Horrorautoren Stephen King und Owen King "Wie wäre es, wenn auf einmal alle Frauen weg wären?"

Stephen King hat zusammen mit seinem Sohn Owen einen Roman geschrieben: "Sleeping Beauties". Im Interview erzählen sie, wie die Geschichte entstanden ist - und was sie mit Donald Trump zu tun hat.

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Ein Interview von , New York


Stephen King ist vorgewarnt worden. "Ich habe vorhin mit meiner Frau telefoniert", erzählt er. "Sie sagte: Stephen King - so nennt sie mich nur, wenn sie es sehr, sehr ernst meint - sag bloß nichts über Donald Trump!"

King, der erfolgreichste Horrorautor der Welt ("Es", "Carrie"), kann den US-Präsidenten nicht ausstehen: Trump sei "schrecklicher als jede Horrorstory, die ich geschrieben habe", twitterte er einmal. Dass der ihn seither beleidigt auf Twitter geblockt hat, findet er umso amüsanter - Punktsieg King.

Aufgekratzt empfängt der 70-jährige King im Büro seines US-Verlegers. Sein weißgrauer Haarschopf lugt unter einer Baseballmütze hervor. Er ist blass, aber fröhlich, so ganz anders als sein Lebenswerk. Neben ihm sitzt sein Sohn Owen King, 40, eine jüngere, fülligere Version des Vaters. Wie gesagt, bitte keine Trump-Fragen. "Wir wollen uns aufs Buch konzentrieren."

Ach was, natürlich wird er über Trump reden. Doch mehr dazu später.

Zur Person
  • DPA
    Stephen King, 70, ist mit 54 Romanen, sechs Sachbüchern, rund 200 Kurzgeschichten und mehr als 350 Millionen verkauften Büchern einer der erfolgreichsten Autoren der Welt. Viele seiner Werke wurden verfilmt, darunter "Carrie", "Stand by Me", "Der dunkle Turm" und zuletzt "Es". Sein Sohn Owen King ist ebenfalls Schriftsteller. Der Roman "Sleeping Beauties", der an diesem Montag in Deutschland erscheint, ist ihre erste Kollaboration.

SPIEGEL ONLINE: In "Sleeping Beauties" wachen alle Frauen, wenn sie einschlafen, plötzlich nicht mehr auf. Die Männer sind auf sich alleine gestellt, mit horrenden Folgen. Mr. King, Sie hatten ja immer schon einen Hang zu feministischen Horrorthemen…

Stephen King: "Carrie"!

SPIEGEL ONLINE: …Woher kommt das?

Stephen King: Ich wurde von Frauen aufgezogen. Meine Mutter war eine alleinerziehende Mutter, bevor das akzeptabel war. Sie hatte fünf Schwestern, die waren oft da. Ich heiratete eine sehr starke Frau, die ebenfalls fünf Schwestern hatte, auch die waren oft da. Es scheint mir, dass Frauen generell den Laden schmeißen. Ich fühle mich wohl dabei, über Frauen zu schreiben. Aber die Idee zu "Sleeping Beauties" kam von Owen.

Owen King: Ich fragte mich: Wie wäre es, wenn auf einmal alle Frauen weg wären? Wie würden die Männer miteinander auskommen? Das klang mir sehr nach einem Horrorroman.

SPIEGEL ONLINE: Das geht in der Tat nicht gut.

Stephen King: Männer sind das streitsüchtigere Geschlecht, glaube ich. Wir sind unbeherrschter, konfrontativer. Würden alle Männer einschlafen, würden die Frauen sehr gut miteinander klarkommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie in der Politik?

Stephen King: Ich habe gesagt, dass ich nicht über Donald Trump reden werde. Aber nehmen Sie nur mal die Situation mit Trump und (dem nordkoreanischen Machthaber) Kim Jong Un: Zwei Männer, zwei Alphamales, stacheln sich zur ultimativen Konfrontation an. Neulich sah ich diese tolle Karikatur, da waren die beiden Babys in Windeln, saßen auf Atomraketen und drohten sich mit der Faust.

Owen King: Aber auch die Frauen in "Sleeping Beauties" finden sich nicht in einer perfekten Utopie wieder, sie sind weiter fehlerhafte Wesen, und in ihrer Welt läuft alles schief. Eine matriarchalische Gesellschaft wäre auch keine Lösung.

Stephen King: Absolut nicht.

SPIEGEL ONLINE: Der Schauplatz von "Sleeping Beauties", eine amerikanische Kleinstadt, ist zwar fiktiv, aber ein realistisches Abbild der kaputten US-Gesellschaft. Ist dieser Roman auch ein politischer Kommentar?

Stephen King: Das Buch ist eine Geschichte, kein politisches Traktat.

Owen King: Die politische Message des Romans ist das, was immer jemand daraus ziehen mag.

