"Mr. Mercedes" von Stephen King Das Böse fährt deutsch

Nervenkrieg zwischen Killer und Ex-Cop: Die Struktur des neuen Krimis von Stephen King klingt vertraut. Dennoch fesselt sein "Mr. Mercedes" - der Horror-Meister spielt mit Klischees, die er lustvoll in seinem spannenden Thriller verteilt.

AP

Drei Dinge braucht der pensionierte Polizist: eine Fernbedienung, um zwischen Jerry Springer und den Fox News hin- und herzuschalten, genügend Bier oder Whiskey, um sich ins Vergessen zu trinken, und eine Waffe, die immer in Reichweite ist, falls man eines Abends genug hat von Talkshows und Einsamkeit und Suff.

Mit diesem Cop-Klischee, das aus Dutzenden Kriminalromanen und TV-Serien bekannt (aber deswegen womöglich nicht weniger wahr) ist, beginnt Stephen King seinen neuen Roman. Und fügt gleich ein weiteres hinzu: Auch in "Mr. Mercedes" gibt es diesen einen letzten Fall, den der Polizist William Hodges vor seiner Pensionierung nicht mehr lösen konnte und der ihn jetzt als Rentner nicht mehr loslässt, trotz zunehmender Hirnerweichung durch Fernsehen und Fusel.

King weiß selbstverständlich um diese Klischees, und der 66-jährige Horrorspezialist hat offensichtlich ein teuflisches Vergnügen daran, sie einerseits zu bedienen, andererseits aber mit ihnen zu spielen. So verweist er immer wieder auf seine Vorbilder, widmet "Mr. Mercedes" dem Noir-Schriftsteller James M. Cain, zitiert aus dessen Roman "Wenn der Postmann zweimal klingelt" ebenso wie aus den TV-Serien "The Wire" oder "Luther", lässt Namen wie Joseph Wambaugh (der Vater des modernen Cop-Romans) fallen und macht sich über die Verfilmungen seiner eigenen Romane lustig.

Ein lustvolles metafiktionales Spiel, das King aber nie so weit treibt, dass es der Spannung im Weg stehen würde, sondern gekonnt in die Handlung integriert. Seinen Höhepunkt findet es, als Hodges ausgerechnet einen Fedora geschenkt bekommt, den Hut, den Bogart und viele andere Helden der Schwarzen Serie berühmt gemacht haben. Zu dem pensionierten Polizisten allerdings will der Hut nicht so recht passen - später wird er sogar zu einer Verwechslung mit tödlichen Folgen führen.

Der große, graue, grausige Mercedes

Der Killer, den Hodges nicht fassen konnte, wird Mr. Mercedes genannt. Weil er mit voller Absicht in einem gestohlenen Mercedes S 600 in eine Menschenmenge gerast war und dabei acht Unschuldige getötet hatte, darunter eine junge Mutter und ihr Baby.

Ein starkes, ein schmerzhaftes Bild, das King hier findet: Hunderte Arbeitslose, die sich auf die kleine Chance hin, am nächsten Morgen einen Job zu finden, mitten in der Nacht vor dem Gemeindehaus einfinden. Als würden wir einen Roman von John Steinbeck lesen, nicht den neuesten Stephen King - doch dann biegt der große, graue, grausige Mercedes, Symbol für Wohlstand, um die Ecke.

Der Killer, das verrät King uns schon bald, ist kein Monster und auch keiner dieser modischen genial-gestörten Serienmörder. Sein Name ist Brady Hartsfield, ein Endzwanziger, der noch bei seiner Mutter lebt und der zwei Jobs hat, damit sie beide über die Runden kommen. Ein scheinbar ganz durchschnittlicher Amerikaner also. Nur dass er seine Mutter auf eine irgendwie ungesunde Weise liebt - und so ziemlich jeden anderen Menschen auf diesem Planeten hasst.

Ganz oben auf seiner Shitlist steht William Hodges, der Ex-Cop. Als Demonstration seiner Überlegenheit schickt Hartsfield ihm einen Brief: Hybris, verbunden mit der Hoffnung, Hodges so sehr zu verunsichern, dass dieser sich seine Knarre nicht nur in den Mund stecken, sondern tatsächlich abdrücken möge.

Doch das Gegenteil passiert: In Hodges erwachen die alten Polizisten-Instinkte, der übergewichtige Rentner taucht aus seinem Wachkoma auf. Über ein Chatforum entspannt sich ein Nervenkrieg zwischen Killer und Ex-Cop; doch je mehr Hodges seinen Gegner in die Enge treibt, desto mehr provoziert er Hartsfield, erneut zu töten.

Keine vom Bösen besessenen Oldtimer, keine Killer-Clowns, keine telekinetisch begabten Teenager - in Stephen Kings 57. Roman kommt das Böse vergleichsweise banal daher. Trotz dieses Verzichts auf übersinnlichen Hokuspokus ist "Mr. Mercedes" ein typischer King. Eine weitere Variation des ewigen Kampfs von Gut gegen Böse, mit allen Stärken (Spannungsaufbau, Figurenzeichnung), die seine Leser seit 40 Jahren lieben, aber auch allen Schwächen (Plauderhaftigkeit, Überlänge), die sie ihm bereits ebenso lange verzeihen.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
ratte321 09.09.2014
1.
Super das halbe Buch erzählt! Danke! Jetzt kauf ich es nicht mehr!
fritze_bollmann 09.09.2014
2.
Ich liebe Sekundärliteratur .
mangeder 09.09.2014
3. Das macht Hoffnung
Hört sich an, als würde er auf seine penetranten religiösen (oder pseudo-religiösen) Bezüge verzichten und "das Böse" als normalen Menschen darstellen. Gut zu wissen, dann werd ich es lesen.
majestic12 09.09.2014
4. Spoiler-Alarm
Immer schön das Buch bis zum Schluß nacherzählen. Super gemacht. Danke!
zmpfl 09.09.2014
5. Hr Müntefering,...
... bei Ihrer nächsten Kritik bitte in großen Lettern "Achtung! Enthält SPOILER!" darüber schreiben. Sie müssen das nicht verstehen, tun Sie's bitte einfach. Danke.
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