SS-Vergangenheit: Walesa macht Grass Ehrenbürgerwürde streitig

Respekt, Empörung, Unglauben, Wut: Die Reaktionen auf das Eingeständnis von Günter Grass, in der Waffen-SS gewesen zu sein, könnten kontroverser nicht sein. Martin Walser und Walter Jens verteidigten den Nobelpreisträger. Lech Walesa forderte die Rückgabe der Ehrenbürgerwürde von Danzig.

Frankfurt/Main – Die Kritik entzündet sich vor allem daran, dass Grass seine Mitgliedschaft in der SS so lang verschwiegen hat, während er sich zum Thema Nationalsozialismus häufig moralisierend geäußert habe. Der frühere polnische Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Walesa forderte Grass gar zur Rückgabe seiner Danziger Ehrenbürgerschaft auf.

Günter Grass: Respekt oder Enttäuschung?
AP

Günter Grass: Respekt oder Enttäuschung?

Walesa ist selbst Ehrenbürger Danzigs. "Ich fühle mich in dieser Gesellschaft nicht wohl. Ich weiß nicht, ob man nicht überlegen sollte, ihm diesen Titel abzuerkennen. Wenn bekannt gewesen wäre, dass er in der SS war, hätte er die Auszeichnung nicht bekommen. Das Beste wäre, wenn er von selbst darauf verzichten würde", sagte Walesa der "Bild"-Zeitung.

Grass hatte in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erklärt, er sei als 17-Jähriger aus dem Reichsarbeitsdienst nach Dresden zur Waffen-SS einberufen worden und habe der 10. SS-Panzerdivision "Frundsberg" angehört. Warum er dies erst in seiner Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" eingesteht, erklärte er so: "Das hat mich bedrückt. Mein Schweigen über all die Jahre zählt zu den Gründen, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Das musste raus, endlich."

Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wollte sich nicht zu dem Thema äußern. Hellmuth Karasek meinte, Grass hätte bei einem früheren Bekenntnis den Nobelpreis nicht erhalten. Er nannte ihn einen "Moralapostel mit Erinnerungslücken".

Noch heftiger ging der Hitler-Biograf und NS-Experte Joachim Fest mit dem Nobelpreisträger ins Gericht. "Grass' Verhalten ist mir ein Rätsel, völlig unerklärlich", sagte Fest der "Bild"-Zeitung. Er verstehe nicht, "wie sich jemand 60 Jahre lang ständig zum schlechten Gewissen der Nation erheben kann, gerade in Nazi-Fragen - und dann erst bekennt, dass er selbst tief verstrickt war".

"Nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen von ihm kaufen"

Nach Ansicht Fests ist Grass als moralische Instanz schwer beschädigt. "Ich würde nicht mal mehr einen Gebrauchtwagen von diesem Mann kaufen", sagte er. Auch die Darstellung Grass, er habe sich für den U-Boot-Einsatz gemeldet, sei aber überraschend zur Waffen-SS eingezogen worden, nannte Fest "sehr unglaubwürdig".

Der Dramatiker Rolf Hochhuth findet es ekelhaft, dass Grass sich über Bundeskanzler Kohl deshalb ereifert habe, weil der mit dem damaligen amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan einen Soldatenfriedhof besuchte, auf dem neben Hunderten amerikanischer und deutscher Soldaten auch 49 Männer der Waffen-SS begraben wurden. Grass-Biograf Michael Jürgs zeigte sich "persönlich enttäuscht" und sprach vom "Ende einer moralischen Instanz".

Der Historiker Michael Wolffsohn meinte: "Durch sein beharrliches Schweigen wird Grass' moralisierendes, nicht sein fabulierendes Lebenswerk entwertet." Dagegen sagte der Historiker Arnulf Baring: "Die Selbstüberwindung von Grass verdient großen Respekt. Aber man fragt sich doch beklommen, warum er sich nicht früher zur Wahrheit aufgerafft hat."

"Aufpasserisches Moral-Klima"

Dagegen erklärte der Schriftsteller Martin Walser in der "Stuttgarter Zeitung": "Der Mündigste aller Zeitgenossen kann 60 Jahre lang nicht mitteilen, dass er ohne eigenes Zutun in die Waffen-SS geraten ist. Das wirft ein vernichtendes Licht auf unser Bewältigungsklima mit seinem normierten Denk- und Sprachgebrauch." Grass habe durch die souveräne Platzierung seiner Mitteilung diesem aufpasserischen Moral-Klima eine Lektion erteilt. "Dafür dürfen wir ihm dankbar sein", sagte Walser.

Walter Kempowski sagte: "Ein bisschen spät kommt das", aber auch für Grass gelte das Bibel-Wort: "Wer selbst ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Walter Jens lobte: "Es ist doch eine sehr eindrucksvolle und bewegende Tat, dass ein alter Mann reinen Tisch machen möchte. Der 83-Jährige fügte hinzu: "Wenn man fast 80 Jahre alt ist, finde ich es sehr würdig und nobel zu sagen: Diesen Punkt in meinem Leben habe ich leider nicht berührt und hole das nun nach." Jens stand Ende 2003 selbst in der Diskussion, nachdem er im "Internationalen Germanistenlexikon" als Mitglied der Nazi-Partei NSDAP aufgeführt worden war.

Dieter Wellershoff forderte, Grass nicht moralisch zu verurteilen. Ralph Giordano lobte: "Gut, Günter Grass, dass Sie das getan haben!" Denn schlimmer, als einen politischen Irrtum zu begehen, sei, sich mit ihm nicht auseinanderzusetzen.

cis/AFP/AP

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Literatur
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Zur Startseite