Erinnerungsbuch "Spock und ich" Kirk im Kielwasser

William Shatner alias James T. Kirk hat seinem verstorbenen Freund Leonard "Spock" Nimoy ein persönliches Erinnerungsbuch gewidmet. Es ist die Geschichte einer Karriere, in der Shatner sich spiegelt.

Getty Images/ CBS

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"Spock und ich: Mein Freund Leonard Nimoy" ist eines dieser Prominenten-Bücher, das auf Interviews basiert. William Shatner, einst Darsteller des Captain James T. Kirk, hat dem Autor David Fisher, der branchenüblich als "Co-Autor" aufgeführt wird, die Geschichte seines Verhältnisses zu Nimoy erzählt. Es prägt den Stil des Buches. Man spürt die Sitzungen, aus denen dann Kapitel wurden: "Lassen Sie uns heute doch mal über ihre ersten Begegnungen reden..."

Natürlich kommt bei so etwas keine Literatur heraus, aber das erwarten Fans ja auch nicht. Sie erhoffen vertrauliche Einblicke in das Verhältnis der beiden "Star Trek"-Mimen, um das sich seit 50 Jahren Legenden ranken. Was sie stattdessen bekommen: Eine 304 Seiten lange Würdigung in meist nüchternem Ton - und durchaus vertrauliche Einblicke in den Charakter von William Shatner.

Denn letztlich nutzt der die Geschichte, die ihn mit Nimoy verbindet, um von sich zu erzählen. Das ist fast tragisch, weil es dem Grundmotiv dieser gemeinsamen Geschichte so sehr entspricht: Wer würde heute noch Shatner kennen, wenn Nimoy "Star Trek" durch die Kreation der Pop-Ikone Spock nicht zum "Kult" gemacht hätte? Shatner und Kirk blieb da nur das Kielwasser.

Man spürt, dass William Shatner das weiß: Für ihn ist das Verhältnis Nimoy/Shatner kaum von dem Verhältnis Spock/Kirk zu trennen. Auf beiden Wirklichkeitsebenen, in Bezug auf die fiktiven wie realen Personen, war es stets die "Nummer zwei", die sich vor den Hauptdarsteller ins Rampenlicht stellte. Es gibt glaubhafte Aussagen von Kollegen darüber, dass Shatner, ganz kraftstrotzender Pfau und Alphamännchen, damit zumindest zeitweilig erhebliche Probleme hatte.

Stimmt nicht, behauptet der nun: Schnell habe er erkannt, dass Spocks ungeplante Popularität eine enorme Chance für alle bedeutete. Und schildert Anekdoten über "Streiche", die er Nimoy gespielt habe und die wohl ihr kollegial-heiteres Verhältnis dokumentieren sollen.

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Es sind die Neckereien eines in seiner Eitelkeit verletzten Konkurrenten. Immer ist es Shatner, der den anderen durch den Kakao zieht. Nimoy habe pfiffig versucht, seine eigenen Probleme zu lösen. Und Shatner hintertrieb witzig, glaubt er, diese Versuche, bis Nimoy aufgab. Im realen Leben, soll das wohl heißen, war die Hackordnung geregelt. Vielleicht, denkt man als Leser, hatte Nimoy aber schlicht auch keine Lust auf Kindergarten. Es ist verblüffend, dass Shatner offenbar nicht merkt, was er da von sich preisgibt.

In seiner Erzählung vermischen sich die Ebenen immer wieder, Ereignisse aus dem Leben der beiden stehen völlig gleichberechtigt neben gescripteten Inhalten aus der Serie oder den Kinofilmen. Nimoy, erzählt Shatner, habe den Spock in sich aufgenommen wie ein Method Actor, sei mit der Rolle völlig verschmolzen, immer "spockiger" geworden. Das Buch zeigt, dass dies für beide gilt - Rolle und Darsteller sind untrennbar verbunden.

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Bei Nimoy, erzählt Shatner, sei dies das Ergebnis harter Arbeit und einer akribischen Methodik gewesen. Sich selbst schildert er dagegen als intuitiv agierenden Schauspieler, der sein Handwerk nie formell lernte, mit Talent aber Erfolge feierte (Shatners Karrierebeginn war auf der Bühne wie im Film vielversprechend). Zusammen, argumentiert er, habe das den perfekten Mix ergeben, der den Erfolg von "Star Trek" erst ermöglichte. So weit, so gut - nichts Neues für Fans und Leser beispielsweise der Nimoy-Biografien.

Ärgerlich wird das Buch, wenn es ins Persönliche geht. Shatner schildert die Männerfreundschaft als für die Branche ungewöhnlich intensiv. Letztlich weiß er aber auffällig wenig: Wenn es ins Detail geht, zitiert er "Experten" oder den kürzlich veröffentlichten Dokumentarfilm "For the Love of Spock", durch den er offenbar so einiges erfuhr, was er von seinem Freund Nimoy nicht wusste.

