Stasi-Hörbuch Stramm bei Laune gehalten

Sie sollten niemals auftauchen: Einstmals streng geheime Tondokumente berichten aus dem Kasernenalltag einer militärischen Stasi-Eliteeinheit. Daraus entstanden ist nun das Hörbuch "Wir sind eine feste Bastion" - ein Sammelsurium der Kuriositäten mit zeithistorischem Wert.

Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski: Im Inneren herrschte durchaus Ironie.

Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski: Im Inneren herrschte durchaus Ironie.

Von Christoph Schröder


In George Orwells Roman "1984" ist es der Telescreen, der, in jeder Wohnung installiert, nicht nur alles kontrollierte, was dort vor sich ging, sondern vor allem dafür sorgte, dass die Bevölkerung permanent propagandistisch versorgt wurde. Eine Programmauswahl gab es nicht, auszuschalten war das Gerät auch nicht. Auch im Wachregiment Feliks Dzierzynski hing auf jeder Stube, in jedem Zimmer ein Lautsprecher. Den konnte man immerhin ein- und ausschalten. Doch auch hier wurde nur ein einziges Programm gesendet, exklusiv, von 6 Uhr am Morgen bis in die späten Abendstunden: die Sendungen des Funkstudios Adlershof, untergebracht im Dachgeschoss eines der Kasernengebäude. Es war die einzige Unterhaltung, die die Mitglieder des Regiments hatten - Radios und andere Abspielgeräte waren streng verboten.

Das Hörbuch "Wir sind eine feste Bastion", eine Produktion des Hörfunkjournalisten Christian Blees, ist einem Zufall zu verdanken. Ein Bekannter schenkte ihm eine Reihe von Tonbändern, die er 18 Jahre zuvor, unmittelbar nach der Wende, in einem Müllcontainer gefunden hatte: Tondokumente, die bis dahin streng unter Verschluss gehalten worden waren und seinerzeit schnell entsorgt werden sollten. Blees sichtete und ordnete die Bänder und stellte sie zu einem Radiofeature zusammen, das wieder einmal die Erkenntnis transportiert, dass Diktaturen zwar niemals lustig, aber immer unfreiwillig komisch sind.

"Er hasste seine Feinde und war zu Kindern gut."

Das Wachregiment Feliks Dzierzynski (wie es seit 1967 offiziell hieß, benannt nach dem Leiter des sowjetischen Geheimdienstes) war eine Eliteeinheit der Staatssicherheit und Erich Mielke, dem Minister für Staatssicherheit, direkt unterstellt. Die Aufgabe der Truppe war die Sicherung öffentlicher Gebäude (wie beispielsweise während des Arbeiteraufstandes am 17. Juni 1953), militärischer Anlagen, Großveranstaltungen, aber auch der Wandlitzer Waldsiedlung, des Wohnghettos der hohen Funktionäre. 11.000 Mitglieder zählte das Regiment bei seiner Auflösung im Jahr 1989 - die mussten bei Laune und gleichzeitig stramm auf Linie gehalten werden, ganz davon abgesehen, dass man sich immer wieder selbst unter Beweis stellen musste, was für eine tolle Truppe man da beisammen hat.

Das nimmt zuweilen skurrile Züge an. Wenn beispielsweise ein Soldat während einer Feier ein Loblied auf den Namensgeber des Regiments aufsagen muss, klingt das so: "Feliks Dzierzynski, welch ein Name. Er ist mein Vorbild, ein Kommunist. / Er steht für viele seinesgleichen; bei uns weiß jeder, wer er ist. / Trotz Kerker, trotz Verbannung blieb er aufrecht, hielt stand. / Er lernte auch im Zuchthaus für sich und für sein Land. / Es imponiert mir seine Klugheit, sein Kampfgeist und sein Mut. / Er hasste seine Feinde und war zu Kindern gut. / Obwohl der Feind nicht ruhte, tat er für Kinder viel. / Er baute für sie Heime, zum Lernen und zum Spiel". Es folgt tosender Applaus. Den hat der Mann sich auch verdient.

Christian Blees hat für sein Feature mit ehemaligen Angehörigen des Regiments Feliks Dzierzynski gesprochen, und auch in diesen Gesprächen findet sich ein typisches Phänomen: Im Inneren des Apparats selbst begegnete man den Macht- und Befehlsstrukturen mit deutlicher Ironie. Und trotzdem lief der Laden. Der große Dzierzynski hatte intern beispielsweise den Spitznamen "Pfefferminski". Viele wussten gar nicht, um wen es sich dabei handelte. Die wurden im Staatsbürgerunterricht auf Linie gebracht. Auch davon erzählt ein Soldat in einem frappierenden Beitrag des Funkstudios Adlershof: Die spontane Begeisterung, die der Inhalt seines Textes ausdrückt, findet so gar keinen Niederschlag in der Tonlage - wahrscheinlich durfte der Mann sein Loblied auf die Volkserziehung vom Blatt ablesen.

Alkoholschmuggel in Milchtüten

Überhaupt sind Satzbau und Grammatik des Kasernenfunks immer wieder von geradezu beeindruckender Komplexität, ja Virtuosität: "Ich vertrete den Standpunkt, dass im Zusammenhang mit dem Problem der Verkehrssicherheit, aber auch des Auftretens in der Öffentlichkeit oder der militärischen Disziplin in einigen Kollektiven etwas mehr politisches Wetter gemacht werden muss. Mit diesen wenigen Genossen, mit denen wir Sorgen haben, ihnen anständig so der Kopf gewaschen wird, dass sie sich nicht benehmen, wie dieser oder jener, den wir dann aus dem Lagerbericht als bestimmtes Problem erkennen." So kann man es ausdrücken. Oder, selbstverständlich nur im Nachhinein betrachtet, auch so: "Der Alkohol war ein Grundthema der Soldaten. Alkohol bestimmte durchaus das Leben zu großen Teilen." Aber er war natürlich verboten. Also wurde er in die Kaserne geschmuggelt, in Milchtüten beispielsweise.

