SS-Bekenntnis "Wie hat Grass damals zum Holocaust gestanden?"

So viel Empörung ist selten im Feuilleton. Günter Grass' SS-Bekenntnis versetzt das Land in helle Aufregung. Doch die entscheidenden Fragen würden nicht gestellt, Themen wie Antisemitismus und Holocaust umgangen, sagt der Historiker Hannes Heer im SPIEGEL-ONLINE-Interview.


SPIEGEL ONLINE: Günter Grass sagt, er habe sich zur Marine gemeldet und sei zur Waffen-SS weitergereicht worden. Ist dieser Vorgang so vorstellbar?

Historiker Heer: "Grass war ein moralischer Scharfrichter"
Susanne Schleyer

Historiker Heer: "Grass war ein moralischer Scharfrichter"

Heer: Dass man von der Wehrmacht, ohne das zu erfahren, einfach zur Waffen-SS durchgereicht wurde, das ist mir neu. Und dass die U-Boote im Sommer 1944 keine Rekruten mehr angenommen haben, ist mir bisher nicht bekannt gewesen. Das wäre ja verdeckte Kapitulation gewesen. Zudem hat man bei dieser durch enorme Verluste dezimierten Truppe bis zum Schluss mit neuen Waffen experimentiert, den Ein-Mann-Torpedos zum Beispiel. Und dann gab es noch großen Bedarf in anderen Teilen der Marine.

SPIEGEL ONLINE: Grass erklärte im Interview, seine Wahrnehmung der SS sei damals die einer Eliteeinheit gewesen, die die höchsten Verluste zu verbuchen hatte. Entspricht das der Wirklichkeit? Oder war damals nicht bereits klar, dass die SS an Vernichtungsaktionen beteiligt war?

Heer: Zunächst einmal stimmt das: Die Waffen-SS war eine Elite-Einheit, sie hatte die höchsten Verluste, was daran lag, dass sie einerseits als eine Art Feuerwehr mit riskanten Einsätzen betraut war, andererseits Führer hatte, die ihre Leute gnadenlos verheizt haben. Andererseits sind die Taten der Waffen-SS damals nicht als Verbrechen gesehen worden, erst recht nicht von 16- oder 17-Jährigen. Für die Jugendlichen, die damals durch die Hitler-Jugend fanatisiert und zur Gewalt erzogen worden waren, lange bevor sie überhaupt einen Kasernenhof betraten, waren das keine Verbrechen, sondern das für den "Endsieg" absolut Notwendige und also Legitime. Diese Jugendlichen wurden abgerichtet auf die Idee des Opfers, das als Voraussetzung zum Heldentum galt. Für diese Jugendlichen waren die Massaker von Lidice oder Oradour kein Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wurden Waffen-SS-Bewerber damals einer ideologischen Prüfung unterzogen? Gab es antisemitische Indoktrination?

Heer: Eine ideologische Auslese hat es in dieser Spätphase nicht mehr gegeben. Aber selbstverständlich gab es Indoktrination. Politischer Unterricht gehörte zum Alltag des Rekruten, in der Wehrmacht wie bei der Waffen-SS. Da wurde Nationalsozialismus gepaukt, und das hieß auch Rassenkunde und Kampf gegen die Juden. In der Waffen-SS, die sich wie die allgemeine SS als Blutorden verstand und den professionellen durch den politischen Soldaten ersetzen wollte, ist dieser Antisemitismus in seiner krassesten Form vermittelt worden. Wobei es im Jahr 44/45 keine deutschen und auch keine europäischen Juden mehr gab. Aber es gab "das Weltjudentum", das vorgeblich in London und New York die Fäden zog beziehungsweise in Gestalt der Roten Armee sich anschickte, Deutschland zu überrennen. Der Endkampf gegen dieses Judentum, das den Krieg angezettelt hatte, blieb die Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Nach 1945 einigte man sich auf eine moralische Zweiteilung: hier die gute Wehrmacht, dort die böse SS. Können die Ewiggestrigen jetzt sagen: Die SS war vielleicht gar nicht so schlimm, wenn selbst Günter Grass Mitglied war?

