Stefan Heym zum 10. Todestag: Ein Leben lang widerständig

Als politischer Intellektueller war Stefan Heym ein Vorbild weit über die Zeit hinaus, die seine Heimat, die DDR, bestand. Geistreich und unabhängig widerstand er jedem Opportunismus. Eine Würdigung zum 10. Todestag des Schriftstellers von Gregor Gysi.

Stefan Heym: Ein Leben lang widerständig Fotos
dapd

Menschen meiner Generation haben Stefan Heym in bester Erinnerung: als Schriftsteller, dessen Werke in der DDR mit großem Interesse gelesen wurde, als herausragenden und daher kritischen politischen Intellektuellen in der DDR und in den ersten Jahren des gesamtdeutschen Staates.

Es gibt unterschiedliche Typen von politischen Intellektuellen. Da ist zum einen der Parteiintellektuelle, dem es nicht ausschließlich um die politische Stellungnahme zu politischen Entwicklungen geht, sondern der dabei immer auch das Handeln seiner politischen Partei mit bedenkt, der zum Beispiel auch aus der Rolle als Politiker spricht. Kautsky, Lenin oder Gramsci stehen regelmäßig für diesen Typ.

Ein anderer Typus findet sein Vorbild beispielsweise in Heinrich Heine. Nicht weniger politisch, lehnt er jedoch die zu enge Verbindung mit einer bestimmten Gruppierung ab. Heines Auseinandersetzung mit Börne zeugt davon. Dieser Typ des Intellektuellen handelt sich mit allen Seiten Ärger ein, aber hat einen außerordentlichen Vorteil: Er tendiert nicht so schnell zum Opportunismus.

Gerade in den staatssozialistischen Ländern bedurfte es des politischen Intellektuellen, der sich von der herrschenden Linie nicht beeindrucken ließ, der aber auch von anderen nicht vereinnahmt werden wollte. Diese Intellektuellen waren Garant dafür, dass nicht Geistlosigkeit das öffentliche Leben beherrschte. Das hat den kritischen Sozialisten Stefan Heym für viele, auch für mich, so wichtig gemacht.

Auch nach der Wende blieb Heym Sozialist. Ich erinnere mich noch an den Aufruf "Für unser Land", den er zusammen mit der jüngst verstorbenen Christa Wolf verfasste. Er wurde 1994 von meiner damaligen Partei, der PDS, als Kandidat für den Wahlkampf um ein Bundestagsdirektmandat nominiert. Stefan Heym konnte den Wahlkreis für sich gewinnen.

Wäre Stefan Heym, der als Offizier der US-Truppen aktiv an der Befreiung Deutschlands teilnahm, nicht in Bundestag gewählt worden, wäre ein anderer Alterspräsident geworden: Alfred Dregger, der in den letzten Kriegswochen immer noch an den "Endsieg" glaubte. Als Alterspräsident eröffnete Stefan Heym den 13. Deutschen Bundestag. Einige Reaktionen waren beschämend und gehässig. Bis dahin war es üblich, dem Alterspräsidenten Respekt zu zollen, den Stefan Heym besonders verdient hätte. Er wurde ihm aber von der CDU/CSU-Fraktion verweigert. Heym war sein ganzes Leben hindurch widerständig. Dem widerstand er auch.

