Stalking-Roman von Clemens J. Setz Was seid ihr kaputt

Der Urtrieb der Rache als Ausgangspunkt einer großen Erzählung: Der Österreicher Clemens J. Setz schreibt in "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" seine Ästhetik des Unheimlichen fort.

Autor Clemens J. Setz: Viel gepriesene Originalität
Hans Hochstöger/ Focus/ Suhrkamp

Autor Clemens J. Setz: Viel gepriesene Originalität

Von Thomas Andre


Natalie Reinegger befriedigt die Männer, die sie beim regelmäßigen Herumstreunen am Fahrradweg trifft, ansatzlos und zu deren nicht geringer Überraschung. Manchmal nimmt sie volle Kondome mit nach Hause. Sie leckt außerdem Gegenstände ab, vielleicht weil Keime zur Kreatur gehören, so wie Verrückte ins Heim.

In einem solchen arbeitet die 21 Jahre alte Frau. Sie hat erst gerade dort angefangen, und dann wird sie gleich die Bezugsperson ("Bezugi") von Herrn Dorm, einem misogynen Mann, der sie herablassend behandelt. Dorm sitzt im Rollstuhl und schminkt sich oft. Wenn "Chris" Hollberg ihn besucht, schmachtet Dorm ihn an, und er ignoriert völlig, wie hässlich das ironisch-distanzierende Verhalten Hollbergs auf den gemeinsamen Spaziergängen stets ist. Dorm ist ein paar Jahre vorher Hollberg liebesblöd hinterhergelaufen und hat mit dieser Art der Belagerung und vielleicht noch Schlimmerem dessen Frau in den Selbstmord getrieben. In einem seltsamen Arrangement verkehren die beiden schicksalhaft miteinander verbundenen Männer nun miteinander. Natalie, die Heldin in Clemens J. Setz' neuem Roman "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre", gerät in den Bannkreis jenes abartigen Pas de deux.

Das ist nicht gut, sie ist jung, sie ist selbst ziemlich gestört und hat nicht das, was man ein gesundes Selbstwertgefühl nennt. Am harmlosesten ist noch ihr Verlangen nach destruktiver, von ihr als smart empfundener Mitteilsamkeit: Dialoge mit ihrem Ex-Freund müssen den Regeln des Nonsens entsprechen. Und während sie selbst ihren Körper hergibt, schwärmt sie ahnungslos für einen Stricher. Der allerdings bekommt für seine Liebesdienste Geld.

Zwischen Anstalt und Stalking-Albtraum

Porno spielte als Erkenntnismodell schon in "Indigo" eine Rolle, dem 2012 erschienenen Setz-Roman, mit dem der 1982 geborene Österreicher auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises stand. "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" steht in diesem Jahr immerhin schon auf der Longlist. Sollte er es neuerlich auf die Shortlist schaffen, wäre es das insgesamt dritte Mal. 2011 gewann er außerdem den Preis der Leipziger Buchmesse. Kein Wunder, dass Setz als Wunderkind des Betriebs gilt. Dabei wirft es in mindestens einer Hinsicht nicht unbedingt ein günstiges Licht auf die deutschsprachige Literatur, wenn ein Autor wie Clemens J. Setz für jede seiner Veröffentlichungen mit Lobeshymnen und Preisnominierungen eingedeckt wird: Seine viel gepriesene Originalität verweist vor allem auf die Themenarmut der Kollegen.

Setz' neuer Roman schafft es mit denkbar einfachen Mitteln, sich inhaltlich interessant zu machen - mit einem oft quälenden und bisweilen ekelhaften Setting zwischen Anstalt und Stalking-Albtraum nämlich, das die sozialen Berufe, Fragen nach der gesellschaftlichen Norm und eine desorientierte junge Frau in den Mittelpunkt rückt. "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" spielt über weite Strecken in einem Heim für betreutes Wohnen und porträtiert den dortigen Alltag zwischen Teambesprechungen ("Wir haben wirklich die besten Idioten der Welt hier"), Zivi-Bashing und Klientenbefindlichkeiten überaus ausführlich.

Es sind die Anders-als-Normalen, die hier vor dem Leser paradieren. Sie sind ganz schön kaputt, aber weil die Heldin Natalie sich alle Mühe gibt, ihren speziellen Ansprüchen und Angstvorstellungen gerecht zu werden, behalten sie auch für den Leser ihre Würde. Sieht man einmal von den Superfreaks Dorm und Hollberg ab. Deren Exzentrik ist seelischen Verheerungen geschuldet, die mit persönlichen Verlusten zu tun haben.