Stephen King: Es gibt natürlich Bücher, die wurden von einem ganz konkreten politischen Standpunkt aus geschrieben. "Farm der Tiere" oder "1984" oder Sinclair Lewis' Nazisatire "Das ist bei uns nicht möglich".

SPIEGEL ONLINE: …Die auch in "Sleeping Beauties" vorkommt.

Stephen King: Aber das wollten wir nicht. Owens Idee erinnerte mich an etwas, das meine Mutter immer sagte: Wenn du in einem Haus keinen Ring in der Kloschüssel siehst, dann ist da irgendwo eine Frau, weil Männer nicht saubermachen.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem: Der Schauplatz, eine kaputte Kohlestadt in den Appalachen, ist typisches Trump Country.

Owen King: Klar, diese Gegend ist im Moment zentral in der Geschichte unseres Landes. Aber wir haben das lange vor den Präsidentschaftswahlen 2016 geschrieben. In der ersten Fassung gab es zum Schluss sogar eine kurze Stelle, wo Hillary Clinton Präsidentin war.

Stephen King: Jede Fantasie muss ein realistisches Gerüst haben. Fiktion ist die Wahrheit in einer Lüge. Die Aufgabe eines Autors ist es, die Wahrheit zu erzählen. Und noch leben wir in einem Land, in dem wir nicht im Gulag landen, weil wir die Wahrheit sagen.

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Stephen King und das Altern: "Jeden Tag frage ich mich, wie viel mir verloren geht."

SPIEGEL ONLINE: "Sleeping Beauties" ist Ihre erste Vater-Sohn-Kooperation. Mr. King, Ihr ältester Sohn Joe Hill ist ebenfalls Schriftsteller. Liegt den Kings die blühende Fantasie im Blut?

Stephen King: Meine Söhne wuchsen in einem Haus voller Bücher auf. Als Owen ein Kind war, lebten wir mitten im Nirgendwo, er konnte nicht fernsehen, es gab keinen Empfang, das war vor dem Internet, vor Streaming, deshalb vergrub er sich immer in Büchern. Ihr hattet eine ziemliche Fantasie als Kinder, oder?

Owen King: Wir erzählten uns dauernd Geschichten. Einmal im Urlaub hatten wir kein Buch dabei, und Dad erzählte uns eine Gutenachtgeschichte, die er sich ausgedacht hatte, über Spider-Man oder sowas, und die setzte sich über Tage und Tage fort. Wir liebten das, weißt du noch?

Stephen King: Das hat Spaß gemacht.

Owen King: Erzähl' uns von Spider-Man! Erzähl' uns von Spider-Man!

SPIEGEL ONLINE: Was war denn das erste Buch Ihres Vaters, das Sie gelesen haben?

Owen King: "Die Augen des Drachen", das hat er mir vorgelesen. Da war ich zehn.

Stephen King: Meine Tochter Naomi, unser ältestes Kind, wollte nichts von meinem Zeug lesen, sie mochte lieber Drachen und Einhörner. Also sagte ich, okay, ich schreibe eine Drachenstory. Und Owen war meine Zielgruppe.

SPIEGEL ONLINE: Lesen Sie beide viel?

Stephen King: Ich lese immer irgendetwas. Aber Owen hat als Leser mehr Abenteuerlust als ich. Einmal hat er mir Tolstois "Krieg und Frieden" als Audiobuch aufgenommen, selbst vorgelesen. Da war er noch ein Kind, und die ersten 40 Episoden waren Kassetten.

Owen King: Das war so lang, dass sich die Technologie mit der Zeit veränderte.

Stephen King: Du hast mir ziemlich verrückten Shit vorgelesen.

Owen King: Sogar ein paar Ausgaben von "Herr der Ringe".

Stephen King: Die meisten habe ich mir im Auto angehört.

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Stephen King, Owen King:
Sleeping Beauties

Aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt

Heyne Verlag, 960 Seiten, 28 Euro

SPIEGEL ONLINE: "Sleeping Beauties" hat im Original 704 Seiten, die deutsche Fassung sogar 960 Seiten. Wie schreibt man so was zu zweit? Wer hat da was geschrieben?

Owen King: Er hat die guten Passagen geschrieben. Aber ich habe die wirklich guten Passagen geschrieben.

Stephen King: Es war wie Tennis. Ich schlug den Ball zu ihm rüber, und er schlug ihn zu mir zurück, nur war es kein Ball, sondern eine Geschichte.

Owen King: Ich wollte nicht, dass die Leute merken, wer was geschrieben hat. Also haben wir es so durcheinander gemacht und uns auch gegenseitig redigiert. Deshalb klingt es wie keiner von uns beiden.

Stephen King: Ja, das Interessante ist, dass es sich anfühlt, als hätte es eine dritte Person geschrieben.

Owen King: Mit das Beste war, dass ich Zeit mit meinem Vater verbringen konnte. Wir sind oft getrennt voneinander, als Erwachsener sieht man seine Eltern ja nicht mehr so oft.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie es noch mal machen?

