Zum Tod von Comic-Gigant Stan Lee Excelsior!

Stan Lee, Schöpfer von Marvel-Helden wie Spider-Man und den Fantastischen Vier, ist tot. Unsterblich sind die Comicfiguren, mit denen er in den Sechzigern die Popkultur revolutionierte.

Stan Lee 2012 bei der "Avengers"-Premiere in L.A., mit Schauspielerin Scarlett Johansson
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Stan Lee 2012 bei der "Avengers"-Premiere in L.A., mit Schauspielerin Scarlett Johansson

Ein Nachruf von


"Ich bin der glücklichste Kerl auf der ganzen Welt", hatte Stan Lee noch im April der "New York Times" erzählt.

Die Zeitung war nach Los Angeles gefahren, in die Bird Streets in den Hügeln von West Hollywood, um nachzusehen, ob bei dem Comicgiganten alles in Ordnung ist. Es gab Gerüchte, zum Teil von Lee selbst befeuert, dass sich ein Anwalt, ein Pfleger und ein Memorabilia-Händler mit Lees Tochter Joan Celia, genannt J.C., 67, verschworen hätten, um Kontrolle über seine Besitztümer zu erlangen. Von Missbrauch war die Rede, und davon, dass Lee in seiner für das Promiviertel eher bescheidenen, zweigeschossigen Villa gefangen gehalten werde.

Es klang wie eine Geschichte, die Lee sich hätte ausdenken können, damals, in seiner großen Zeit als Comic-Impresario: Superschurken, die einen Greis in seinem Haus terrorisieren? Mindestens ein Fall für Spider-Man, den freundlichen Nachbarschaftshelden! Alles Unsinn, bekräftigte Lee gegenüber der "Times" und wirkte zwar gebrechlich, aber fröhlich und entspannt für einen Mann jenseits des 90. Lebensjahres. "Das Leben ist ziemlich gut zu mir", sagte er - und schien mit sich und der Welt im Reinen.

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Erfinder der Marvel-Helden: Super, Mann!

Und warum auch nicht? In den vergangenen zehn Jahren erfüllte sich ein lange gehegter Traum von Lee, den er selbst nie realisieren konnte: Die Comicsuperhelden, die er in den Sechzigerjahren als Chefredakteur von Marvel Comics entweder selbst erfand oder inspirierte, erleben ihre kosmischen und irdischen Abenteuer heute nicht mehr nur auf den Seiten von Comicheften, sondern auch auf der großen Kinoleinwand und im Fernsehen, und das immens erfolgreich.

Rund 25 Milliarden Dollar spielten die Filme um die Marvel-Avengers, Iron Man, Thor, Hulk oder Captain America über das vergangene Jahrzehnt hinweg ein. Was Lee vor über 50 Jahren zusammen mit Zeichnern wie Jack Kirby und Steve Ditko zusammen schuf, erlebte im neuen Jahrtausend eine ungeahnte Renaissance. Die Zukunft von Lees Vermächtnis scheint auf Jahrzehnte hinweg gesichert; er selbst hatte bis zum Schluss in jedem der von Marvel produzierten Filme einen Kurzauftritt, zuletzt in der Sony/Marvel-Kooperation "Venom".

Universelle Gültigkeit der Charaktere

Der aktuelle Boom der Marvel-Helden gründet sich nicht allein darauf, dass die moderne Computer- und Filmtechnik heute fähig ist, die physikalisch radikalen Fantasiewelten und -gestalten der Comics adäquat zum Leben auf der Leinwand zu erwecken. Die immense Popularität der Filme wäre nicht denkbar, wenn Lees Storys und Charaktere nicht universelle Gültigkeit besäßen. Sie sind längst ein fester Bestandteil der westlichen, wenn nicht globalen Popkultur geworden, sie gehören zum Inventar fiktionaler Identifikationsfiguren wie Mickey Mouse oder Donald Duck. "Im Moment ist er wahrscheinlich sogar größer als Disney", sagte "Game of Thrones"-Autor George R.R. Martin vor Kurzem über Stan Lee.

Stan Lee mit Ehefrau Joan 1975 bei einer Marvel-Party
AP

Stan Lee mit Ehefrau Joan 1975 bei einer Marvel-Party

Und das kam so.

