Streit um Biografie Günter Grass klagt gegen SS-Vorwurf

Günter Grass zieht gegen den Verlag seines eigenen Biografen Michael Jürgs vor Gericht - der hatte behauptet, Grass habe sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Der Literaturnobelpreisträger kontert nun mit einer eidesstattlichen Versicherung.

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Es mutet kurios an: Ein Literaturnobelpreisträger zieht vor Gericht, um sich gegen seinen eigenen Biografen zu Wehr zu setzen - und sich so seine Version seines eigenen Lebens gleichsam amtlich bestätigen zu lassen.

Das wird ein Prozess!

Nobelpreisträger Grass: Formulierungsringkampf mit seinem Biografen
DDP

Nobelpreisträger Grass: Formulierungsringkampf mit seinem Biografen

Stellvertretend für Günter Grass hat sein Berliner Anwalt Paul Hertin am Mittwoch eine Unterlassungsklage beim Landgericht Berlin gegen die Verlagsgruppe Random House, zu der der Goldmann-Verlag gehört, eingereicht. Das bestätigte Hertin heute gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zum Prozess kommt es nach seiner Einschätzung allerdings erst im kommenden Jahr, Hertin geht von März oder April aus. Die Verhandlung wird öffentlich sein.

Anlass für den Streit ist eine Passage in der aktualisierten Grass-Biografie von Michael Jürgs, die im Oktober 2007 im Goldmann-Verlag erschienen ist. Dort ist zu lesen: "Günter Grass bekannte, seine Nuss knackend, sich als Siebzehnjähriger freiwillig zur Waffen-SS gemeldet zu haben."

"Jürgs ist klar übers Ziel hinausgeschossen"

Die Klage wendet sich gegen die Behauptung, Grass habe sich freiwillig gemeldet. Der Autor besteht darauf, er sei lediglich zur Waffen-SS einberufen worden. In der ersten Version der Biografie aus dem Jahr 2002 kam die strittige Formulierung nicht vor. Jürgs hatte sie für die Neuauflage nachträglich eingefügt, nachdem Grass seinerseits 2006 in der Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" seine SS-Vergangenheit gebeichtet hatte.

Der nun eingereichten Klageschrift ging ein längeres Geplänkel zwischen den Anwälten voraus. Bereits am 5. Oktober hatte Grass' Anwalt dem Goldmann-Verlag ein Schreiben zugestellt, in dem es heißt, Jürgs' Behauptung beeinträchtige Grass' Persönlichkeitsrechte. Anwalt Hertin hatte damals gegenüber SPIEGEL ONLINE gesagt: "Herr Jürgs ist klar übers Ziel hinausgeschossen - und zwar ganz bewusst. Er ist schließlich Vollprofi und kann die Bedeutung seiner Worte sehr genau einschätzen."

Dem Brief ließ Hertin eine Unterlassungserklärung beilegen, deren Frist am 11. Oktober ablief. Doch nachdem die Frist verstrichen war, passierte lange gar nichts. Durchaus ungewöhnlich, denn der nächste Schritt wäre nach gängiger juristischer Praxis gewesen, eine einstweilige Verfügung gegen das Buch zu erwirken. Dazu hätte Grass allerdings an Eides statt versichern müssen, dass er nicht freiwillig in die Waffen-SS eingetreten ist.

Das lange Schweigen der Gegenseite ließ Goldmann-Justitiar Rainer Dresen zwischenzeitlich frohlocken. Die "FAZ" schrieb: "Die vom Gericht geforderte, für die Durchsetzung der Klage nötige eidesstattliche Versicherung, er sei nicht freiwillig der SS beigetreten, habe Grass, so Dresen weiter, vermutlich lieber nicht abgeben wollen." Immerhin: Eine falsche eidesstattliche Versicherung ist mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren belegt.

"Käme ich dann im Tiger-Panzer zum Einsatz?"

Offenbar irrt der Goldmann-Justitiar Dresen. Denn der Klageschrift, die Hertin für Grass beim Landgericht Berlin eingereicht hat, hat er eine eidesstattliche Versicherung des Nobelpreisträgers beigefügt.

So versichert Grass laut Anwalt Hertin an Eides statt: "Meiner Darstellung in meinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" liegen folgende, von mir klar erinnerte Fakten zugrunde: Ich habe mich als 15-Jähriger in Gotenhafen freiwillig zur Wehrmacht gemeldet, und zwar zum Dienst bei der U-Boot-Waffe, ersatzweise zur Panzerwaffe. Mit einer Meldung zur Waffen-SS hatte das weder direkt noch indirekt irgendetwas zu tun. Die Einberufung zur Waffen-SS erfolgte ohne mein aktives Zutun erst im Zuge der Zustellung des Einberufungsbefehls im Herbst 1944."

Hertin will das Gericht nun ersuchen, einen externen Sachverständigen zu bestellen, der die Plausibilität der Behauptung Jürgs' mit einem wissenschaftlichen Gutachten untersuchen soll; einen unabhängigen Experten, wie Hertin betont, damit nicht Fachgutachten gegen Fachgutachten stehe.

Bei Goldmann hatte man sich schon Anfang Oktober mit einem dreiseitigen Schreiben an Grass' Anwalt argumentativ gerüstet. Grass habe sich, wie auf Seite 113 in seiner Autobiografie nachzulesen sei, "freiwillig zur U-Boot-Waffe oder zu den Panzern gemeldet" und zudem gefragt: "Käme ich dann im Tiger-Panzer zum Einsatz?" Und da er sich als Jugendlicher darstelle, der außergewöhnlich gut über Militärisches informiert war, hätte er "wissen müssen, dass die Tiger vorrangig den schweren Panzerabteilungen der Waffen-SS zugeteilt wurden."

"Persönlich enttäuscht"

Zudem schreibe Grass, dass ihm "die doppelte Rune am Uniformkragen nicht anstößig" gewesen sei. Die Goldmann-Seite sieht das als Indiz dafür, dass Grass aus damaliger Sicht mit der Waffen-SS - und somit mit seiner Einziehung - kein Problem gehabt habe.

Dresen sieht dem Verfahren gelassen entgegen - trotz der eidesstattlichen Versicherung von Grass. "Es fehlt die klare und einfache Aussage: Ich habe mich nicht zur Waffen-SS gemeldet", sagte Dresen gegenüber SPIEGEL ONLINE. Er fügte hinzu: "Und es fehlt auch die Aussage, dass Grass mit der Meldung zur Panzerwaffe die Wahrscheinlichkeit vergrößert hat, bei der Waffen-SS zu landen. Und das ist ja unsere Kernargumentation."

Jürgs' und Grass' Formulierungsringkampf hat wohl auch eine persönliche Komponente: Als Grass am 12. August 2006 in der "FAZ" verlauten ließ, Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein, zeigte sich Grass-Biograf Jürgs "persönlich enttäuscht", weil der ihm dieses nicht ganz unwichtige Detail verschwiegen hatte.

Ein kleiner Trost bleibt Jürgs: Sein Buch bleibt bis zu einem rechtskräftigen Urteil im Verkauf - mit der umstrittenen Passage.



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