Blees' Hörbuch ist ein Sammelsurium der Kuriositäten und ein Dokument von zeitgeschichtlichem Wert zugleich: Es zeigt den profanen Alltag in einem propagandistisch gewaltig aufgeblasenen Regime. Die Angehörigen der Eliteeinheit waren im Volk nicht sonderlich beliebt. In Gaststätten wurden sie, die anhand ihrer Ausgehuniformen leicht zu identifizieren waren, nicht selten angepöbelt. Vollends absurd wird es, als zu einer Jubiläumsfeier Stasi-Chef Mielke gemeinsam mit einer sowjetischen Delegation die Kaserne besucht: Die einfachen Soldaten mussten auf ihren Stuben bleiben und die Fenster geschlossen halten. Währenddessen berichteten atemlose Außenreporter von drei unterschiedlichen Standpunkten auf dem Kasernengelände aus von der Ankunft der hohen Gäste. Dass dabei nicht wesentlich mehr geschah, als dass eine Wagenkolonne vorfuhr, aus der einige Menschen ausstiegen, versteht sich.

Selbst im perfekt organisierten Ablauf gab es eines Tages aber doch eine Panne: An einem Morgen tönte um sechs Uhr aus den Lautsprechern nicht etwa die Stimme aus dem Funkstudio Adlershof, sondern RIAS Berlin - Westfunk. Den hatte die Redaktion wohl am Abend zuvor gehört und dann vergessen, wieder auszustellen. Der Verantwortliche entging nur knapp einer Gefängnisstrafe.


CD Christian Blees: "Wir sind eine feste Bastion. Das Stasi-Wachregiment Feliks Dzierzynski auf Sendung". Nähere Angaben s. Kasten oben links.



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Seite 1
seine_unermesslichkeit 11.01.2010
1. ...
Zitat von sysopSie sollten niemals auftauchen: Einstmals streng geheime Tondokumente berichten aus dem Kasernenalltag einer militärischen Stasi-Eliteeinheit. Daraus entstanden ist nun das Hörbuch "Wir sind eine feste Bastion" - ein Sammelsurium der Kuriositäten mit zeithistorischem Wert. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,670836,00.html
Im innersten Zirkel einer jeden Diktatur kulminiert die Verlogenheit. Wahrscheinlich ist das deshalb so, weil sich dort der Widerspruch zwischen Schein und Sein sich um so systemstabilisierender auswirkt, je grösser und bizarrer er ist.
JensSchmidt 11.01.2010
2. ?
Zitat von seine_unermesslichkeitIm innersten Zirkel einer jeden Diktatur kulminiert die Verlogenheit. Wahrscheinlich ist das deshalb so, weil sich dort der Widerspruch zwischen Schein und Sein sich um so systemstabilisierender auswirkt, je grösser und bizarrer er ist.
Das ist aber kein spezifisches Merkmal von Diktaturen, oder haben wir auch eine?
bürger mr 11.01.2010
3. Hörprobe
Na lieber "Spiegel" , da hätte eine kleine Hörprobe doch sicherlich etwas mehr Drive in das Thema gebracht. :-)
Seraphim 11.01.2010
4. Nettes Dokument Zeitgeschichte...
... mehr auch nicht. Viel interessanter wäre, mal einen Artikel zu lesen, der sich detailliert damit beschäftigt, was all diese charakterlich hoch defizitären Individuen eigentlich nach ihrer Stasi-Karriere beim "Klassenfeind" so gemacht haben. Nach Kuba wird wohl nicht einer ausgewandert sein. Wie sich diese Personen nach der Wende assimiliert haben und konnten, ist ein Unrecht, das zum Himmel schreit und Parallelen zur Nachkriegszeit durchaus zulässt. Darüber sollte mal berichtet werden.
waldschrat, 11.01.2010
5. Nur gemacht was gewünscht
Zitat von Seraphim... mehr auch nicht. Viel interessanter wäre, mal einen Artikel zu lesen, der sich detailliert damit beschäftigt, was all diese charakterlich hoch defizitären Individuen eigentlich nach ihrer Stasi-Karriere beim "Klassenfeind" so gemacht haben. Nach Kuba wird wohl nicht einer ausgewandert sein. Wie sich diese Personen nach der Wende assimiliert haben und konnten, ist ein Unrecht, das zum Himmel schreit und Parallelen zur Nachkriegszeit durchaus zulässt. Darüber sollte mal berichtet werden.
Hallo, ist zwar schon verdammt lang her: aber ich habe sie noch im Ohr, die Sprechchöre der Montagsdemos. "Stasi in die Produktion!". Und das Kuriose, das haben die gemacht. Zwar nicht in den Steinbruch zum Steineklopfen. Aber ab Mitte 1990 (Stichwort: Währungsunion), als sich die Masse an ihre noch vorhandenen, aber langfristig abzuwickelnden Arbeitsplätze geklammert hatten, folgten die Genossen schon dem Ruf der ins DDR-Land strömenden bundesdeutschen Unternehmen (Banken, Versicherungen, Krankenkassen, ...). Vielleicht fragen Sie mal den Versicherungsvertreter Ihres Vertrauens nach seiner Tätigkeit vor der Wende (sofern Sie in den nicht mehr ganz so neuen Ländern zu Hause sind).
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