F. Scott Fitzgeralds späte Jahre  Endstation Hollywood

F. Scott Fitzgerald war einer der größten Schriftsteller Amerikas - doch dann ging sein Leben zu Bruch, er verschwendete sein Talent an Hollywood. Im Roman "Westlich des Sunset" erzählt Stewart O'Nan die Geschichte dieses Absturzes.

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Am 21. Dezember 1940 starb F. Scott Fitzgerald an einem Herzinfarkt, er war erst 44 Jahre alt. Was hat ihn umgebracht? Die Schuldgefühle, weil seine Frau Zelda in einer Nervenklinik lebte, während er eine neue Liebe gefunden hatte? Die Schulden, die auf ihm lasteten? Der Schnaps, dem er nie ganz entkommen konnte? Oder waren es die unzähligen Coca-Colas, die er täglich trank, um trocken zu bleiben?

Von Fitzgeralds letzten Lebensjahren erzählt Stewart O'Nan in seinem neuen Roman "Westlich des Sunset". Drei Jahre, die Fitzgerald in Hollywood verbrachte, in dem verzweifelten Versuch, sein Leben, das in Trümmern lag, wieder in den Griff zu bekommen.

O'Nan erzählt angenehm unpathetisch die tieftraurige Ballade vom Scheitern eines großen Schriftstellers, der am falschen Ort nach dem Glück sucht. In Hollywood verschwendete er sein Talent für zweit- und drittklassige Drehbücher von Filmen, die entweder nie realisiert wurden oder heute zu Recht vergessen sind. "Für mich war es, als würde ein großer Bildhauer dafür engagiert werden, als Klempner zu arbeiten. Er hatte keine Ahnung, wie er die verdammten Rohre verlegen sollte", hat Regisseur Billy Wilder über Fitzgeralds Versuche als Drehbuchautor gesagt.

Niemand kam, um ihn zu begrüßen

Zweimal zuvor war Fitzgerald in Hollywood brutal gescheitert, aber damals immerhin als einer der glamourösesten Schriftsteller der Welt, als eine Lichtgestalt der Literaturszene, dessen Eskapaden allerdings deutlich mehr Schlagzeilen machten als seine Romane und Kurzgeschichten - "Der große Gatsby" etwa galt 1925 als ziemlicher Flop.

F. Scott Fitzgerald und seine Frau Zelda waren das Vorzeigepaar des Jazz Age, schlagfertige Hedonisten, die vom Leben immer ein bisschen zu viel wollten - und einen hohen Preis dafür zahlten. Zeldas psychische Labilität verschlimmerte sich durch die endlosen Exzesse, den Alkohol, die Drogen und Affären, sie wurde immer wieder in Nervenheilanstalten eingeliefert. Und Scott Fitzgerald wuchsen die Schulden über den Kopf.

Um zu überleben, ging er erneut nach Hollywood: "Er war schon zweimal hier gewesen, jeweils als ganz anderer Mensch. Beim ersten Mal hatte er triumphal in die Stadt Einzug gehalten, das goldene Wunderkind und seine Flapper-Braut, hatte beim Aussteigen aus dem Zug Autogramme gegeben und mit Zelda für die Kameras posiert. (...) Doch als er jetzt den Bahnsteig betrat, war niemand da, um ihn zu begrüßen. Er nahm sein Gepäck, hielt ein Taxi an und verschwand im Verkehr."

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Stewart O'Nan erzählt die Geschichte eines Mannes, der in seinem Leben nichts mehr wollte, als Erfolg zu haben und dazuzugehören zur Welt der Reichen und Schönen und Gebildeten, der aber auch, als er es geschafft hatte, das Gefühl nicht loswurde, ein Außenseiter zu sein, ein Emporkömmling. Für jemanden wie ihn, der nicht nur großartige Geschichten erfunden hat, sondern seine gesamte Existenz in eine Fiktion verwandelt hat, ist die Traumfabrik Hollywood eigentlich der logische Endpunkt. "Das war das Problem mit Hollywood: Alles verwandelte sich in einen Plot", lässt O'Nan seinen Helden denken.

Doch ein Problem wird es nur, weil Fitzgerald versucht, ein neues Leben zu beginnen, ein normales, fast schon durchschnittliches Leben, von dem er einfach nicht weiß, wie es funktionieren könnte. Und so zerstört er immer wieder, was er sich mühsam aufgebaut hat. Besäuft sich, bis er in der Gosse landet und selbst anspruchsloseste Jobs nicht mehr erledigen kann.

