Streit um Larsson-Nachruhm Verblendung, Verdammnis, Verleumdung

Konnte Stieg Larsson gar nicht schreiben? In einer schwedischen Biografie stellt ein Wegbegleiter das Talent des Autors in Frage. Larssons Lebensgefährtin Eva Gabrielsson wiederum will ihm bei der "Millennium-Trilogie" geholfen haben - und arbeitet an ihrer Version der Geschichte.

Von Ulrich Baron


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Stieg Larsson: Autor ohne Talent?
Weit über 15 Millionen weltweit verkaufte Bücher seiner Millennium-Trilogie mit den Bänden "Verblendung", "Verdammnis" und "Vergebung". Im Jahre 2009 der Kinoerfolg der Verfilmung des ersten Teils. Dazu ein Autor, der seit über fünf Jahren tot ist und kein Testament hinterlassen hat - nur einen letzten Willen. Darin benannte er 1977 den Kommunistischen Arbeiterbund seines Geburtsortes Umeå als Erben - juristisch bindend ist das Dokument nicht. Das weckt nicht nur die Begehrlichkeiten Erbberechtigter, sondern auch üble Verdächtigungen.

Larssons ehemaliger Kollege Anders Hellberg sagte dem Bestsellerautor mangelnde Professionalität nach und behauptete, der habe gar nicht schreiben können. Kurdu Baksi, politischer Weggefährte und Autor der gerade in Schweden erschienenen Biografie "Min vän Stieg Larsson" ("Mein Freund Stieg Larsson") beschreibt ihn als einen Mann, dem der Kampf gegen den Rechtsextremismus wichtiger gewesen sei, als die Beachtung journalistischer Grundregeln.

Das bestätigt freilich nur den Eindruck, den man als Leser längst hatte: Der Ruhm des Journalisten Stieg Larsson hatte trotz seines antifaschistischen Engagements beim schwedischen Magazin "Expo" nie jene Strahlkraft, die der Erfolg des Romanautors posthum entfalten sollte. Doch journalistische Professionalität und Talent zum Thriller-Autor haben wenig miteinander zu tun.

Fegefeuer des journalistischen Super-GAUs

Weder Larssons journalistische Ex-Kollegin Liza Marklund, noch der Jurist John Grisham sind in ihren Metiers durch Spitzenleistungen aufgefallen, bevor sie sich dem Schreiben von Thrillern zuwandten. Auch am Anfang von "Verblendung" scheint die journalistische Karriere des Helden Mikael "Kalle" Blomquist gescheitert. Er ist wegen übler Nachrede gegen einen Großindustriellen zu einer Haft- und Geldstrafe verurteilt worden. Damit hat das fiktive Gericht seinem literarischen Helden vergleichbare journalistische Schwächen vorgeworfen, wie man sie Stieg Larsson selbst jetzt nachsagt.

Aber gerade der Gang durch das Fegefeuer seines journalistischen Super-GAUs hat Blomquist von etwas befreit, was die Arbeit richtiger Journalisten so viel mühsamer und langweiliger macht als die ihrer Krimi-Kollegen: Im Kriminalroman wird die lästige Beweispflicht durch eine spannende Jagd auf die Täter ersetzt. Am Ende ist der Fall geklärt, und oft wird durch einen Showdown verhindert, dass die Bösen doch noch freigesprochen werden.

So gelingt im Krimi, was im Leben nie glücken will. Larssons Trilogie kreist um zwei Menschen, die nach niederschmetternden Schicksalsschlägen über sich selbst hinauswachsen und der Macht des Geldes wie der des Staates erfolgreich trotzen. Der eine, indem er mit seinem ungeliebten, von Astrid Lindgrens kleinem Detektiv Kalle Blomquist inspiriertem Spitznamen Ernst macht, und vom Journalismus zur direkten Aktion überwechselt. Und Lisbeth Salander, das missbrauchte Kind des schwedischen Wohlfahrtstaates, indem sie das Vorbild Pippi Langstrumpfs mit dem einer schwarzen Rächerin kombiniert, der die perfekte Beherrschung des Internets fast magische Kräfte verleiht.

