Stephan Thomes China-Roman Er hat den Buchpreis verdient - aber nicht für dieses Buch

Bisher bestach Stephan Thome als souveräner Erzählökonom und mitleidloser Gesellschaftsanalytiker. In seinem Roman "Gott der Barbaren" über das China um 1848 läuft nun aber alles heillos aus dem Ruder.

Kampfszene im Opiumkrieg
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Kampfszene im Opiumkrieg


Dieser Autor scheint eine Art Abo auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises zu haben. Zwei der drei Romane, die der 1972 im hessischen Biedenkopf geborene Stephan Thome geschrieben hat, fanden sich wenig später erst auf der Longlist und dann auf der Liste jener sechs Titel, die ins Rennen gehen um Deutschlands verkaufsförderndsten Literaturpreis.

So geschehen 2009, als sein später von Brigitte Maria Berteles mit Claudia Michaelsen und Lars Eidinger in den Hauptrollen allzu vorlagentreu verfilmtes Romandebüt "Grenzgang" erschien - und damals auf Anhieb bis ins Finale vorstieß; Thome gewann dann zwar nicht - erhielt aber wenig später völlig zu Recht den "Aspekte"-Literaturpreis für das beste Debüt des Jahres. Und auch sein zweiter Roman "Fliehkräfte" schaffte es 2012 wieder bis auf die Shortlist. (Nur "Gegenspiel" von 2016 bildet eine Ausnahme.)

Nun, 2018, findet sich auch Thomes vierter, 719 Seiten langer Riesenroman "Gott der Barbaren" unter den Kandidaten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis. Das ist insofern überraschend, als dieser von seinem Ansatz her zweifellos hochambitionierte Roman das meiste dessen vermissen lässt, was die früheren Arbeiten dieses hochveranlagten Schriftstellers ausmachte.

Stephan Thome
imago/ Horst Galuschka

Stephan Thome

Angefangen bei all seinen Figuren, angesiedelt im China des 19. Jahrhunderts, die wie aufgestellte Pappkameraden erscheinen, nämlich plan, ohne Tiefe. Wo Thome uns bisher die innere Notwendigkeit seiner Figuren dezent und wie nebenbei offenbarte, da ersäuft in "Gott der Barbaren" alles in dick aufgetragenen Farben.

Von der dramaturgischen Engführung, die Thomes früheren Romanen ihre konzise Schärfe gab, ganz zu schweigen. "Grenzgang" oder "Gegenspiel" waren Bücher aus der Mitte deutscher Befindlichkeit, die am Beispiel Einzelner die emotionalen Schieflagen einer ganzen Generation messerscharf erkenn- und fühlbar werden ließen. All das sucht man in "Gott der Barbaren" vergebens. Vielmehr kollabiert dieses überfrachtete Historien-Epos vom Start weg unter der schieren Last seines Anliegens und der irrwitzigen Stoff- und Detailfülle.

Sein großes China-Ding!

"Alle die Jahre hindurch hatte ich in der Hoffnung gelebt, dass irgendwo eine große Sache wartete, der ich mein Leben widmen konnte." So heißt es über den jungen Deutschen Philipp Johann Neukamp, den ältesten Sohn eines Zimmermanns aus dem Märkischen, der sich nach der 1848/49 in Deutschland niedergeschlagenen sogenannten "März"-Revolution im Auftrag von Basler Missionaren ins ferne China aufmacht. Er soll sich ein Bild von der dort tobenden Rebellion zu machen - und sich, soweit möglich, für die missionarische Sache engagieren.

Man wird das Gefühl nicht los, dass auch Thome selbst an einer "großen Sache" gewerkelt hat. Eine, die ihn, der jahrelang den asiatischen Raum bereiste und inzwischen auch wieder in Taipeh lebt, lange umgetrieben haben muss: Sein großes, ganz persönliches China-Roman-Ding! Denn der Furor, mit dem er seinen Stoff angeht, ist gewaltig. Und eigentlich verfügt dieser Schriftsteller über jene besonderen handwerklichen Fähigkeiten, die nötig sind, um ein solch gewaltiges Erzählvorhaben zu meistern.

Trotzdem scheitert er. Denn statt seinen Stoff auf die Schilderung der im Zentrum der Erzählhandlung stehenden Opiumkriege zwischen dem Kaiserreich, der Qing-Dynastie und Großbritannien zu begrenzen, verliert er sich fabulierselig in deren ungebremst dahingaloppierender Ausmalung. Darüber scheitert Thomes erkennbares Anliegen, die Entstehung des heutigen imperialen China aus seiner kriegerischen Vorgeschichte heraus erklären zu wollen, leider grandios.

Als Konsequenz daraus taumeln all die in die weitverzweigte Erzählhandlung involvierten deutschen Missionare, Chefdiplomaten der Britischen Krone und chinesischen Prinzen und Unterhändler des Kaisers wie führungslose, von ihren Fäden gelassene Holzspielpuppen durch die aufwendig errichteten Kulissen.

Thomes ambitioniertes Romanvorhaben verliert sich im rein Episodischen - und die der Zeitgeschichte entlehnten Figuren wie etwa auch der deutsche Missionar und Betrüger Karl Gützlaff oder Prinz Gong, der Unterhändler des Kaisers, gewinnen ebenso wenig Kontur wie der Brite Earl Grey, der im Krieg Britanniens gegen China den mäßigenden Mahner gab. Der anfangs erkennbare rote Faden zerfasert, geht verloren.

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Stephan Thome:
Gott der Barbaren

Suhrkamp Verlag, 719 Seiten, 25 Euro

Taucht man nach bisweilen quälender Lektüre aus Thomes Roman wieder auf, hat man das irritierende Gefühl, lange weg gewesen zu sein. Wo? In einem riesigen Dschungel aus Bildern und Worten, in den ein entschlossenes Lektorat hätte Schneisen schlagen müssen. So nämlich ist man als Leser heillos darin verloren. Denn ist es nicht auch ein Effekt gelungener Literatur, dass sie einen auf zaubertrickhafte Weise und über alle Umwege hinweg zu sich selber bringt? Thomes Roman bewirkt das genaue Gegenteil: Er stiftet bloß Verwirrung.

Aber vielleicht sehen die diesjährigen Juroren es ja anders, und verleihen Thome den Preis trotzdem. Verdient hätte er ihn natürlich längst. Nur eben nicht für den vorliegenden Roman.

"Gott der Barbaren" steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. So wie auch "Nachtleuchten" von María Cecilia Barbetta (hier eine Rezension), "Sechs Koffer" von Maxim Biller (hier eine Rezension), "Die Katze und der General" von Nino Haratischwili (hier ein Interview mit der Autorin), "Archipel" von Inger-Maria Mahlke (hier eine Rezension) und "Der Vogelgott" von Susanne Röckel



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Krokodilstreichler 14.09.2018
1. Riesenroman?
719 Seiten ein Riesenroman? Was ist dann "Krieg und Frieden"?
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