Stanley Martin Lieber, Lee, 1922 in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf der New Yorker Westside als Sohn eines Schneiders geboren, träumte schon als Teenager davon, irgendwann die "Great American Novel", den ganz großen Roman, zu schreiben. Aus heutiger Sicht könnte man argumentieren, dass ihm das irgendwie auch gelungen ist, nur halt nicht auf die traditionelle Art und Weise. Zunächst reichte es aber erst einmal nur für die Mitarbeit beim Pulp- und Schmuddelheftchenverlag Timely Comics. Den Job bekam der junge Stanley über Beziehungen: Jean, die Tochter seines Onkels Robbie Solomon, war mit Timely-Herausgeber Martin Goodman verheiratet. Aber mehr als ein besserer Laufbursche war er zunächst nicht: "Ich holte (den Zeichnern und Autoren) ihr Mittagessen, ich las ihre Texte gegen und entfernte die Bleistiftreste von den fertigen Seiten", sagte Lee 2009 der "Los Angeles Times".

Als er dann erstmals etwas veröffentlichte, ein paar überschüssige Seiten eines Comics, die er mit dem Textabenteuer "Captain America vereitelt die Rache des Verräters" füllte, war ihm sein richtiger, potenziell für Literatenruhm reservierter Name zu schade: Er verkürzte ihn zu Stan Lee.

Beispiellose Erfolgsgeschichte

Nur wenig später machte Goodman Lee zum Chefredakteur der Comicsparte bei Timely Comics, die alsbald in Atlas, dann in Marvel umbenannt wurden. Ein Glücksfall für die Comic- und Entertainment-Historie, denn Lee stellte als Chef, Artdirector, Autor und genereller Impresario von Marvel schnell fest, dass er ein leidlich guter Schriftsteller war, aber ein noch viel besserer Redakteur.

Ab 1958, nachdem er den früheren Timely-Zeichner Jack Kirby wieder an Bord geholt hatte, begann eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Zusammen erfanden sie eine Riege von Superhelden, die keine abgehobenen Aliens wie Superman, keine reichen Erben mit düsteren Neurosen wie Batman oder edle Amazonen-Göttinnen wie Wonder Woman waren, Figuren, mit denen Konkurrent DC Comics reüssierte. Die Fantastischen Vier, die Kirby und Lee 1961 auf den Markt brachten, waren ganz normale Menschen, die wie einfache New Yorker sprachen und nur durch Zufall zu ihren übermenschlichen Kräften und Fähigkeiten gekommen waren.

Im Mai 1962 erschien erstmals: Hulk

Im Mai 1962 erschien erstmals: Hulk

Der Erfolg der Fantastic Four, bis heute Marvels "First Family", zeigte Lee, dass er einen Nerv getroffen hatte. Binnen wenigen Jahren erfanden er und Kirby den entfremdeten Gottessohn Thor, den zum grünen Unhold explodierenden Hulk, die gesellschaftlich verfolgten Mutanten der X-Men, den afrikanischen Prinzen Black Panther, den blinden Streetfighter Daredevil, den einsamen Sternenherold Silver Surfer und viele andere bis heute bekannte Comichelden.

Lees Ideen sprudelten nur so, Figuren und Szenarien füllten Heftreihe um Heftreihe, teilweise schrieb er nur noch Konzepte, die von den Zeichnern ausformuliert wurden. Am Ende des Prozesses füllte Lee lediglich die Sprechblasen. Eine effektive, aber auch unübersichtliche Arbeitsweise, die Lee in späteren Jahren viele juristische Streitereien mit Zeichnern um ihre Rechte an Charakteren und Storys bescherten, unter anderem mit Jack Kirby (1917 - 1994), der Marvel 1969 im Streit verließ.

Auch Steve Ditko (1927 - 2018), ein immens begabter Comickünstler, suchte bereits Mitte der Sechzigerjahre das Weite, frustriert darüber, dass sich Lee zur Lichtgestalt von Marvel stilisierte, die die Fans auf den Leserbriefseiten der Hefte gottgleich mit "Excelsior!" verabschiedete, aber keinen Ruhm auf die Kreativen am Zeichenbrett abfärben ließ. Urheberrecht war in diesen manischen, entfesselten Zeiten kein Thema.

US-Präsident George W. Bush ehrte Lee 2008 mit der National Medal of Arts
AP

US-Präsident George W. Bush ehrte Lee 2008 mit der National Medal of Arts

Ob es Kirby, Ditko und Co. ohne einen unermüdlichen Impulsgeber und Story-Katalysator wie Lee möglich gewesen wäre, Marvel in diesem auch gesellschaftlich turbulenten und revolutionären Jahrzehnt zu einer so nachhaltig prägenden Comic- und Popkulturinstanz zu machen, bleibt eine offene Frage. In jedem Fall stärkte Lee das letztlich fruchtbare, kollaborative Zusammenspiel von Autor und Zeichner, das im Massencomic bis heute die dominante Arbeitsform ist. Aber es dauerte bis weit in die Neunzigerjahre, die kreativen Leistungen von Zeichnern, Letterern und Koloristen anzuerkennen und angemessen zu würdigen und zu entlohnen. Lee hat sich zu diesen Konflikten nie geäußert.

