Stimmen zum Tod von Marcel Reich-Ranicki "Schmerzlicher Verlust für das kulturelle Leben in Deutschland"

Er war ein wortmächtiger Kritiker und eine moralische Instanz: Mit Marcel Reich-Ranicki ist einer der bedeutendsten Literaturkritiker Deutschlands gestorben. Kunstschaffende, Politiker und ehemalige Weggefährten zeigten sich bestürzt über die Todesnachricht.

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Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki beim Fernsehpreis 2008
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Thomas Gottschalk und Marcel Reich-Ranicki beim Fernsehpreis 2008

Thomas Gottschalk, mit dem Marcel Reich-Ranicki seit der legendären Ablehnung des Deutschen Fernsehpreises im Jahr 2008 freundschaftlich verbunden war, sagte SPIEGEL ONLINE: "Man musste ihn lieben, weil er gesagt hat, was er dachte - und sich keine Sekunde darum scherte, was andere davon halten würden. Fürchten musste man ihn, weil er dabei weder Freund noch Feind kannte. Was ihm nicht in den Kram passte, wischte er unwirsch zur Seite. Das konnte auch mal ein Fernsehpreis sein. Von Marcel Reich-Ranicki habe ich gelernt, dass man seine Überzeugung nicht dem Gegenüber anpassen darf, sondern finster entschlossen herausschleudern muss. Leider bin ich noch nicht so weit, es auch zu tun - und werde ihn auf dem Wege, es weiterhin tapfer zu versuchen, schmerzlich vermissen."

Bundespräsident Joachim Gauck sagte: "Er, den die Deutschen einst aus ihrer Mitte vertrieben haben und vernichten wollten, besaß die Größe, ihnen nach der Barbarei neue Zugänge zu ihrer Kultur zu eröffnen. Mit Marcel Reich-Ranicki verliert die deutsche Literatur ihren leidenschaftlichsten Streiter und ihren entschiedensten Anwalt."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte den Verstorbenen: "Wir verlieren in ihm einen unvergleichlichen Freund der Literatur, aber ebenso der Freiheit und der Demokratie. Ich werde diesen leidenschaftlichen und brillanten Mann vermissen." Nicht einmal der mörderische Hass der Nazis habe ihm seine Liebe zu den deutschen Dichtern austreiben können. Man könne nur dankbar dafür sein, dass der Sohn einer jüdischen deutsch-polnischen Familie, der Verwandte in den NS-Vernichtungslagern verloren habe, sein Zuhause wieder in Deutschland gefunden und dem Land so viel gegeben habe.

Iris Radisch, Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki in "Das literarische Quartett"
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Iris Radisch, Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki in "Das literarische Quartett"

Hellmuth Karasek, der mit Marcel Reich-Ranicki von 1988 bis 2001 die Literatursendung "Das literarische Quartett" bestritt, sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich habe mit Marcel Reich-Ranicki einen der für mich wichtigsten Menschen der Welt verloren. Er hat mich an den Rand seiner Bedeutung und seines Ruhms geführt. Noch heute werde ich bei Lesungen darauf angesprochen, warum es nicht mehr "Das literarische Quartett" gebe. Sein Tod erfüllt mich mit tiefer Trauer und einem sehr schlechten Gewissen, dass ich es nicht mehr geschafft hatte, ihn nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus persönlich zu sprechen. Wir hatten uns für die kommende Buchmesse in Frankfurt verabredet, doch zu diesem Treffen wird es nun leider nicht mehr kommen. Von unserer letzten persönlichen Begegnung ist mir ein merkwürdiger Satz von Marcel in Erinnerung geblieben. Er fragte mich: 'Bist du auch so ungeduldig?' Ich weiß bis heute nicht, was er damit gemeint haben könnte."

"Sein Tod ist ein schwerer und schmerzlicher Verlust für das kulturelle Leben in Deutschland. Seine Biografie war aufs engste verknüpft mit den Irrwegen und Höhen deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert", sagte SPD-Fraktionsvorsitzende Frank-Walter Steinmeier zum Tode von Marcel Reich-Ranicki und bezeichnete ihn als Institution. Reich-Ranicki habe als Kritiker, als Publizist und Schriftsteller die literarische Kultur des Landes über mehrere Jahrzehnte geprägt wie kein zweiter. Zugleich sei er eine moralische Instanz gewesen, "die tiefen Respekt und höchste Anerkennung bei allen Menschen in Deutschland genossen hat."

"Ich habe die Nachricht vom Tod Marcel Reich-Ranickis mit tiefer Trauer aufgenommen. Wir trauern gemeinsam mit seiner Familie", sagte Außenminister Guido Westerwelle (FDP). "Mit Marcel Reich-Ranicki geht ein ganz Großer der deutschen Literaturkritik. Seine stets klare Sprache hat über viele Jahrzehnte die Debatten in unserem Land bereichert, seine Liebe zur deutschen Literatur viele Menschen in unserem Land beflügelt. Dass er als junger Überlebender des Warschauer Ghettos Deutschland nie den Rücken gekehrt hat, werden wir Deutsche ihm nie vergessen."

