Debatte: Lieber Stadtmensch als Landei

Von Tobias Becker

"Wer rauszieht, ist raus": Die Autorinnen Katja Trippel, Barbara Schaefer haben ein Plädoyer für das Leben in der Stadt geschrieben Zur Großansicht
Anika Büssemeier/ Blanvalet

"Wer rauszieht, ist raus": Die Autorinnen Katja Trippel, Barbara Schaefer haben ein Plädoyer für das Leben in der Stadt geschrieben

Hochglanzmagazine wie "Landlust" zeigen das Landleben so realitätsnah wie der "Playboy" Frauen, ätzen die Autorinnen des neuen Sachbuches "Stadtlust". In ihrer Streitschrift versammeln sie neun Gründe für das Leben in der Großstadt.

Wer Zeitschriftenregale und Buchhandlungen durchstöbert, der muss denken: Die Deutschen lieben das Landleben. Wer hingegen Immobilienanzeigen studiert, kommt zu dem Schluss: Die Deutschen wollen alle in Großstädten leben. Ja, was denn nun? Wo ist es schöner?

Die Journalistinnen Barbara Schaefer und Katja Trippel sind sich sicher: in der Großstadt. "Wer rauszieht, ist raus", schreiben sie in ihrem Buch "Stadtlust", mit dem sie den Hochglanzpostillen wie "Landlust", "Landidee" und "Country" etwas entgegensetzen wollen. Die Magazine, die zurzeit Auflagenrekorde einfahren, zeigten das Landleben so realitätsnah wie der "Playboy" Frauen, ätzen Schaefer und Trippel. Auch Menschen auf dem Land hätten stressige Jobs und Zukunftsängste. Bloß nichts, was sie davon ablenke: keine Theater, keine Kinos, keine Bars. In den Magazinen sei davon nichts zu sehen.

Stadtbewohner leben länger

Die Autorinnen, aufgewachsen in der Provinz, aber seit Jahren in Berlin lebend, versammeln neun Gründe für das Leben in der Großstadt. Wir nennen stellvertretend fünf. Erstens: Stadtbewohner lebten länger und gesünder, schreiben Schaefer und Trippel. Was daran liege, dass Tausende Landarztstellen unbesetzt seien. Und daran, dass sich Städter durchschnittlich etwa 20 Prozent mehr bewegten als Dorfbewohner: Sie gehen zu Fuß zum Bäcker, fahren mit dem Rad zur Arbeit, machen mehr Sport, weil es mehr Sportangebote gibt. Zudem ernähren sie sich gesünder: Haben Sie schon mal versucht, in einer Dorfkneipe ein vegetarisches Gericht zu bestellen?

Zweitens: Landkinder sind entgegen eines weitverbreiteten Vorurteils arm dran. Sie können zwar auf Bäume klettern, berichten die Autorinnen, sind dabei aber immer häufiger allein, weil der Geburtenrückgang dazu führt, dass die Wege zu den nächsten Spielkameraden unpraktisch weit sind. Auch die Betreuungsmöglichkeiten sind schlechter, so dass ihre Mütter schlechter verdienen: In der Stadt verdienen sie im Schnitt zwölf Prozent weniger als Männer, auf dem Land 33 Prozent. Weil auch die Wege zu weiterführenden Schulen weiter sind, machen Landkinder seltener Abitur.

Drittens: Das Leben auf dem Land ist nicht so viel billiger, wie viele denken. Die Autorinnen zitieren eine Studie, die Forscher im Auftrag des Umweltbundesamts und des bayerischen Innenministeriums angefertigt haben. Sie haben die Wohn- und Mobilitätsausgaben einer durchschnittlichen Mutter-Vater-Kind-Familie aus dem Münchner Innenstadtbezirk Au-Haidhausen mit einem ländlichen Pendant aus Ebersberg verglichen, 40 Kilometer entfernt von der Innenstadt. Trotz Pendlerpauschale, einer klimafeindlichen Subvention, sparte die Landfamilie nur 281 Euro im Monat, verlor dafür aber jeden Tag 58 Minuten durchs Pendeln.

Dorfbewohner sorgen für ein ökologisches Desaster

Viertens: Städter sind Klimaretter, weil sie ihre täglichen Wege viel häufiger mit U-Bahnen, Bussen und Fahrrädern zurücklegen. Neubauviertel außerhalb der Stadt hingegen seien ein ökologisches Desaster, schreiben Schaefer und Trippel, weil sie die Flächenversiegelung beschleunigen und den Autoverkehr anschwellen lassen. "Wer die Stadt verlässt, tut damit ausschließlich seiner vermeintlichen Naturliebe etwas Gutes. Der Natur wäre es am liebsten, alle Menschen würden in der Stadt leben."

