrieges: In ihrem Roman "Gebete für die Vermissten" erzählt Jennifer Clement von einem Mädchen, das sich durchs Narco-Elend von Mexiko schlägt.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Yves Noir

Den Kapitalismus nicht den Märchenonkeln überlassen: In "Die Unternehmer" erzählt Matthias Nawrat die Geschichte einer Familie, die noch an das Glück des Tüchtigen glaubt.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Studiocanal

Wer im Winter 2014 nicht in Paddington verliebt ist, hat etwas falsch gemacht - und ändert diesen Zustand am besten nicht im Kino, sondern mit diesem Buch.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Kirill Golovchenko

Eine 50-Jährige Journalistin wird in Angelika Overaths "Sie dreht sich um" von ihrem Mann verlassen - und findet in den Museen von Boston, Paris oder Edinburgh unerwartetes Verständnis: bei den Frauen auf den Gemälden.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Erika Bobly-Hansen

Die Slacker der DDR: Christoph Brummes "Ein Gruß von Friedrich Nietzsche" ist ein Gegenentwurf Lutz Seilers Buchpreis-Siegertitel. Auf Rübermachen hat hier keiner Lust.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Jörg Steinmetz

Das schönste und kühnste Debüt des Jahres: In "Die Meisen von Uusimaa singen nicht mehr" erzählt Franz Friedrich von einer Dokumentarfilmerin, einer Studentin und einer finnischen Insel.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

DPA

Der zwanglose Zwang zum besseren Buch: Die Bedeutung von Jürgen Habermas für das intellektuelle Leben der Bundesrepublik ist gewaltig - warum, erklärt Stefan Müller-Doohm einer ausgesprochen zugänglichen Biografie.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

BANK

Orientalische Pracht: Wie sein berühmtes Vorbild erschien auch "Tausend und Ein Tag" in Europa erstmals im 18. Jahrhundert. Nun liegen die faszinierenden "Morgenländischen Erzählungen" schön illustriert und neu übersetzt auf Deutsch vor.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Lukas Beck

Wer Wolf Haas schätzt, hat dessen neuen Roman "Brennerova" schon gelesen. Wer ihn aber noch nicht kennt, sollte ihm einen Platz auf seinem Wunschzettel einräumen.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Getty Images

Göttlicher Römer, großartiges Werk: In "Divus Augustus" schildern drei Wissenschaftler den ersten römischen Kaiser und seine Regentschaft - und schaffen ein vielfältiges, klug unterhaltendes Zeitpanorama.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Paca Flores

Eine mexikanische Trilogie: Yuri Herreras "Die Sonne. Der König. Der Tod" versammelt drei Romane aus der Welt der Drogenkartelle, der sinnlosen Gewalt, der illegalen Einwanderer in den USA.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Sepp Dreissinger

Eigenwillig in Worte gefasste Alltagssplitter, kunstvoll drapiert: Xaver Bayers "Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich".
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

DPA

Mircea Cartarescu gilt als Nobelpreisfavorit: Sein Roman "Die Flügel" ist ein Porträt der rumänischen Gesellschaft während des Sturzes des Staats- und Parteichefs Nicolae Ceausescu 1989.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Jerry Bauer/ Suhrkamp

Es soll Briefbände geben, deren Lektüre sich lohnt. Samuel Becketts "Ein Unglück, das man bis zum Ende verteidigen muß. Briefe 1941-1956" gehört dazu.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Bernard van Dierendonck

Ein tolles Jugendbuch, das einen sagenhaften Helden bietet und sich doch nicht in Phantasy-Klischees erschöpft: Lukas Hartmanns Abenteuerroman "Mein Dschinn".
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

AP

Die Kunst, Ernst zu bleiben: In "Vox Angelica"schildert Werner Spies Max Ernsts turbulente Jahren in New York - und seinen Rückzug in die Einsamkeit.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Ruth Dreibl

Ein Sound, den man sogar beim Lesen hört: Der studierte Theologe Ewald Palmetshofer gilt als Theoretiker unter den Theaterautoren. "Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete" versammelt seine sechs wichtigsten Stücke.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Studio X

Daniel Kehlmann nennt John Burnside einen "Sprachschöpfer von einzigartigem Rang". Sein nun veröffentlichter Erstling "Haus der Stummen" ist das Porträt eines grausamen Psychopathen.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Olivier Roller/ Divergence/ StudioX

Menschliche Hybris und totalitäre Macht: Ismail Kadare erzählt in "Die Pyramide" die Geschichte vom Bau eines Weltwunders als eiskalte Parabel.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.

Carlo Mollino/ Damiani

Ein Buch, das Frauen zeigt - und dabei doch mehr von Männern als von Frauen erzählt: Ein Bildband mit Carlo Mollinos Polaroids bietet die gesammelten Werke eines sehr leidenschaftlichen Fotografen.
Lesen Sie hier die Kurzrezension des Buchs.



insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nnam 18.12.2014
1.
Die Gestaltung der Vision Außenminister Steinmeiers von einer Modernisierungspartnerschaft mit Russland wird aus der Perspektive der Betroffenen aus Schule, Kirche und Politik beider Länder in spannender Weise dargestellt! Die unerwarteten Erfolge führen hin zu einer Partnerschaft und Freundschaft! Ein Gegenpol zu zunehmender militärlastiger Außenpolitik und Säbelrasseln!
Kapaun 18.12.2014
2. Eher nicht
Ich weiß nicht, ich werde den "Circle" ziemlich sicher niemals lesen. Alles, was ich DARÜBER gelesen habe, klingt wie eine Ansammlung sämtlicher Mythen und Klischees, die sich ein Gutmenschen-Stammtisch im Laufe eines feuchtfröhlichen Abends ausdenken könnte. Muss ich nicht haben.
Kapaun 18.12.2014
3. Eher nicht
Ich weiß nicht, ich werde den "Circle" ziemlich sicher niemals lesen. Alles, was ich DARÜBER gelesen habe, klingt wie eine Ansammlung sämtlicher Mythen und Klischees, die sich ein Gutmenschen-Stammtisch im Laufe eines feuchtfröhlichen Abends ausdenken könnte. Muss ich nicht haben.
MrBuddyCasino 18.12.2014
4.
"Und ich war unglaublich zufrieden, dass ich kurz zuvor in der Redaktion den zweiten Computerbildschirm abgelehnt hatte, den man bei mir installieren wollte." Und das ganze Lehrerzimmer so: "Yeahh!". Eine rebellische Geste die unfreiwillig komisch wirkt. Zur Feier des Tages stellen wir uns dann russische Klassiker ins Regal und sind sehr pleased with ourselves.
esopherah 18.12.2014
5. eigentlich nicht
das Buch des Jahres war definitiv Akif Pirincci Deutschland von Sinnen. Lässt sich sogar belegen, er konnte über die Reaktionen sogar ein weiteres Buch schreiben. Beim Circle komm ich mir wie beim nächsten 20:15 Film vor, oh aktuelles Thema, blutleere Charakter die man irgendwie kennt und nicht mag.... Ja ist Geschmacksache, wie der Tatort. Deshalb kein Buch des Jahres! Deutschland von Sinnen dagegen, 8 Wochen Dauerfeuer der Kritiker die das Buch alle nicht gelesen haben und Argumentlos sabbernd diffamiert haben. Alleine 900 Ohrfeigen dafür bei der Zeit waren ein lesegenuss addon für das Buch des Jahres.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.