"Das Jahr nach Stieg"

Als Krimiautor konnte Larsson so schreiben, wie ein Journalist nie schreiben dürfte. Wenn man ihn jetzt einen "mediokren" Journalisten nennt, macht ihn das als Schöpfer der Millennium-Trilogie eher glaubwürdiger. Geht es darin doch nicht nur um Sozialkritik, sondern um Sozialkritik plus Wunscherfüllung. Dass Eva Gabrielsson ihrem Lebensgefährten beim Schreiben geholfen haben will, spricht nicht gegen seine Originalität, sonst müsste man jede Lektorin stets als Co-Autorin nennen. Es erklärt aber die Vehemenz, mit der sie sich dagegen wehrt, dass mit den Tantiemen auch die Verfügungsgewalt über Larssons Werk an dessen Familie geht - sie ist nicht mit ihm verheiratet.

Auch Eva Gabrielsson arbeitet an einer Biografie, die den Titel "Das Jahr nach Stieg" tragen soll. Und sie kann als Beraterin immerhin auf die Bühnenfassung von "Verblendung" Einfluss nehmen, die unter dem Originaltitel "Männer, die Frauen hassen" Ende dieses Jahres am Kopenhagener Nørrebro-Theater aufgeführt werden soll.

Ob Larssons vierter Roman, von dem sie 200 Seiten auf einen Computer haben will, jemals erscheinen wird, bleibt aber ungewiss. Dafür wird seine eigene Geschichte nun umso öfter erzählt werden.

Es ist die Geschichte eines nicht mehr jungen Mannes, der zu viel geraucht, zu viel Kaffee getrunken und aus dem, was er selbst nicht werden konnte, eine Romanserie gemacht hat. Es ist eine Geschichte, die kein Happy End, ja bislang nicht einmal ein anständiges Ende bekommen hat.



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Seite 1
schensu 29.01.2010
1. Egal
Zitat von sysopKonnte Stieg Larsson gar nicht schreiben? In einer schwedischen Biografie stellt ein Wegbegleiter das Talent des Autors in Frage. Larssons Lebensgefährtin Eva Gabrielsson wiederum will ihm bei der "Millennium-Trilogie" geholfen haben - und arbeitet an ihrer Version der Geschichte. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,674784,00.html
Das ist in erster, zweiter und auch dritter Linie wurscht! Die Millennium-Trilogie war eines der besten zeitgenössischen Krimi- und gesellschaftskritischen Werke, das ich je gelesen, ja verschlungen habe. Sie hat einen ihr gebührenden Ehrenplatz in meinem umfangreichen Bücherregal. Auch für die überraschend gelungenen Verfilmung des ersten Teiles kann ich nur das Prädikat "Ausgezeichnet" vergeben. Die kleinlichen Auseinandersetzungen der Hinter- und Zurückgebliebenen wird die ihm eigene Größe des Werkes nicht beschädigen.
HorstBernatzky 29.01.2010
2. Günter Wallraff grüßt von "Ganz unten"
Erinnert mich vage an das was Günter Wallraff nach seinem Erfolg von "Ganz unten" erlebt hat.
Felicitas Flötotto 30.01.2010
3. Spannende Schmöker
Gut gemachte Unterhaltung und bis auf wenige sprachliche Plattheiten (Band III, S. 218, Mitte, "nachholen") ist den Autoren eine solide Reihe gelungen, bei der ich nicht böse bin, daß das bisher erreichte nicht evtl. durch sieben weitere Abenteuer des Paares verwässert wird. Da ich kurz vorher einige Bände der "Wallander"-Serie las,und direkt vergleichen kann, gewinnt m. E. Larsson hier deutlich in Stil und Spannung, vor allem die Mankell-Übersetzungen, die nicht von Wolfgang Butt stammen, fallen hier sprachlich sehr ab. Mankells Werke sind eben zehn Jahre älter als die Trilogie.
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