Fünftens: Weil auf städtischen Freiflächen meist nicht gedüngt und kaum gespritzt wird, zudem selten gejagt, gibt es dort eine erstaunliche Artenvielfalt. Im Stuttgarter Rosensteinpark gibt es Feldhasen und in der Isar in München Biber, auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg Uhus und in Berlin Nachtigallen. Laut Schaefer und Trippel sind es mehr als in ganz Bayern.

Kurzum: Metropolen erscheinen im Sachbuch "Stadtlust" als die letzten Orte, an denen das Landleben noch in Ordnung ist. "Wer im Dorf Rohmilchkäse oder Biofleisch essen möchte", schreiben die Autorinnen, "muss es von der Stadt aufs Land exportieren."

Was natürlich alles irgendwie richtig ist, aber wer wäre darauf nicht gekommen? Die Argumente, die Schaefer und Trippel ihren Lesern servieren, sind so erwartbar wie ein Tag auf dem Land. Wer seine Tage hingegen in einer Großstadt verbringt, sollte Besseres zu tun haben, als dieses Trendbüchlein zu lesen. Ins Theater gehen zum Beispiel, ins Kino oder in eine Bar.


Barbara Schaefer und Katja Trippel: Stadtlust. Vom Glück, in der Großstadt zu leben. Blanvalet; 272 Seiten; 19,99 Euro.

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insgesamt 152 Beiträge
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1. Überflüssiger kann ein Buch nicht sein.
papageienmusik 17.06.2013
Mehr Text dazu ebenso.
2.
Snoozel 17.06.2013
"Bloß nichts, was sie davon ablenke: keine Theater, keine Kinos, keine Bars." Ja klar, und kein fließend Wasser und keine Toiletten. Diese Damen haben also keine Ahnung vom Land und hetzten drüber in einem Buch, was soll das? Jeder soll da Leben wo er mag, gerne auch in den lauten Städten wo man nicht mal Nackt vom Bett zur Dusche laufen kann ohne das womöglich ein Nachbar in die Fenster glotzt.
3.
picard95 17.06.2013
Als Berliner bin ich froh nicht mehr in dieser überfüllten Stadt zu leben. Es gibt auch schöne Ecken in Berlin und der ÖPNV ist nach wie vor gut, aber Einkaufen oder abends ins Restaurant gehen ist eine Qual. Hier in meinem Dorf unweit von Lübeck habe ich 2Minuten Fussweg zu einem kleinen Anglersee mit Moor am Westufer und bin von drei Seiten von Wald umgeben. Selbst im Sommer sind die Wälder fast menschenleer (was man von den Ostseestränden leider nicht sagen kann). Und zur Arbeit sind es trotzdem nur 12Km. Und die Miete für eine richtig schöne Wohnung mit Balkon liegt (auf vergleichbarem Standard) fast 200 Euro/Monat niedriger als in Lübeck. Am Freitag flog ein roter Milan in Dachhöhe zwischen unseren Häusern vorbei, Feldhasen sehe ich regelmässig beim Joggen durch die Wälder und Rehe sind auch häufig zu sehen. Wildschweine habe ich bisher nur gehört, aber nicht gesehen. Dafür hunderte von abgeknabberten Maiskolben von ihnen. Sehr beeindruckt war ich auch von einem Seeadlerpärchen. Aber natürlich gibt es auch hier leider Interessen gegen die Natur. Und politischer Filz bis in die kleinste Gemeinde (z.B. bei der Umwandlung alter "Datschen" inkl. kleinem Wald in Einfamilienhausgrundstücke).
4.
rwwinter 17.06.2013
"Der Natur wäre es am liebsten, alle Menschen würden in der Stadt leben." Genau... Am besten wohnen wir alle in der Stadt und lassen auf dem Land Drohnen die arbeiten... Kopfschüttel
5.
DJ Doena 17.06.2013
I call BS. Ich bin Berliner. Ich habe die ersten 24 Jahre meines Lebens in Berlin gewohnt. Dann bin ich ein wenig herumgekommen und jetzt lebe ich in Herxheim, einer 10.000-Seelen-Gemeinde im Südosten von RP. Meine Mama lebt immer noch in Berlin und nichts gegen meine Mama, aber sie fährt selbst die 2km zu ihrer Arbeitsstelle jeden Tag mit dem Auto. Ich fahre 25 Minuten von Herxheim nach Karlsruhe mit dem Auto auf Arbeit. Immer abwechselnd mit einem Kollegen (eine Woche er, eine Woche ich). Als ich noch in Berlin gewohnt habe, habe ich 1h 5m zur Arbeit gebraucht (mit der S-Bahn von Marzahn nach Marienfelde). In Berlin hatte ich zugegebenermaßen nicht mal nen Führerschein. Das änderte sich aber, als ich nach Frankfurt/M gezogen bin. Der sternförmig angeordnete Nahverkehr ist so unpraktisch, dass man in Frankfurt nirgendwo vernünftig ohne Auto hinkommt.
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