Funkelnder Epochenroman von Sten Nadolny Opa war ein Zauberer

"Das Glück des Zauberers": Bestsellerautor Sten Nadolny erweist sich in seinem neuen Buch als verwandlungskünstlerischer Erzähler eines Epochenromans.

Magier bei einer Vorstellung (Symbolbild)
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Magier bei einer Vorstellung (Symbolbild)

Von Stephan Lohr


Pahroc, ein genau erinnernder und auf die Zukunft neugieriger, aber sehr alter Herr, schreibt seiner Enkelin Briefe. Zwölf an der Zahl sind es, über ein paar Jahre hinweg, beginnend, als sie noch ein Säugling ist. Die Enkelin Mathilda ist das titelgebende "Glück des Zauberers" Pahroc in Sten Nadolnys Epochenroman.

Als Erwachsene soll sie dieses Briefkonvolut des Großvaters zu lesen bekommen. Denn der ist überzeugt, dass auch Mathilda über zauberische Fähigkeiten verfügt. So gibt er ihr Ratschläge, die verknüpft sind mit Erinnerungen an Erlebnisse Pahrocs seit dem ersten Weltkrieg bis in unsere Tage. Sein letzter, der zwölfte Brief, datiert vom Mai 2017, bricht ab, denn Pahroc stirbt in der Nacht vom 10. auf den 11. Mai, 111 Jahre alt.

Die einzelnen Briefkapitel handeln von merkwürdigen zauberischen Erscheinungsformen, etwa "einen langen Arm machen", "Schweben und Fliegen" oder "Durch Wände gehen". Ihre Anwendungen beschreibt der Briefautor an Beispielen seiner ungewöhnlich facettenreichen Lebensgeschichte.

Der lange Arm erweist sich zum Beispiel in den Not- und Hungerzeiten nach den Weltkriegen als nützlich; das Unsichtbar-Werden, Durch-Wände-Gehen und Fliegen-Können wird zur Voraussetzung subversiver Attacken gegen Nazis, die hier "Armhochreißer" heißen; auch die Flucht aus dem Kessel von Stalingrad gelingt mittels vermeintlich magischer Flugfertigkeiten.

Autor Nadolny hat seine Hauptfigur Pahroc mit einer reichen Biografie ausgestattet: Als Sohn eines Paiute-Indianers und einer deutschen Tänzerin entwickelt er sich zum Technikfreak, stößt bereits in den Dreißigerjahren auf Voraussetzungen der Digitalisierung, schlägt sich als Elektriker, Privatpilot, Küster und Organist durch.

Und: Pahroc hat einen Gegner, seinen Jugendfreund und Zauberkollegen Schneidebein, der sich zu einem fanatischen Nazi entwickelt, immer wieder Pahroc nachstellt, ihm nach dem Leben trachtet, nachdem er schon jüdische Freunde des Briefschreibers "eliminiert" habe, wie er in einer dramatischen Szene selbstbewusst gesteht.

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Sten Nadolny:
Das Glück des Zauberers

Piper, 320 Seiten; 22 EUR

Die Schilderung dieser Auseinandersetzung 1942 in einem NS-Reichsministerium gerät zu einer gewaltigen Groteske, stoßen hier doch zwei Zauberer aufeinander, die keinen Hokuspokus auslassen, um den Gegner zu treffen. Da beginnt eine Tischplatte zu glühen, die Kämpfenden "miniaturisieren" sich zu Insekten oder verwandeln sich in wilde Tiere. Schließlich, nachdem auch ein Bild des Führers von der Wand gekracht ist, gelingt Pahroc die Flucht.

Man kommt aus dem Staunen und Lachen kaum noch heraus, zieht der Autor hier doch alle Register einer überschäumenden Fantasie - und das, um das perfide Mordpotential der Nationalsozialisten auf ungewohnte Weise zu charakterisieren.

Autor Nadolny
Peter Peitsch

Autor Nadolny

Der Leser kann dieser Übertreibung inzwischen folgen, sät das Buch doch auch Hinweise, die die Skepsis gegenüber diesem Zauber nähren: Nicht nur, dass Nadolny Münchhausen als Zeugen aufruft, seinen Briefen "das Wahre ebenso wie das Erfundene" attestiert, so dass zunehmend klar wird: Zauber steht hier auch als eine Chiffre für die Freiheit der Literatur, wider Wahrscheinlichkeit, Sachzwang oder Wirklichkeit.

So wird auch in den Beschreibungen der jüngeren Zeit, mit seinen technikkritischen Verweisen etwa, deutlich, dass Nadolny hier ideengeschichtliche, ja, weltpolitische Alternativen vorstellbar machen will. Aber eben nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit kluger Ironie. So erfahren wir vom älter werdenden Briefschreiber Pahroc auch noch einiges über die Entstehung der westdeutschen Bundesrepublik, den Ungarn-Aufstand, die 68er-Bewegung sowie die Wiedervereinigung.

Dabei gesteht Pahroc, durchaus zauberkritisch, auch seinen Hang zur Hochstapelei ein, der ihn sogar für 2 Jahre ins Gefängnis bringt. Um schließlich im letzten Brief vor seinem Tod seiner Adresssatin zu schreiben: "Du hast sicher längst erraten: Ich habe nie zaubern können, schon gar nicht als Meisterzauberer!".

Sten Nadolny, berühmt seit seinem Welterfolg von 1983 "Die Entdeckung der Langsamkeit", zuletzt gerühmt für seinen autobiographischen Roman "Weitlings Sommerfrische" vor fünf Jahren, hat mit "Das Glück des Zauberers" ein waghalsiges Buch geschrieben: es fordert (und belohnt!) Leserinnen und Leser, die verführbar sind und diesen Schabernack als ein Plädoyer für Fantasie in Zeiten bedrohlicher Ideenlosigkeit verstehen.

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herby_der_erste 01.09.2017
1. ...
.. und in SWR2 wurde das Buch heute Morgen total verrissen! Aber darüber lässt sich ja bekanntlich streiten!
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