Owen King: Es war ein schönes Erlebnis, sehr friedlich, wir haben uns nicht gestritten. Ich würde es noch mal machen.

Stephen King: Ich würde es auch noch mal machen. Nur das Redigieren hat nicht immer Spaß gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Mr. King, Sie feierten kürzlich Ihren 70. Geburtstag. Denken Sie je daran, mit dem Schreiben aufzuhören?

Stephen King: Jeden Tag. Jeden Tag frage ich mich, wie viel mir verloren geht. Aber bei "Sleeping Beauties" hatte ich jemanden, der 30 Jahre jünger ist und mich anspornte. Dagegen sitze ich gerade an einem neuen Buch, das ich alleine schreibe, und da komme ich nicht weiter.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
christian simons 13.11.2017
1.
Bei aller Liebe für die Trapp-Familie des Horrorgenres; diese Idee ist nicht neu. Es gab da vor vielen Jahrzehnten einen SciFi-Roman, in dem parallel eine Welt ohne Frauen bzw. ohne Männer geschildert wurde. Da ich sowohl den Titel als auch den Autor vergessen habe, kann ich nicht googeln.
biber01 13.11.2017
2. Oh Mann
Stephen King ist ein Frauenversteher! Ich fass es nicht;-))
Atheist_Crusader 13.11.2017
3.
Würden alle Männer einschlafen, würden die Frauen sehr gut miteinander klarkommen??? Das ist alberner Sexismus. Vielleicht nett gemeint, aber ultimativ herablassend, misandristisch und weltfremd. Dazu eine ganz einfache Übung: wenn solche Sätze kommen, einfach mal das Wort "Männer" durch "Juden" oder "Homosexuelle" und das Wort "Frauen" durch "der Rest der Menschheit" ersetzen. Wenn das Ergebnis dann klingt wie eine Passage aus "Mein Kampf", dann sollte man seine Prämisse lieber nochmal überdenken. Frauen sind mitnichten das sanfte, friedliche Geschlecht, das nur durch die bösen Männer verdorben wird. Im Gegenteil: Frauen sind sehr gut dabei einander herunterzumachen und auszubeuten, von der Vorstandsetage bis in den Einzelhandel. Eine Welt ohne Männer wäre definitiv eine andere Welt als eine ohne Frauen, aber nett und friedlich wäre die beileibe nicht. Ich vermute mal, es würde generell weniger passieren, weil Frauen mehr zum Streben nach einem Konsens tendieren als Männer - aber das gilt für Angriffskriege genauso wie für den Brückenbau. Konflikte wären ebenso zahlreich, würden aber wohl oft unter der Oberfläche ausgetragen werden - aber auch nicht immer. Fast die Hälfte aller häuslichen Gewalt geht von Frauen aus, das sollte man nicht vergessen. Dass Frauen im Alltag so oft Opfer von Gewalt werden, liegt ja unter Anderem an dem relativen Kraftgefälle zwischen den Geschlechtern - selbst ein untrainierter Mann ist den meisten Frauen körperlich überlegen. In einer Welt ohne Männer wären die durchtrainierten Frauen dann die Spitze der Nahrungskette. Würden sie mit dieser Position weise und fair umgehen? Ich bezweifle es. Dass eine gesteigerte Teilhabe von Frauen an wichtigen Entscheidungen (Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, ...) tendenziell zu besseren Resultaten für alle Beteiligten führt, ist wohl auch eher dem Ausgleich der fehlenden Repräsentation ihres Geschlechtes geschuldet als einer vermeintlichen geistigen oder moralischen Überlegenheit gegenüber Männern. Lies: die Dinge werden nicht besser weil mehr Frauen an sich gut sind, sondern weil eine angemessene Repräsentation aller Gruppen eben dafür sorgt dass diese Gruppen eine Stimme haben und nicht so leicht marginalisiert werden können. Denn immer wo nur ein Geschlecht klar dominiert, kommt es fast zwangsweise zu Seltsamkeiten, von verzerrten Ideen bis hin zu Akten der Barbarei (siehe die meisten religiösen Institutionen, siehe Knast, siehe Militär). Von daher: Gut dass es beide Geschlechter gibt. Und zwar für alle Beteiligten. Es gibt noch viel Raum für Verbesserung, aber keinen für den Verzicht auf die eine oder andere Gruppe.
Euronymus 13.11.2017
4. King
Stephen King ist ein phantastischer Autor, den man nicht nur auf Horror reduzieren kann. Stand by me, Green Mile, die Verurteilten.. gut erzählte Geschichten.
loeweneule 13.11.2017
5.
Zitat von EuronymusStephen King ist ein phantastischer Autor, den man nicht nur auf Horror reduzieren kann. Stand by me, Green Mile, die Verurteilten.. gut erzählte Geschichten.
Ich möchte mal behaupten, daß die meisten nicht Stephen King kennen, sondern nur das Stephen-King-Klischee, u.a. genährt durch miese Filme, die sich auf ihn berufen.
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