Thriller "Der Anruf" Der Spion und die Spionin, die sich liebten

Was geschah in Wien bei der Flugzeugentführung? Es ist die zentrale Frage des Romans von US-Thrillerautor Olen Steinhauer, in dem ein Ex-Liebespaar mit CIA-Hintergrund sich belauert.

Romanschauplatz Flughafen Wien-Schwechat
REUTERS

Romanschauplatz Flughafen Wien-Schwechat


Vertrauen und Verrat. Um diese beiden Begriffe kreisen alle Spionagethriller. Wem kann man überhaupt trauen, und ist nicht jeder unter bestimmten Umständen bereit, zum Verräter zu werden? Darum weiß natürlich auch der US-Schriftsteller Olen Steinhauer, der sich mit seinen Geschichten um den CIA-Mann Milo Weaver, vor allem aber mit seinem letzten Roman "Die Kairo-Affäre" einen Platz in der Champions League der Thrillerautoren verdient hat. In seinem neuen Buch "Der Anruf" lässt Steinhauer zwei Ich-Erzähler aufeinander los: Und es wird schnell klar, mindestens einer von beiden verrät das Vertrauen, das wir als Leser ihm zunächst entgegenbringen.

Henry und Celia waren einmal ein Paar, vor mehr als einem halben Jahrzehnt, in Wien, wo beide für die CIA arbeiteten und aus Kollegen Liebende wurden. Vielleicht hätten sie sogar eine gemeinsame Zukunft gehabt, wenn da nicht die Geschichte mit der Flugzeugentführung passiert wäre, bei der alle 120 Insassen starben. Und der Verdacht aufkam, dass jemand aus dem Wiener CIA-Büro den Terroristen Informationen zugespielt haben müsse.

Autor Olen Steinhauer
Nancy Crampton

Autor Olen Steinhauer

Jetzt, Jahre später, meldet sich Henry bei Celia. Er ist ein ausgebrannter Alkoholiker und immer noch bei der CIA, sie lebt die Illusion eines glücklichen Familienlebens im beschaulichen kalifornischen Städtchen Carmel. Hier, schlägt Henry vor, solle man sich treffen, um die letzten Unklarheiten wegen des Wien-Debakels auszuräumen.

Das gemeinsame Essen beginnt wie erwartet, beide sind nervös, freundlich, ein wenig zu bemüht, den anderen nicht zu verletzten. Man trinkt etwas zu schnell, redet um den heißen Brei herum, tauscht Erinnerungen aus. Doch schon bald verändert sich die Atmosphäre, wird aus dem angeblichen Routinegespräch ein Verhör. Und zwischen den beiden ehemaligen Liebenden verschärft sich der Ton zusehends.

Ein großartiger, raffiniert konstruierter Thriller

Steinhauers bisherige Romane entwickelten ihren Reiz durch die Vielzahl an Schauplätzen und Personen, die in einem nahezu undurchdringlichen Dickicht aus Abhängigkeiten miteinander verbunden sind und die zum Spielball von Intrigen werden, deren Sinn sie schon längst nicht mehr durchschauen. Die Idee, ein Zweipersonenbuch zu schreiben, kam Steinhauer, nachdem er die BBC-Verfilmung des Lang-Gedichts "The Song of Lunch" des britischen Autors Christopher Reid gesehen hatte, in der Alan Rickman und Emma Thompson ein früheres Paar spielen, das bei einem Mittagessen vergeblich versucht zu verstehen, was sie damals aneinander hatten.

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Seinen Anspruch, die Geschichte auf einen Ort und zwei Figuren zu beschränken, musste Steinhauer schließlich aufgrund der Komplexität seiner Geschichte aufgeben, ein großartiger, ein raffiniert konstruierter Thriller ist ihm mit "Der Anruf" dennoch gelungen. Bis zur allerletzten Seite hält er die Spannung, lässt den Leser ebenso darüber im Unklaren, was damals in Wien zur Katastrophe führte, als auch darüber, was Henry und Celia tatsächlich mit diesem Lunch bezwecken. Will Henry seine Ex-Freundin zurückgewinnen oder will er sie überführen, vielleicht sogar umbringen? Und hat Celia wirklich endgültig mit der CIA gebrochen, oder ist es eigentlich sie, die Henry eine Falle stellt?

Am Ende lässt Steinhauer uns mit vielen offenen Fragen zurück. Was ist ein Menschenleben wert? Kann man jemandem vertrauen, dessen Lebensinhalt aus Lügen besteht? Gibt es noch ein Richtig und ein Falsch, wenn man in einer moralischen Grauzone lebt? Und kann ein Verrat unter Umständen sogar die moralisch richtige Entscheidung sein? Dass es hierauf keine eindeutigen Antworten gibt, zeigen die besten Spionagethriller. Und die schreibt zurzeit Olen Steinhauer.

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muunoy 14.04.2016
1. Danke fuer den Tipp
Vielen Dank an die SPON-Redaktion fuer den Hinweis, dass es einen neuen Roman von Olen Steinhauer gibt. Das Buch steht schon auf meiner Einkaufsliste. Waehrend die aelteren "Tourist"-Romane von Olen Steinhauer von mir eher mit "na ja" bewertet werden, war die "Kairo-Affaire" fuer mich ein absolutes Highlight. O. k., Olen-Steinhauer kopiert in dem Buch ein wenig den Stil des grossen John Le Carre. Aber das muss ja nicht schlecht sein. Da ich oft im Ausland taetig bin und im Hotel das Fernsehprogramm nicht verstehe, nehme ich den eBook-Reader zur Hand. Das Problem mit der "Kairo-Affaire": Man bekommt definitiv zu wenig Schlaf, weil man das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann. Also sollte man das Buch besser nicht abends lesen, wenn man am naechsten Tag noch arbeiten muss. Nun bin ich gespannt, ob "Der Anruf" aehnlich gut ist.
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