Bogart war einer der letzten Freunde

Während ihm immer mehr Freunde den Rücken zukehren und eine Studiotür nach der anderen vor seiner Nase zugeknallt wird, gibt es immerhin eine Person, die ihm noch Halt gibt: Sheilah Graham, eine britische Klatschkolumnistin, in die er sich verliebt, weil sie ihn an die junge Zelda erinnert, weil sie schön ist und stilvoll und offensichtlich aus bestem Hause stammt. Ironischerweise entpuppt sie sich bald als Aufsteigerin, wie er selbst einer ist. Aus ärmsten Verhältnissen kommend, hat sie sich eine neue Identität zugelegt, um ein Leben im Luxus zu führen.

Das Paar streitet sich, versöhnt sich, trennt sich, findet wieder zusammen - heutige Klatschmagazine würden On-off-Beziehung dazu sagen. Das größte Problem waren wohl die Schuldgefühle Fitzgeralds, der immer noch mit Zelda verheiratet war und sich ihr verpflichtet fühlte, auch wenn er sie immer seltener in ihrem Sanatorium besucht.

Diese wenigen Besuche Fitzgeralds bei Zelda sind die stärksten Szenen, die O'Nan in "Westlich des Sunset" gelingen, weil sie eindrücklich zeigen, wie eine überlebensgroße Liebe nach und nach porös wird, bis sie sich in etwas ganz anderes verwandelt, eine Mischung aus Mitleid und Überdruss.

Auch die anfangs fiebrige, erst später zögernde Annäherung zwischen Fitzgerald und Graham, die Fragilität dieser Beziehung, schildert O'Nan mit enormer Einfühlsamkeit: "Es war zu spät. Nichts war geklärt, auch nachdem sie ihn an der Hand gefasst und sie sich geküsst hatten und weitergegangen waren, hatte er Angst, etwas Falsches zu sagen. Die tosenden Wellen erfüllten die Stille. (...) In dieser Gegend sollte es Seehunde und Delfine geben, doch sie sahen bloß Möwen."

Es sind Passagen wie diese, in der die Geschichte eine emotionale Sprengkraft entwickelt, die andere Passagen des Romans vermissen lassen. Vor allem Hollywood ist nicht viel mehr als eine Kulisse: Die Filmpremieren in Grauman's Chinese Theatre, die Partys mit Humphrey Bogart, einem der wenigen Freunde, die Fitzgerald geblieben waren, die Mittagessen in der Studiokantine mit Dorothy Parker und den anderen Intellektuellen, Schauspielern und Autoren, die sich gegen den Nationalsozialismus starkmachen - alles wird abgehandelt, aufgezählt, ohne zu überraschen, ohne dass O'Nan wirklich etwas damit anzufangen weiß.

Ein bisschen erinnert der Roman an eine TV-Serie wie "Boardwalk Empire", wo mit großem Aufwand und viel Talent eine Welt evoziert wird, die zwar endlose Oberflächenreize bietet, aber am Ende doch leer ist.