Entspannen in der totalen Selbstreferenz

"Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" handelt auf eine obsessive und damit seinem Gegenstand angemessene Weise vom Nachstellen: Stalking als defizitäre Sozialpraxis der Gegenwart. Der Roman handelt außerdem von der technisch produzierten Wirklichkeit, in der das psychisch prekäre Subjekt paradoxerweise zu sich findet. Natalie ist über ihr technisches Gerät permanent mit der Gegenwart verbunden. Sie schaut Unterhaltungssendungen, chattet und hat am Ende, es ist ihre ganz persönliche Erfolgsgeschichte, eine Peergroup aus Followern.

Aus den vielfachen imaginären Spiegelungen erlangt sie eine Gestalt. Am eindrücklichsten ist ihr Spleen, auf ihren Blowjob- und sonstigen Touren mit dem iPhone die Dialoge mitzuschneiden. Außerdem nimmt sie ihre Essgeräusche auf, um sie im Bedarfsfall genauso wie das grundsätzlich ungeile Gerede abzuspielen. Die Frau, die Muskelrelaxans- und andere Medikamente nimmt, entspannt am besten in der totalen Selbstreferenz. Der andersartigen Kommunikation der Heimbewohner stellt Natalie die künstliche Intelligenz des Robotsprechers Cleverbot entgegen. Der Leser darf sich aussuchen, was gruseliger ist.

Setz konstruiert über die Trias Dorm-Hollberg-Natalie hinaus geschickt ein ganzes Set von Dreierbeziehungen, in denen Zuneigung und Ablehnung immer in dialektischem Verhältnis zueinanderstehen. Es geht um die Gewalt, die die Menschen unfreiwillig über die ausüben, die sie willig ertragen. Es geht um Sehnsüchte, die hohl werden, und um den Urtrieb der Rache, den Setz zum Ausgangspunkt seiner von intertextuellen Spielereien durchsetzten großen Erzählung macht.

Fluch und Segen der Postmoderne

Im Falle des neuen Romans stellt sich das typische Setz-Gefühl ein: dass man es hier mit einem klugen, literarisch und popkulturell versierten Autor zu tun hat. Einem Autor, der souverän und mit Schwung durch seinen Text gleitet und gerne die semantischen Unterströmungen seiner vielfachen Bezüge aufnimmt. Dabei kalkuliert er mit ein, dass er spätestens am Ende seiner Fahrt eine Bugwelle von Bedeutungen vor sich hertreibt, die an manchen Punkten ins Leere läuft. Fluch und Segen der Postmoderne: Ein jedes kann alles und nichts bedeuten.

Setz hat die Ästhetik des Unheimlichen nachhaltig in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur verankert. Seine erzählerischen Tableaus sind stets auf überzeugende Weise auf eine bestimmte Form des intellektuellen Grusels ausgelegt. Die Heldin Natalie, die sich im Verlauf der Geschichte naiverweise immer mehr in das dramatische Verhältnis der beiden Top-Tragöden Dorm und Hollberg einschnüren lässt, liest, wen wundert's, gerne Stephen King. Ihr Ex-Freund nervte sie dagegen noch in gemeinsamen Pärchenzeiten immer mit John Updike, dem Chronisten des Durchschnittslebens. Was sicherlich auch Horror sein kann - dennoch ist Updike im Zweifel immer das, was King nicht ist. Und deshalb ist auch der Unterschied zwischen King und Updike dem binären System eingeschrieben, auf dem der studierte Mathematiker Setz "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" aufgebaut hat.

Ist der Aufwand, den er betreibt, die Geduld, die er dem Leser bei mehr als tausend Seiten abverlangt, zu groß? Die Frage muss man bejahen, auch wenn die Länge eines Erzählwerks manchmal eine zu billige Kategorie der Kritik ist. Setz seziert mit kaltem Blick die Machtverhältnisse zwischen Menschen. Mit seiner Sprache, die zu manch ungewöhnlichen, schönen Bildern greift (so spricht er etwa an einer Stelle von "delfinigen Stimmen"), evoziert er eine andauernde Atmosphäre der Bedrohung. Und doch erschöpfen sich die so üppig beschriebenen Komplementärbeziehungen der auftretenden Figuren. Das Finale verrät eine große Lust an der Zuspitzung - und gleichzeitig auch die Tatsache, dass Setz im Hinblick auf den Thrill von King noch lernen könnte.

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