Im Jahr 2013 nähert sich der 100. Geburtstag von Stefan Heym. Ich hoffe, dass dies auch die Heym-Rezeption beleben wird.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. Lob an den Spiegel
Richie4454 16.12.2011
Es spielt keine Rolle, wie der Leser zu Stefan Heym oder den Ergüssen des Verfasser (Gregor Gysi) steht. Es ist einfach wohltuend, im Spiegel wieder einen Artikel lesen zu dürfen, der eine gewisse "intellektuelle" Anforderung an den Leser stellt. Ich hatte schon vermutet, dass der Spiegel nur noch die Praktikanten der "Bild"-Zeitung als "Autoren" beschäftigt. Danke an die Redaktion, dass hier mal wieder anspruchsvoll geschrieben wurde.
2. .
CancunMM 16.12.2011
Sein Leben lang widerständig ? Gegenüber dem Naziregime ja. Und das nötigt Respekt und Anerkennung ab. Aber dem Kommunistischen Regime ? Wo war da sein Widerstand ? Kritik ja, aber Widerstand ? Habe ich da was verpasst. Sein Land war die DDR und nicht das gesamte Deutschland (jedenfalls nach 1945). Also war er sozusagen im falschen Parlament.
3. Wer den Unterschied zwischen dem Naziregime
Xircusmaximus 16.12.2011
Zitat von CancunMMSein Leben lang widerständig ? Gegenüber dem Naziregime ja. Und das nötigt Respekt und Anerkennung ab. Aber dem Kommunistischen Regime ? Wo war da sein Widerstand ? Kritik ja, aber Widerstand ? Habe ich da was verpasst. Sein Land war die DDR und nicht das gesamte Deutschland (jedenfalls nach 1945). Also war er sozusagen im falschen Parlament.
und der DDR nicht begreift, der wird wohl auch den Unterschied zwischen Rosamunde Pilscher und Stefan Heym nicht begreifen. Und wo dies der Fall ist, einfach mal das Maul halten. Im Übrigen war Stefan Heym Alterspräsident des deutschen Bundestages.Aber wie bereits gesagt, wer keine Ahnung hat, einfach mal ....usw.
4. Das hat Heym nicht verdient
viwaldi 16.12.2011
Zitat von Richie4454Es spielt keine Rolle, wie der Leser zu Stefan Heym oder den Ergüssen des Verfasser (Gregor Gysi) steht. Es ist einfach wohltuend, im Spiegel wieder einen Artikel lesen zu dürfen, der eine gewisse "intellektuelle" Anforderung an den Leser stellt. Ich hatte schon vermutet, dass der Spiegel nur noch die Praktikanten der "Bild"-Zeitung als "Autoren" beschäftigt. Danke an die Redaktion, dass hier mal wieder anspruchsvoll geschrieben wurde.
Was Sie als "anspruchsvoll" bezeichnen, kann man doch über weite Strecken nur als kleinkarierte parteipolitische Propaganda bezeichnen. Um jemand "Großen" zu ehren - und dies hat Gysi wohl im Sinn gehabt - ist der Text im flachen politischen Alltagsgestrüpp hängengeblieben. Ein wohlgemeinter Versuch, dem die Luft schon nach der Hälfte ausgeht. Wer erlebt hat, welch hanebüchenen Unsinn Heym in den letzten Jahren von sich gegeben hat, kann doch nur den Kopf schütteln. Gysi hätte gut daran getan, über die Jahre in der DDR Wohlwollendes über Heym zu schreiben, und über den Rest den Mantel der Nächstenliebe auszubreiten.
5. Sie scheinen ein jedes mal dabei gewesen zu sein
Xircusmaximus 16.12.2011
Zitat von viwaldiWas Sie als "anspruchsvoll" bezeichnen, kann man doch über weite Strecken nur als kleinkarierte parteipolitische Propaganda bezeichnen. Um jemand "Großen" zu ehren - und dies hat Gysi wohl im Sinn gehabt - ist der Text im flachen politischen Alltagsgestrüpp hängengeblieben. Ein wohlgemeinter Versuch, dem die Luft schon nach der Hälfte ausgeht. Wer erlebt hat, welch hanebüchenen Unsinn Heym in den letzten Jahren von sich gegeben hat, kann doch nur den Kopf schütteln. Gysi hätte gut daran getan, über die Jahre in der DDR Wohlwollendes über Heym zu schreiben, und über den Rest den Mantel der Nächstenliebe auszubreiten.
wenn Heym etwas von sich ( was auch immer ) gegeben hat. Warum Kritik an der Kritik würdigen Zuständen, das eine Mal wohlwollend zu betrachten das andere Mal als hanebüchen zu bezeichnen wäre,wissen sie offensichtlich selbst nicht so genau. Jedenfalls müssten Sie dies schon mal erklären, finde ich. Vielleicht hätten Sie Heym gern als Wendehals, wie es doch so viele der damaligen Freiheitskämpfer getan haben, erlebt. Aber gerade dies macht Heyms Grösse aus, in welchem Regime auch immer, Zeit seines Lebens nicht geschwiegen und die Dinge beim Namen genannt zu haben. Was freilich dem Herrn Kohl genauso wenig gepasst hat, wie zuvor dem Genossen Honecker und offensichtlich passt es Ihnen auch nicht.
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