Die Grünen würdigten Marcel Reich-Ranicki als Glücksfall nicht nur für die deutsche Literatur, sondern für die deutsche Gesellschaft als Ganzes. "Bis ins hohe Alter hat sich Reich-Ranicki tatkräftig dafür eingesetzt, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen", erklärten die Fraktionsvorsitzenden Renate Künast und Jürgen Trittin sowie die Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckardt, in Berlin. Viele Jahrzehnte lang habe er die Entwicklung der deutschen Literatur nicht nur beschrieben und beobachtet, sondern mitgestaltet. "Er hat dabei kein Blatt vor den Mund genommen."

Die Deutsche Verlags-Anstalt, die unter anderem Reich-Ranickis Biografie veröffentlicht hatte, zeigte sich bestürzt über den Tod des Literaturkritikers. "Mit ihm verliert die Deutsche Verlags-Anstalt einen ihrer herausragendsten Autoren. Wichtiger noch: Die Welt der Literatur verliert den bedeutendsten und einflussreichsten Kritiker und Vermittler von Literatur nach 1945", so Verlagsleiter Thomas Rathnow. "Marcel Reich-Ranicki hat wie kein anderer mit Witz, mit Schärfe, mit Sinn für klare Urteile der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur zu breiter Beachtung verholfen." Seine Entscheidung, nach der Verfolgung durch die Nationalsozialisten trotzdem in Deutschland zu leben, sei "ein außergewöhnliches Geschenk" gewesen.

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels erklärte: "Marcel Reich-Ranicki hat wie kein anderer in unserem Lande der Literatur Rang und Bedeutung gegeben. Er hat dies vermocht, weil er die Literatur geliebt hat", sagte der Vorsteher des Vereins, Gottfried Honnefelder.

Der Präsident der Schriftstellervereinigung PEN-Zentrum Deutschland, Josef Haslinger, sagte: "Er war im Nachkriegsdeutschland eine zentrale Figur, nicht nur der Literaturkritik, sondern auch der literarischen Entwicklung des Landes". Reich-Ranicki sei es auch gelungen, in der ZDF-Sendung "Das Literarische Quartett" eine "Popularität zu erringen wie kein anderer Literaturkritiker".

lei/kuz/dpa

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insgesamt 9 Beiträge
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PsyDyn 18.09.2013
1. So ist es
Die Lektüre seiner Autobiographie sei jedem empfohlen. Unverbesserliche Nazis wird das, wie jeden Wahnkranken, nicht an ihrem Gedankenmüll zweifeln lassen. Aber jeder halbwegs Denkfähige kann aus diesem Buch lernen, was Liebe zur Literatur wirklich bedeuten könnte, und wie sie selbst in grauenhafte Situationen noch Licht bringen kann. Ich persönlich habe von ihm sehr viel Witz, schwarzen Humor und enorm viel an Verständnis für die "Sinnlichkeit im Schriftlichen" gelernt. Danke, MRR.
hafenlude 18.09.2013
2. Nachruf
Vielen Dank! Ihre Lebensleistung war einmalig und ein gesellschaftlicher Gewinn für uns alle. Sie hatten mich stets bewegt und meinen Geist beflügelt. Vielen Dank! Ein 33 jähriger
thg 18.09.2013
3. eckig. kantig. bissig.
wortgewaltig. mitunter aggressiv. aber nicht unfair. wie gut dass es ihn gab. wie schade dass er nun gegangen ist. wie wunderbar dass er eine person meiner zeit war und ich erleben durfte was verzeihen bedeutet und wie schwierig es ist die unangenehmen dinge der vergangenheit am leben zu halten.
mr.feelgood 18.09.2013
4.
Ein schmerzlicher Verlust ist der Tod Marcel reich - Ranickis sicherlich für unser Land und andere deutschsprachigen Länder, die er im wahrsten Sinne des Wortes mit seiner Persönlichkeit be"reich"ert hat. Unser Land ist nun wieder etwas ärmer geworden durch seinen Tod . Lassen wir ihn noch einmal zu Wort kommen: Marcel Reich-Ranicki spricht mit Walter Janson - Wortwechsel - SWR FERNSEHEN - YouTube (http://www.youtube.com/watch?v=YzcFjwRjtrI) Vielen Dank für alles! Ich habe (fast) immer gerne gelauscht und zugestimmt, wenn Sie ihre Kritiken ausführten. Für Ihre Rhetorik habe ich Sie bewundert und Sie manchmal auch verlacht. Doch immer liebevoll.
Uwe E. Nimmrichter 18.09.2013
5. Er wird fehlen
Die Welt wird ohne ihm ärmer sein. Seine Stimme wird fehlen. Ein bewunderswerter Mensch, der kämpfen und auch verzeihen konnte, der sich nie hat verbiegen lassen und nie aufgegeben hat. Er hat mit seinem Leben viele Leben geprägt. Auch meines.
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