Spider-Man ging sogar zum Zahnarzt

Zusammen mit Steve Ditko schuf Lee 1962 den wohl essenziellen Marvel-Helden: Spider-Man. Der linkische, ständig witzelnde Teenager aus Queens, der durch den Biss einer radioaktiven Spinne Superkräfte erhält und sich an elastischen Netzfäden durch die Straßenschluchten Manhattans schwingt, ist Lees Meisterwerk: ein Jedermann aus armen Verhältnissen, ein in der Schule gehänselter Nerd, der sich aus Schuld und Verantwortungsgefühl zum Helden ermächtigt. "With great power comes great responsibility", dieses durch Lee von Voltaire über Churchill und Roosevelt bis zu Peter Parkers Spinnenmann kanalisierte Credo ist der Dreh- und Angelpunkt des Marvel-Mythos, der Beginn jeder entbehrungsreichen Heldenreise durch ein Universum voller Schurken und Schicksale.

Stan Lee 2011 auf der Comic-Con in San Diego
AP

Stan Lee 2011 auf der Comic-Con in San Diego

Der Schlüssel zum Erfolg dieser epischen, kosmischen Erzählungen? Ihre Alltagstauglichkeit und menschliche Bodenständigkeit - und Lees anarchischer Sinn für Humor: Sie hätten versucht, alles so realistisch wie möglich zu machen, sagte Lee einmal: "Es gab einen Spider-Man-Comic, in dem er zum Zahnarzt musste. Superman würde das nie machen! Abgesehen davon, dass der Bohrer an seinen Zähnen zerbrechen würde." Bis heute ist der "Amazing Spider-Man" einer der populärsten Titel im Marvel-Programm.

An die Erfolge und kreativen Eruptionen des sogenannten Silver Age, der Comichistorie zwischen 1960 und 1970, konnte Lee nach seinem Wechsel vom Marvel-Chefredakteur zum Herausgeber nie mehr anknüpfen. Vom Verlag mit einer lebenslangen Appanage von jährlich bis zu einer Million Dollar versorgt, zog er 1980 mit seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Ehefrau Joan nach Los Angeles in das Haus in den Bird Streets und versuchte, seine Helden erst ins Fernseh-, dann ins digitale Zeitalter zu transportieren - mit wenig Glück und vielen finanziellen Rückschlägen: Für seine Visionen von computeranimierten oder real verfilmten Comics waren die Achtziger- und Neunzigerjahre schlicht noch nicht reif.

Dem Marvel-Publikum blieb er als Maskottchen erhalten, über die Jahrzehnte wurde er zum Gesicht und Synonym für den Zauber des amerikanischen Mainstream-Comics. Man dachte, er wäre längst so unsterblich wie die Heldenfiguren und -Sagen, die er erfand oder inspirierte.

Stan Lee starb am Montag in einem Krankenhaus in Los Angeles. Er wurde 95 Jahre alt.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
zia-zaruba 13.11.2018
1. Leider, wie schon
andere "großen Meister" vor ihm ist er auch in die Geschichte eingegangen .... %-//
ulrics 13.11.2018
2.
Ein durchaus hohes Alter. Muss aber leider nerden. Fantastic Four waren nicht normale Menschen, sondern ein genialer Wissenschaftler mit Freunden.
theadlaberlin 13.11.2018
3. R.i.p
mal abgesehen von den ganzen Superheld Filmen, Comics etc. empfehle ich unbedingt die TV Serie Stan Lee's Lucky Man zu schauen. Fand ich grossartig.
polza_mancini 13.11.2018
4. Sehr schöner Nachruf,
vor allem weil er die unschönen Seiten nicht ausblendet. Ich habe Ditko, Kirby und John Buscema geliebt - allesamt geniale Zeichner. Aber ich habe auch meine Zweifel, ob es ohne eine Ausnahmeerscheinung wie Stan Lee zu einem solchen Erfolg gekommen wäre. Es hätte ihm in den Erfolgsjahren jedenfalls gut gestanden, diesen mit seinen Künstlern angemessen zu teilen. Sei es wie es sei: vielen Dank, lieber Stan, für tausende spannende Stunden, R.I.P!
polza_mancini 13.11.2018
5. Normal? Naja, zumindest
Zitat von ulricsEin durchaus hohes Alter. Muss aber leider nerden. Fantastic Four waren nicht normale Menschen, sondern ein genialer Wissenschaftler mit Freunden.
bis zu ihrem kleinen Strahlenunfall (um hier mal zu Re-nerden....:-)
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