Hinterwäldler-Parabel: Bauer sucht Tau

Von Nora Gantenbrink

Wenn Bauern ihre Frauen und Felder im Stich lassen, kann das nur einen Grund haben: ein daumendickes Tau! In Stefan aus dem Siepens Parabel "Das Seil" macht sich der Mob auf eine ziemlich grundsätzliche Suche - und mutiert dabei zu Dieben und Mördern.

Autor Stefan aus dem Siepen: Dünner Strang Zur Großansicht
dtv/ Bernd Schumacher

Autor Stefan aus dem Siepen: Dünner Strang

Werwölfe? Kannibalen? Riesenspinnen? Nein, der Horror kommt in Form eines Taus. In Stefan aus dem Siepens neuen Buch "Das Seil" ist der Feind: "Fest geflochten! Und dick wie ein Daumen!" (Warum auch immer man für diese zwei Sätze zwei Ausrufezeichen benötigt.) Bernhardt, der Bauer, findet das Ende des Seils beim sittsamen Spaziergang am Rande des Tannenwaldes und ist seitdem maximal verwirrt.

Wenig später sind das alle Bewohner des vorindustriellen Dorfes. Denn sie, die sich bislang nie viele Gedanken gemacht haben über die Welt außerhalb des Radius ihres Dorfes, plagt nun die Frage: Wo führt dieses Seil hin? Sie gehen ihm ein Stück nach, aber kein Ende kommt in Sicht. Und so versammeln sich die Männer des Dorfes am Waldrand und wollen dem Seil in den Wald nachlaufen, obwohl ihre Felder kurz vor der Ernte stehen. Ihre Frauen lassen sie wartend zurück.

Nach "Luftschiff" (2006) und "Die Entzifferung der Schmetterlinge" (2008) ist "Das Seil" das dritte Buch des Juristen Stefan aus dem Siepen. Die "FAZ" schrieb einmal über ihn, "dass sich der Autor in besonderem Maß für Fluchtbewegungen Einzelner aus einer Welt unter veränderlichen und veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen interessiert". Und auch in seinem neuen Buch geht es um Aufbruch, um Wahn und das Ende einer kleinen Ordnung.

Das Seil ist lang - das Buch auch

Nun muss man zugeben, dass Stefan von Siepens Sprache viel besser ist als die schnöde Seil-Parabel. Denn ein Seil als dramaturgischer Strang ist nicht dick wie ein Daumen, sondern dünn wie ein Blatt Papier. Viel zu früh wird deutlich, dass es nicht um das Ende des Seils geht, sondern um die Macht des Ungewissen, um die Faszination einer Sache und um den Verfall der Bauern, die während ihres Abenteuers nicht nur ihre Frauen und die Ernte vergessen, sondern auch immer böser werden.

Zu Anführern, Dieben und auch Mördern mutieren sie. Und je weiter sie dem Seil in den Wald nachlaufen, desto mehr entgleist ihr bislang wohlgeordnetes und von Vernunft und Eintönigkeit geprägtes Leben. Auch Bernhardt, der Entdecker des Seils, stirbt bei der Suche nach Erkenntnis. Und er bleibt nicht das letzte Opfer.

Es gibt in dem Buch ein Kapitel mit der Überschrift: "Das Seil ist lang", und irgendwann stellt der Leser leider fest: das Buch auch. Es bedarf noch nicht mal dreier Seiten, bis jeder Leser kapiert: Das Seil birgt Unheil. Und was geschieht auf den nächsten 175 Seiten? Das Seil birgt Unheil. Und dies ist die eigentlich größte Schwäche dieses Romans: seine Vorhersehbarkeit.

Es gibt gute und weniger gute Parabeln in der Literatur. Es gibt Meisterwerke unter den Parabeln. "Andorra" von Max Frisch. "Herr der Fliegen" von William Golding. Oder die Herr-Keuner-Geschichten von Bertolt Brecht. Das alles sind große Gleichnisse, von unfassbarer Eleganz. Es sind Geschichten, die einem die Welt erklären können und zwar fast eindringlicher als die Realität selbst. Durs Grünbein schrieb einst: "Stefan aus dem Siepen gehört unbedingt in die erste Reihe der deutschen Erzähler." In die erste Reihe der großen Parabelschreiber gehört er nicht.

Zuletzt auf SPIEGEL ONLINE rezensiert: Nedim Gürsels "Allahs Töchter", David Graebers "Schulden", Abdellah Taïas "Der Tag des Königs", Katrin Seddigs "Eheroman", Chimamanda Ngozi Adichies "Heimsuchungen"und David van Reybroucks "Kongo".

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1. Vorhersehbar, aber spannend bis zum Schluß
junikinder 01.06.2012
Ich hab das Buch gern gelesen und zwar von der ersten bis zur letzten Zeile. Ich mag die Geschichte (auch wenn ich nicht "überrascht" wurde), ich mag die Sprache und ich mochte seine Länge (eben doch nicht so lang wie das Seil)- Empfehlenswert!
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