Heer: Grass' Enthüllung kommt zeitlich gut platziert. Hätte er früher davon gesprochen, etwa 1985, als Kohl und Reagan den Soldatenfriedhof Bitburg besuchen wollten, auf dem es auch Gräber von Waffen-SS-Männern gab, hätte es einen Aufschrei gegeben. Heute, wo man geneigt ist, die Deutschen als Opfer und Hitler wieder als Alleinschuldigen zu sehen, mag sich keiner mehr aufregen. Und Grass hat seinen Nobelpreis und muss keine Rücksichten mehr nehmen. Dabei gibt es eine Menge Fragen, die sich aufdrängen und die in der Debatte nicht gestellt wurden.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Heer: Was hat er über das Judentum und die Notwendigkeit, es zu vernichten, von seinen Ausbildern erfahren? Oder über die übliche Praxis der Waffen-SS, keine Gefangenen zu machen? Oder über den Kampf gegen Verräter und Kapitulanten in der Wehrmacht wie in der Bevölkerung? Wie hat er zu all dem gestanden? Wenn man diese Fragen stellt, dann erfährt man nämlich etwas über die Normalität der Waffen-SS und des SS-Mannes Grass im Jahr 44/45. Man muss sich vorstellen: Nach Stalingrad gab es noch einmal einen massiven Schub der Fanatisierung, vor allem bei Jugendlichen, die immer in der Angst lebten, sie kommen zu spät und werden nicht mehr eingezogen. Und als sie dann eingezogen wurden, wollten sie nur eins: den Alten zeigen, wie man's richtig macht, so richtig zulangen. Hier wäre es spannend, bei Grass noch einmal nachzufragen - nicht, um ihn zu verurteilen, sondern um aufzuklären, wie seine Normalität damals aussah.

SPIEGEL ONLINE: Dem engagierten Literaten Grass wurde rigider Moralismus vorgeworfen. Ist das symptomatisch für deutsche Intellektuelle, Jahrgang 27 bis 30, dass sie ihre Schulderfahrung mit moralischer Härte sublimieren?

Heer: Ja, ich denke schon. Ob es diejenigen sind, die versucht haben, diese Zeit in einem linken Milieu umzuarbeiten wie Grass, oder in einem konservativen wie Joachim Fest: Sie tun sich durch einen ungeheuer moralischen Anspruch hervor. Die Flakhelfer-Generation, die sich gern als skeptische bezeichnen ließ, hat mit moralischem Rigorismus ein Tribunal errichtet, um diejenigen abzuurteilen, die erstmals und hartnäckig nach der Rolle der Eliten wie des Jedermann in der Nazi-Zeit gefragt haben. Obwohl sie selbst im juristischen Sinne gar nicht schuldig geworden sind, haben die Grass und Fest stellvertretend für ihre Väter, mit denen sie sich natürlich noch stark identifizierten und um die Tatsache zu verdecken, dass sie als halbe Kinder die Gläubigen der Gläubigsten waren, dieses Tribunal gezimmert und alles, was an Kritik kam, mit verräterischer Aggression niedergemacht.

SPIEGEL ONLINE: Wie ging Ihre Generation mit dieser Haltung um?

Heer: Ich bin Jahrgang 41 und war Aktivist in der Studentenbewegung. Für uns ist Grass damals ein politischer Gegner gewesen, trotz der "Blechtrommel", die wir alle verschlungen haben und ungeachtet seiner Zugehörigkeit zur Gruppe 47, die für die innere Demokratisierung der Bundesrepublik so wichtig war wie DER SPIEGEL. Grass war ein Gegner, weil er mit dieser moralischen Härte eines Scharfrichters auftrat und uns als linke Faschisten beschimpfte. Grass ist, wie er jetzt selber erklärt hat, ein Nazi gewesen - aus welchen Gründen und wie verzeihbar auch immer - und warf unserer Generation vor, wir seien rotlackierte Nazis: Das habe ich mein Leben lang nicht vergessen.

Das Interview führte Daniel Haas



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