Kein Wunder: Autor des Films ist Nimoys Sohn Adam. Der Film liefert alles, was man sich vom Buch verspricht, was Shatner aber nicht liefern kann.

"Spock und ich: Mein Freund Leonard Nimoy" ist also ein lohnendes Buch für alle, die sich für William Shatner interessieren. Spock-Fans sei dagegen der großartige Dokumentarfilm von Adam Nimoy empfohlen: Der hat seinem Vater eine tatsächlich höchst berührende, witzige und einsichtsvolle filmische Biografie gewidmet.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
christian simons 26.10.2016
1.
Jeder, der sich mal mit der Hintergrundgeschichte der Serie auseinandergesetzt hat, weiss, dass The Shat eine kapitale Diva war und ist. Wegen seiner Allüren hat er sich vielleicht mit Ausnahme des Gentlemans DeForest Kelley ("Bones" McCoy) mit so ziemlich jedem anderen Darsteller des Ensembles jahrelange Fehden geliefert. Auch mit seinem "Freund" Leonard Nimoy soll es während der Serie wegen diverser Eitelkeiten und Eifersüchteleien heftig gekracht haben. Während der Rest der überlebenden Darsteller mittlerweile einen altersmilden Frieden mit Shatner geschlossen hat, ist George Takei (Sulu) nach wie vor unversöhnlich, und lässt keine Gelegenheit aus den alten Groll wieder aufleben zu lassen. Unfair ist allerdings die im Artikel aufgestellte Behauptung, dass The Shat in seiner Lebensleistung von Nimoy abhängig war. Das kann man mit zwei Worten wiederlegen: Denny Crane.
sven2016 26.10.2016
2.
Das Buch ist bestimmt spannend. Vielen Dank für die anregende Besprechung. Wie sagte Gene Roddenberry mal scherzhaft über Shatner: "Always over-acting, always in charge". Kult eben
hmutt 26.10.2016
3. 3
Ich bin nun beileibe kein Shatner-Fan, sondern schon immer eher Nimoy zugeneigt, wenn ich denn wählen müsste. Aber das dauernde Shatner-Bashing ist nur ermüdend, zeitraubend und peinlich. Keine der drei(!) Hauptfiguren Kirk, Spock und McCoy wäre ohne die anderen zur Geltung gekommen. Ohne McCoy wäre Spock nur eine flache, emotionslose Figur geblieben, ohne Kirks Aktionismus die Serie langweilig gewesen und ohne Spock eine weitere Space Opera ohne Erinnerungswert. Alle drei zusammen und auch nur mit den weiteren Darstellern haben diese Serie zu dem gemacht, was sie war und ist. Und Shatner braucht sein Licht da auch nicht unter den Scheffel zu stellen, sein Kirk ist ebenso wie Spock eine eigene und einprägsame Figur geworden, die sich damals durchaus vom üblichen Serienhelden abhob, und deren Humor und Selbstironie die Serie genauso geprägt hat wie Spock und Pille.
.patou 26.10.2016
4.
Zitat von hmuttIch bin nun beileibe kein Shatner-Fan, sondern schon immer eher Nimoy zugeneigt, wenn ich denn wählen müsste. Aber das dauernde Shatner-Bashing ist nur ermüdend, zeitraubend und peinlich. Keine der drei(!) Hauptfiguren Kirk, Spock und McCoy wäre ohne die anderen zur Geltung gekommen. Ohne McCoy wäre Spock nur eine flache, emotionslose Figur geblieben, ohne Kirks Aktionismus die Serie langweilig gewesen und ohne Spock eine weitere Space Opera ohne Erinnerungswert. Alle drei zusammen und auch nur mit den weiteren Darstellern haben diese Serie zu dem gemacht, was sie war und ist. Und Shatner braucht sein Licht da auch nicht unter den Scheffel zu stellen, sein Kirk ist ebenso wie Spock eine eigene und einprägsame Figur geworden, die sich damals durchaus vom üblichen Serienhelden abhob, und deren Humor und Selbstironie die Serie genauso geprägt hat wie Spock und Pille.
Alles richtig. Trotzdem entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass Shatner, der mit der Beliebtheit seines Co-Stars nie wirklich gut zurechtkam, sich nun des Vehikels Nimoy bedient, um ein autobiographisches Buch zu verkaufen. Man könnte böswillig sagen, er benutzt die Popularität des Kollegen, ohne dass dieser sich noch gegen die etwas zweifelhaften Freundschaftsbekundungen wehren könnte. Der Titel der Originalausgabe trägt noch etwas dicker auf: “Leonard: My Fifty-Year Friendship with a Remarkable Man“.
Charlie Whiting 26.10.2016
5. Zustimmung
Bin voll auf der Seite des Vorposters dass die Figuren nur gemeinsam funktioniert haben. Das wussten auch die Autoren die die wiederkehrenden Dinge hineingeschrieben haben: Die Fehden zw. Pille und Spock, Ich bin Arzt und kein..., eine russische Erfindung, ich hab`s auf allen Frequenzen versucht... herrlich!
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