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insgesamt 8 Beiträge
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licorne 30.03.2016
1. Fitzgerald der eitle Jetsetter
tourte zwischen der französischen Riviera und den Alpen mit den passenden Freunden. Später war er pleite, die Frau in einer teuren Klinik, die Tochter in einer teuren Schule. Er war starker Alkoholiker und trauerte seinem kurzen Ruhm nach und schaute gleichzeitig neidisch auf Hemingway, dessen Erfolg stetig anstieg. Diese Klatschkolumnistin Sheilah Graham, die auch Freunde und Ehemänner nach Ruhm und Portemonnaie aussuchte, kümmerte sich um ihn. Sie war eine Kämpferin, während er besseren Zeiten nachtrauerte. Die Biographie von Frau Graham (1959, auf Deutsch leider vergriffen) ist hochinteressant. Ihr Sohn hat übrigens auch ein Buch über seine Mutter und ihren Liebhaber geschrieben.
Akhenaten 30.03.2016
2. Hemingway war der Erfolreiche aber Fitzgerald des Bessere
und Hemingway wußte es. The Great Gatsby ist das größte Buch der amerikanischen Literatur. Scott's Tragödie war es mit Zelda verheiratet zu sein, die ihn runterzog auf ihr Niveau, ihm keine Muse war und keine Stütze. Was hätte er sonst noch für Bücher schreiben mögen. Sein früher Tod war eine Tragödie.
thomasmann 30.03.2016
3. Danke....
Zitat von licornetourte zwischen der französischen Riviera und den Alpen mit den passenden Freunden. Später war er pleite, die Frau in einer teuren Klinik, die Tochter in einer teuren Schule. Er war starker Alkoholiker und trauerte seinem kurzen Ruhm nach und schaute gleichzeitig neidisch auf Hemingway, dessen Erfolg stetig anstieg. Diese Klatschkolumnistin Sheilah Graham, die auch Freunde und Ehemänner nach Ruhm und Portemonnaie aussuchte, kümmerte sich um ihn. Sie war eine Kämpferin, während er besseren Zeiten nachtrauerte. Die Biographie von Frau Graham (1959, auf Deutsch leider vergriffen) ist hochinteressant. Ihr Sohn hat übrigens auch ein Buch über seine Mutter und ihren Liebhaber geschrieben.
Ich bin sehr erfreut dies hier zu lesen, es ist die banale Wahrheit. Aber wen interressiert das schon. Wie so viele hochgepriesene amerikanische Literatur ist der Gatsby keineswegs ein so tolles Buch, Courts-Mahler auf englisch halt. Deswegen ist es so populär, aber gut? Gatsby ist bei genauerem Hinsehen ein nichtsnutziger Depp, keinem fällt auf, dass typisch für FSF im ganzen Buch nicht ein einziges Wort daran verschwendet wird, wo all sein Geld denn herstammmt.... FSF war keineswegs ein grosser Schriftsteller ihn mit Hemingway zu vergleichen ist absurd, aber er spricht halt eine Gesellschaftsschicht an, die sich gern für gebildet hält, weil sie alles nachplappert was sie für gross hält. Geistig 12jährige, die auch den Fänger im Roggen für toll hält, weil sie sich auch mit dem identifizieren können...
helisara 31.03.2016
4. Fitzgerald oder Hemingway
Fitzgerald war besser als Hemingway und das hat Hemingway einmal selbst zugegeben. Im "Gatsby" wird kein Wort daran verschwendet, woher der Reichtum stammt? Na, das erfährt man ziemlich schnell, man muß nur lesen können. Hemingway war natürlich direkter. Ein guter Reporter, aber ein schlechter Schriftsteller. Furchtbarer Stil, holzschnittartige Charaktere, banale Dialoge. Abenteuerliteratur für Jungens die gern harte Männer wären. Eines muß man Hemingway lassen, er war ein Meister der Selbstinsznenierung und schrieb gute Filmvorlagen. Wie auch der Trivialautor Robert Bloch.
goodmorrow 31.03.2016
5. Oberflächlich?
Zitat von thomasmannIch bin sehr erfreut dies hier zu lesen, es ist die banale Wahrheit. Aber wen interressiert das schon. Wie so viele hochgepriesene amerikanische Literatur ist der Gatsby keineswegs ein so tolles Buch, Courts-Mahler auf englisch halt. Deswegen ist es so populär, aber gut? Gatsby ist bei genauerem Hinsehen ein nichtsnutziger Depp, keinem fällt auf, dass typisch für FSF im ganzen Buch nicht ein einziges Wort daran verschwendet wird, wo all sein Geld denn herstammmt.... FSF war keineswegs ein grosser Schriftsteller ihn mit Hemingway zu vergleichen ist absurd, aber er spricht halt eine Gesellschaftsschicht an, die sich gern für gebildet hält, weil sie alles nachplappert was sie für gross hält. Geistig 12jährige, die auch den Fänger im Roggen für toll hält, weil sie sich auch mit dem identifizieren können...
Das ist zu schroff und zudem auch sachlich falsch. Die Herkunft von Gatsbys Vermögen - Alkoholschmuggel - ist sehr wohl Thema des Textes: Sein Rivale Tom, der im Unterschied zu Gatsby "Old Money" ist, deckt das in einer Schlüsselszene auf und stellt Gatsby damit als halbseidenen Emporkömmling dar. Den Vergleich mit Hemingway finde ich ohnehin müßig, er und Fitzgerald sind ganz unterschiedliche Schriftsteller-Typen. Im "Gatsby" geht es, und das passt gut zum Artikel, um den Aufbau einer Scheinwelt, einer grandiosen Oberfläche, um die Idee, Herr (und Erfinder!) des eigenen Schicksals zu sein, und um das Verfolgen eines Lebenstraumes. Der Text wird daher häufig als Kommentar zum "American Dream" gelesen, und das passt auch. Die Oberflächlichkeit, die sie dem Buch unterstellen, ist also Thema des Textes, aber dieser Text selbst ist überhaupt nicht oberflächlich.
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